Gefängnisausbruch Limmattal

Bedingte Strafe für Angela Magdici: So erklären sich die Richter

Am Dienstag musste sich Angela Magdici vor Gericht verantworten: Die 33-jährige Gefängnisaufseherin verhalf Hassan Kiko zur Flucht. Die Richter verurteilten sie zu 15 Monaten Haft auf Bewährung. Das hat auch damit zu tun, dass sie nur einen Häftling freiliess.

 Aufseherin Angela M. hatte den verurteilten syrischen Sexualstraftäter Hassan K. aus dem Gefängnis Limmattal in Dietikon befreit. Und flüchtete mit ihm nach Italien. Darüber mussten die Richter am Dienstag nicht diskutieren. Denn die Frau war geständig. Die Frage war aber, ob sie nur wegen Entweichenlassens eines Gefangenen oder auch noch wegen Begünstigung verurteilt werden soll. Begünstigung bedeutet einfach gesagt, einen Straftäter vor dem Zugriff der Justiz zu schützen.

Hier kommt Angela Magdici vor Gericht

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Dietikon - 24.1.17 - Angela Magdici steht am Dienstag vor dem Bezirksgericht Dietikon. Sie muss sich wegen Entweichenlassens von Gefangenen vor Gericht verantworten.

Während Staatsanwältin Anette Schmidt eine Haftstrafe von 20 Monaten bedingt und 7 Monaten unbedingt forderte, erachtete Verteidiger Urs Huber eine 6-monatige bedingte Strafe als angemessen. Man könne Angela M. nicht auch noch wegen Begünstigung verurteilen. Schliesslich habe es sich nur um eine Tat gehandelt. So sah es auch das Obergericht Ende April voraus, als es gegen den Willen der Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis Angela M. aus der Untersuchungshaft entliess. Grund: Es sei nur mit einer bedingten Strafe zu rechnen.

Flucht als solche sei nicht bestrafbar

Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher und die Bezirksrichter Claudia Keller und Benedikt Hoffmann sahen es ähnlich. Zwar sei Angela M. nicht vom Vorwurf der Begünstigung freizusprechen, aber man könne sie dafür, also zum Beispiel für die Flucht mit dem Auto nach Italien, nicht zusätzlich bestrafen, das Strafgesetzbuch schliesse dies aus. Die Flucht habe letztlich nur dazu gedient, den Erfolg des Entweichenlassens zu sichern, so das Gericht weiter.

Hier geht es zu den 7 wichtigsten Fragen und Antworten des Gerichtsprozesses.

Fall Magdici: Das sagte ihr Verteidiger vor dem Urteil

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So kommt es also, dass Angela M. nicht ins Gefängnis muss, sondern 15 Monate bedingt erhält. Aeschbacher machte klar: «Die Maximalstrafe für das Entweichenlassen von Gefangenen beträgt drei Jahre, auch wenn in den sozialen Medien eine zehnjährige Strafe gefordert wird.»

Nur einen Häftling freigelassen – ohne Gewalt

Da Angela M. nur einen Gefangenen freigelassen hat, den zweiten Gefängnisaufseher in keiner Weise ausser Gefecht setzte und auch keinen Sachschaden verursachte, kam eine allzu hohe Strafe für das Gericht nicht infrage. Mit dem Urteil liege man deutlich unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft und deutlich über jenem des Verteidigers.

Die juristische Rechnung: Am Anfang stehen 14 Monate für das Entweichenlassen von Hassan K. Dazu kommt ein halber Monat, da Angela M. auf der Flucht die Verkehrsregeln verletzt hat: Auf der Weiningerstrasse in Dietikon ist sie mit dem geleasten BMW auf der falschen Strassenseite gefahren.

Internationales Interesse an Magdici-Prozess

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Wegen Fluchthilfe von Häftling Hassan Kiko soll die Gefängniswärterin eine Haftstrafe bekommen. Das Medieninteresse geht über die Landesgrenze hinaus.

Weitere eineinhalb Monate setzten die Richter obendrauf wegen der Sachentziehung, die Angela M. begangen hatte: Auf ihre Flucht nahm sie unter anderem den Generalschlüssel des Gefängnisses mit.

Gnade wegen «Pranger-Artikeln»

Am Schluss zogen die Richter noch einen Monat ab, da Angela M. seit dem durch die Ermittler veranlassten Fahndungsaufruf gross in den Schlagzeilen war. «Die Medien-Berichterstattung mit Prangerwirkung ist strafmildernd zu berücksichtigen», sagte Aeschbacher, «es ist aber darauf hinzuweisen, dass Sie selber die Öffentlichkeit gesucht haben.» Gemeint war die Videobotschaft, die Angela M. aus Italien den Schweizer Medien schickte.

Weitere strafmildernde oder straferhöhende Zustände gebe es nicht, so das Gericht. «Sie waren geständig, es gab aber auch nicht viel zu bestreiten. Noch heute ist wenig Reue erkennbar.» Angela M. schluchzte zwar bei ihrem Schlusswort. Aeschbacher hielt aber fest: «Sie bereuen das Misslingen, nicht die Tat selber.»

Sie arbeitet jetzt nachts in der Logistik

Gegen eine günstige Prognose spreche aber nichts, da Angela M. zum Beispiel nicht vorbestraft ist und sich schon wieder ins Arbeitsleben integriert hat. Am 15. Juni 2016 begann sie, 50 Prozent zu arbeiten, seit 7. November hat sie eine Stelle im Vollpensum. Sie arbeitet nachts in einem Lebensmittel-Logistik-Unternehmen.

Angela Magdici spricht über ihre Flucht

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Exklusiv im TalkTäglich spricht die 33-Jährige über die Hintergründe des Gefängnisausbruchs, ihre Motive und die Liebe zum Flüchtling Hassan Kiko.

Zusätzlich zur bedingten Strafe erhält Angela M. mehrere Rechnungen: 110 Franken muss sie ans Gefängnis Limmattal zurückzahlen. Es handelt sich dabei um den Warenwert der entwendeten Sachen, wie zum Beispiel des Generalschlüssels.

Warum sie die neuen Knast-Schlösser nicht zahlen muss

Die Staatsanwältin forderte zudem, dass sie 117 450 Franken Schadenersatz ans Gefängnis zahlen muss, da dieses nach dem Verlust des Schlüssels fast 900 Schliesszylinder auswechseln musste. Dafür gebe es aber zu wenig Anhaltspunkte, sagte das Gericht. Es lagen nur zwei Akonto-Rechnungen vor, aus denen die genau erbrachten Leistungen der Schlüsselfirma nicht ersichtlich waren.

Zahlen muss Angela M. hingegen die Gerichtsgebühr von 4500 Franken. Verlangt sie kein schriftliches Urteil, wird der Betrag um ein Drittel reduziert. Eine weitere Rechnung über die Untersuchungskosten wird sie noch erhalten. Verteidiger Urs Huber wird vom Staat mit 24 900 Franken entschädigt.

«Bedenklicher Akt von Selbstjustiz»

Gerichtspräsident Aeschbacher liess es sich zum Schluss nicht nehmen, auf einen sozusagen persönlichen Angriff durch Angela M. zu reagieren. Sie befreite Hassan K. insbesondere, weil sie das Vergewaltigungsurteil des Bezirksgerichts gegen ihn ungerecht fand. «Das ist ein bedenklicher Akt von Selbstjustiz», sagte Aeschbacher.

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