Erhebung
Bedenkliche Ergebnisse: Was ein Dietiker an der Limmat an Abfall findet

Philippe Keiser sammelte für eine Erhebung den Abfall an der Limmat ein. Die Ergebnisse sind bedenklich.

Daniel Diriwächter
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Philipp Keiser vom Citizen-Science-Projekt «Swiss Litter Report» findet am Dietiker Limmatufer in einer Stunde 92 Müll-Gegenstände.
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Der Swiss Litter Report ist eine nationale Erhebung von Littering-Abfällen an den wichtigsten Gewässern der Schweiz.
Durchgeführt wird die Studie, die zugleich auch eine Reinigungsaktion ist, von speziell ausgebildeten Freiwilligen. Sie erfassen den Müll mittels App.
Der Dietiker Philipp Keiser sammelt einmal pro Monat den Abfall, um ihn in der App zu erfassen.
Es ist erstaunlich, was er am Dietiker Limmatufer alles findet ...
... so beispielsweise auch ein Identitätskarte.
Auch nützliche Dinge findet Philipp Keiser. Diese kleine Gartenschaufel konnte er gleich fürs Müllsammeln gebrauchen.
Auch Bierdosen und weiteren Konsumabfall findet Philipp Keiser oft. Der Fall ist klar: Littering.
Ausser am Dietiker Limmatufer werden die Erhebungen für den Swiss Litter Report an 111 weiteren Orten durchgeführt.
Allein von April bis Dezember 2017 sammelten die Freiwilligen 80'000 Müllgegenstände.
Der abschliessende Swiss Litter Report wird dann im Juni veröffentlicht.
«Plastik aller Art kann auch von der Limmat her im Meer landen», sagt Philippe Keiser.
Philippe Keiser sammelt für eine Erhebung den Abfall ein
Die zwei einzigen Massnahmen dagegen: den Müll richtig entsorgen.
«Ich muss oft daran denken, wie viel wir erreichen würden, wenn jeder etwas Zeit investieren würde, um Abfall fachgerecht entsorgen», sagt Philipp Keiser.

Philipp Keiser vom Citizen-Science-Projekt «Swiss Litter Report» findet am Dietiker Limmatufer in einer Stunde 92 Müll-Gegenstände.

Chris Iseli

Philippe Keiser gräbt in Dietikon am Limmatufer im Sand, als wäre er ein Goldwäscher. Doch statt des Edelmetalls zieht er Überreste eines Plastiksacks aus dem Boden. Aber auch das ist für ihn ein Fundstück, das er mitnimmt. Denn Keiser sammelt den Abfall und registriert ihn für den Swiss Litter Report. Dabei handelt es sich um eine Erhebung von Littering-Abfällen an den wichtigsten Schweizer Gewässern. Durchgeführt wird sie vom Verein Stopp Plastic Pollution, dem WWF sowie der Bewegung Hammerdirt. «Als ich auf das Projekt aufmerksam wurde, war mir schnell klar, dass ich mitmachen werde», sagt der Student.

Die einjährige Erhebung startete im April 2017 und wurde monatlich an insgesamt 112 Standorten durchgeführt. Bis Dezember wurden von allen freiwilligen Helfern rund 80 000 Abfallgegenstände erfasst. Bis zum Ende des Projekts werden noch viele dazukommen. Auch in Dietikon: Keisers Suchgebiet ist das mit Kieselsteinen gesäumte linke Ufer an der Limmat unterhalb des Wehrs. «Als Freiwilliger konnte ich den Platz selbst wählen und hier schien es mir ideal», sagt der 29-Jährige. Damit er offiziell Teilnehmer für das sogenannte Citizen-Science-Projekt wurde, musste er zunächst eine Schulung beim WWF absolvieren. An einem Nachmittag lernte er, den Abfall in ein paar Dutzend Kategorien zu unterscheiden. «Es gibt beispielsweise nicht nur eine Sorte Papier, sondern auch plastifiziertes Papier. Das gilt es zu unterscheiden.»

Plastik steht im Fokus

Auch letzte Woche, am letzten Tag der Erhebung, findet Keiser so einigen Müll in der Erde, im Sand, zwischen den Steinen oder in den Bäumen und Sträuchern am Ufer. Von links nach rechts bewegt er sich mit Adlersaugen und füllt seinen Kehrichtsack mit immer mehr Abfall. Neben Zigarettenstummeln findet er leere Bierdosen, Glasscherben, Baumaterial, Plastik in allen Variationen und undefinierbare Dinge. «Ich habe hier auch schon einen Autoreifen und Elektrogeräte gefunden. Da frage ich mich schon, warum jemand solche Dinge hier liegenlässt oder wie sie ins Wasser gelangen und letztlich angespült werden.» Er findet aber auch einen nützlichen Gegenstand: eine kleine Gartenschaufel. Sie ist Keiser dabei behilflich, weiteren Müll aus dem Boden zu befreien.

Gefahr für die Meere: die Müllinseln

Rund neun Millionen Tonnen Kunststoffabfälle landen jedes Jahr in den Ozeanen, schreibt der Verein Ocean Care auf seiner Website. Gigantische Müllinseln, auch Müllstrudel genannt, wurden mittlerweile entdeckt. Im Pazifik soll mit dem sogenannten Great Pacific Garbage Patch der grösste Strudel treiben. Der Plastik dort bewegt sich in einem Gebiet von 1,6 Millionen Quadratkilometern, also auf eine Fläche, die fast 4,5-mal so gross ist wie Deutschland. Und das für lange Zeit: Laut Greenpeace braucht beispielsweise eine robuste Plastikflasche etwa 400 Jahre, um abgebaut zu werden. Die Folgen sind verheerend: Meerestiere und Seevögel verenden wegen des Plastiks qualvoll. Für Menschen sind die Auswirkungen noch nicht absehbar: Neben der Fischerei und dem Tourismus, die in Mitleidenschaft gezogen werden, können durch den Genuss von Fisch und Meeresfrüchten Mikroplastik-Teilchen in den menschlichen Körper gelangen. (ddi)

«Nicht alles, was ich hier finde, wird aus Mutwilligkeit liegengelassen. Manchmal vergessen oder verlieren die Leute auch ihre Dinge», weiss Keiser. Tatsächlich stösst er kurz darauf auf eine verdreckte, aber noch gültige Identitätskarte. «Manche Dinge liegen schon lange hier, andere wurden angespült vom Wasser, wieder andere werden beim nächsten Hochwasser weggeschwemmt, wenn ich es nicht mitnehme.»

Langsam füllt sich sein Sack. Es seien wenig Funde im Vergleich zum vergangenen Sommer. Damals habe er viele benutzte Einweggrills gefunden, aber auch unzählige Bierdosen und Pet-Flaschen. «Wenn es warm ist, zieht es die Leute ans Wasser. Mülltonnen gibt es hier leider zu wenige, also türmt sich der Abfall – nicht nur hier.»

Ziel der Erhebung ist nicht nur die Säuberung der Ufer, sondern das Gewinnen verlässlicher Daten über die Umweltverschmutzung. Im Fokus steht der Plastik. Es ist das häufigste gefundene Material, nicht zuletzt wegen der Zigarettenfilter. Was viele nicht wissen: Diese Filter bestehen aus dem Kunststoff Celluloseacetat und dieser benötigt laut dem Verein Stoppp viele Jahre, bis er abgebaut ist. Zudem kann ein einziger Filter 7,5 Liter Wasser für Organismen unbelebbar machen. «Plastik aller Art kann auch von der Limmat her im Meer landen», sagt Keiser. Er verweist auf die gigantischen Müllinseln, die sich mittlerweile in den Ozeanen bilden.

Zu Fuss durch Neuseeland

Der Umweltschutz liegt Keiser sehr am Herzen. Der gebürtige Aargauer wohnt seit zwei Jahren in Dietikon und trat erst gerade der Grünen Partei bei. «Ich möchte mich für den Ort, an dem ich lebe, engagieren und mein politisches Interesse einsetzen», sagt er. Dass er sich für Umweltschutzthemen stark macht, sei auch seiner zweijährigen Weltreise zu verdanken. «Ich und meine Partnerin bereisten Skandinavien, Zentraleuropa und dann ging es weiter nach Südostasien. Verlässt man dort die üblichen Touristenziele, trifft man schnell auf Berge von Abfall, weil die nötige Infrastruktur fehlt.»

Schliesslich führte sein Weg nach Australien und Neuseeland. Dort, am anderen Ende der Welt, wanderte er 3000 Kilometer durch ganz Neuseeland, entlang des sogenannten Weitwanderwegs Te Araroa. Bis heute ist Wandern eines seiner liebsten Hobbys.

Derzeit gilt seine Aufmerksamkeit aber dem gefundenen Abfall. Mittels einer Marine-Litter-Watch-App kann er sämtliche Dinge den entsprechenden Kategorien zuordnen. Am letzten Tag zählt er insgesamt 92 Gegenstände. Die Daten werden an die zentrale Datenbank der Europäischen Umweltagentur weitergeleitet. Im Juni wird dann der abschliessende Swiss Litter Report veröffentlicht. «Ich muss oft daran denken, wie viel wir erreichen würden, wenn jeder etwas Zeit investieren würde, um Abfall fachgerecht entsorgen.»

Keiser will auch nach der Studie am Ball bleiben; nicht nur als junger Politiker. Mittlerweile studiert er im vierten Semester Umweltingenieurwissenschaften. «Für mich steht fest, dass ich später im Bereich Ökologie arbeiten werde.»