Birmensdorf
Beat Wermelinger: «Kein Forscher kann alle 26 000 Insekten der Schweiz kennen»

An Vielfalt lassen sich die Insekten nicht überbieten. Forscher Beat Wermelinger verrät, welche Tricks die kleinen Tiere auf Lager haben.

Thomas Mathis
Merken
Drucken
Teilen
Insekten
11 Bilder
Wespe Es scheint, als ob die Wespe friedlich in einer Hängematte liegt und schläft. In Tat und Wahrheit ist sie mit Gift betäubt. Als Lebendvorrat einer Spinne wartet sie darauf, ausgesaugt zu werden.
Kiefernschwärmer Von weitem ist die Raupe des Kiefernschwärmers nicht zu erkennen. Ihre Tarnung passt perfekt zur Umgebung. Die Raupe frisst ganze Nadeln ab. Da sie in der Schweiz nie in grossen Gruppen auftritt, werden höchstens einzelne Zweig entnadelt.
Kiefernbuschhornblattwespe Zu dritt fressen die Raupen der Kiefernbuschhornblattwespe an einer Föhrennadel. Das Harz aus der Nadel lagern sie in einem Organ ein, um es bei einem Angriff abzusondern. So kann die Raupe die Mundwerkzeuge des Angreifers verkleben.
Maikäfer Die Fühler des Maikäfers sind stark gefiedert, damit er mit einer möglichst grossen Oberfläche Düfte wahrnehmen kann. Während der Käfer selbst kaum ein Schädling ist, war sein Engerling bei den Landwirten lange Zeit gefürchtet.
Schlupfwespe Diese Schlupfwespe riecht mit den geknickten Fühlern, an welcher Stelle im Holz sich eine Beutelarve versteckt. Über die feinsten Duftunterschiede kann sie millimetergenau bestimmen, an welchem Ort sie ihren grossen Stachel ins Holz stechen muss, um die Larve anzuzapfen.
Ameise Die nährstoffreichen Anhängsel der Lerchenspornsamen sind die Leibspeise der Ameisen. Da sie die Delikatesse erst auf dem Weg ins Nest vom Samen abtrennen, verbreiten die Ameisen den Lerchensporn in alle Himmelsrichtungen.
Birkenblattwespe Essen ist für die Raupen der Birkenblattwespe ein geselliges Unterfangen. Blatt um Blatt frisst sich die Kolonie durch den Wirtsbaum, hier ein Haselstrauch. Wird sie von einem Feind gestört, richten die Larven ihren Hinterleib auf und schlagen im Takt hin und her. Von der Schreckstellung (im Bild) verwirrt, zieht sich der Angreifer zurück.
Asiatischer Marienkäfer Bei der Larve des asiatischen Marienkäfers stehen Blattläuse ganz weit oben auf der Speisekarte. Davon profitiert auch der Mensch, zum Beispiel im Garten. Der asiatische Marienkäfer verdrängt allerdings zunehmend die heimischen Arten.
Gespinstmotte Die Raupe der Gespinstmotte lässt manchmal kein Grünzeug übrig. Zu ihrem Schutz umgibt sie sich mit Seidenfäden, sodass der kahlgefressene Strauch nach dem Mahl gänzlich damit überzogen ist. An einem Werk wie diesem sind Tausende von Raupen beteiligt.
Kastanienrüssler Werden wurmstichige Marroni nicht gebraten, kann sich darin die Larve des Kastanienrüsslers fertig entwickeln. Für die Verpuppung gräbt sich die Larve im Boden in bis zu einem halben Meter Tiefe ein. Der ausgewachsene Käfer bohrt mit seinem Rüssel Löcher in die harte Schale der Kastanie, um seine Eier abzulegen.

Insekten

Beat Wermelinger

Insekten fallen vor allem dann auf, wenn sie einem um die Ohren summen oder Sträucher kahlfressen. Beat Wermelinger, Insektenforscher an der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf, kennt die kleinen Tiere und deren Bedeutung dagegen ganz genau. Über zahlreiche Insekten hat er eine verblüffende Geschichte auf Lager. Einige spannende Anekdoten hat er der Limmattaler Zeitung anhand von eigenen Fotos verraten. Darunter sind eine Raupe, die Harz hortet, und eine Schlupfwespe, die mit ihren Fühlern feinste Duftunterschiede wahrnehmen kann.

«Mich fasziniert die Vielfalt an Formen, Strategien und Raffinessen», sagt Wermelinger. Es beeindrucke ihn immer wieder, wie sich aus einer kleinen, wurstförmigen Raupe ein prächtiger, geflügelter Schmetterling entwickelt. In seinem Archiv hat er 14 000 Fotos, auf denen gut 1700 Arten von Insekten und Spinnen abgebildet sind. «Die Insekten scharf abzulichten, ist gar nicht so einfach, denn der Schärfebereich beträgt nur wenige Millimeter», sagt der Hobbyfotograf. Um genügend Helligkeit zu haben, setzt er häufig Blitzlicht ein.

Bilder sind zufällig entstanden

Seine spektakulären Aufnahmen seien häufig durch Zufall entstanden. «Ich bin oft zu Fuss unterwegs und habe stets meine Kamera dabei», sagt der Hobbyfotograf. Nur wenn er eine seltene Art sucht, klärt er im Voraus ab, wann und wo diese anzutreffen ist. Trotz des Umfangs ist seine Sammlung, die in den vergangenen dreissig Jahren zusammengekommen ist, bei weitem nicht vollständig. «Kein Forscher kann alle 26 000 Insekten der Schweiz kennen», sagt Wermelinger.

Seine reichen Kenntnisse hat er im kürzlich erschienenen Buch «Insekten im Wald» zusammengefasst. Mit reicher Bebilderung und verständlichen Erklärungen möchte er naturinteressierten Laien, Förstern und anderen Fachleuten einen Zugang zur Insektenwelt bieten. Anhand von Beispielen zeigt der Forscher das Zusammenspiel der verschiedenen Arten.

«Insekten sind unscheinbar, übernehmen aber wichtige Funktionen», sagt er. Sie bestäuben zum Beispiel Blüten, bauen Totholz ab, sind Nahrung für andere Arten oder regulieren Schädlinge, kurz: Insekten sind nicht nur Plagegeister, sondern auch Gestalter des Waldes, weil sie neue Lebensräume schaffen. «Trotz aller positiven Aspekte darf aber nicht verschwiegen werden, dass Insekten auch zu Schädlingen werden können», sagt der Forscher.

Insekten kann man essen

Die Schwierigkeit, Insekten zu beobachten, ist mit ein Grund, warum sie in der Schule nur am Rande behandelt werden. «Gut geeignet ist aber zum Beispiel das Züchten von Tagfalterraupen», sagt Wermelinger. Für die Ausbildung in höheren Schulen wünscht er sich, dass Insekten vermehrt thematisiert werden: «Die Bedeutung der Funktionen, die Insekten übernehmen, ist enorm.»

Dem Trend, Insekten zu essen, steht der Forscher offen gegenüber. Er hat auch selber schon welche gegessen. «In Afrika und Asien gibt es eine lange Tradition, Insekten zu verspeisen», sagt er. Die Herstellung sei ökologisch sinnvoll, weil Insekten energieeffiziente Verwerter sind. «Ihre Produktion braucht weniger Wasser und erzeugt weniger klimaschädliche Gase als bei Säugetieren und Vögeln, Insekten sind aber reich an Proteinen und Vitaminen», sagt er. Dennoch glaubt er nicht, dass Insekten in Europa regelmässig auf dem Speiseplan stehen werden.