Bezirk Dietikon

Bea Capaul setzt auf Menschlichkeit : «Die wenigsten haben das ausgenutzt»

«Es geht in erster Linie um das Menschliche», sagt Bea Capaul über ihre Arbeit.

«Es geht in erster Linie um das Menschliche», sagt Bea Capaul über ihre Arbeit.

Bea Capaul begleitet seit 30 Jahren Menschen als Beiständin im Bezirk Dietikon und der Stadt Zürich. Die ehemalige Sozialarbeiterin wird mit vielen Schicksalen konfrontiert.

Die 67-jährige Bea Capaul kommt direkt aus dem Skiurlaub ans Interview. Sie trägt einen dicken Mantel, eine kleine Tasche und rote Turnschuhe. Die letzten Tage verbrachte die sechsfache Oma mit ihren Enkeln im Schnee in Graubünden.

Nebst diesen Freizeitbeschäftigungen ist die pensionierte Sozialarbeiterin während zweier Tage in der Woche als Beiständin im Bezirk Dietikon und der Stadt Zürich tätig. Zurzeit ist sie für sechs Personen zuständig, einige lernte sie als Sozialarbeiterin kennen, andere Mandatsanfragen kamen über die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) zu ihr.

Die Personen sind so unterschiedlich wie das Leben, das sie führen: Eine ist in einem Altersheim, einer ist ein junger Spieler, ein anderer entkam mit der Beistandschaft der Jugendanwaltschaft, und zwei weitere fragten Capaul an, ob sie ihnen nicht helfen könne. Einige Zeit half sie den beiden Frauen als Freiwillige. «Doch nun bin ich ihre Beiständin, das macht das Ganze einfacher», sagt die ehemalige Sozialarbeiterin der Stadt Schlieren.

Als Beiständin ist sie hauptsächlich für die Verträge, die administrativen Angelegenheiten und die Finanzen ihrer Mandanten zuständig. Für manche hat sie sich ein spezielles Ritual ausgedacht. Beispielsweise für den Spieler: «Wir machen einmal in der Woche um sieben Uhr ab, es ist wie ein Spiel», sagt Capaul. Sie fahre extra so früh zu ihm, dafür gehe er regelmässig zur Arbeit. Das funktioniere sehr zuverlässig von beiden Seiten her. Vor einiger Zeit hat er Capaul zum Dinner eingeladen. «Er hat alles schön hergerichtet», sagt Capaul.

Die sogenannten Verbeiständeten wissen, dass Capaul sich um sie sorgt. «Das ist für viele ein ganz neues Gefühl», sagt sie. Doch das sei eigentlich das Wichtigste an ihrem Beruf: «Es geht in erster Linie um das Menschliche.» Die Verbeiständeten wissen, dass sie sich immer bei ihr melden können. «Die wenigsten haben das ausgenutzt.» Als sie eine Weile, auch nach mehrmaligen Telefonaten, nichts von einem ihrer Mandanten hörte, ging sie mit der Kesb bei seiner Wohnung vorbei.

Bei diesen persönlichen Schicksalen fällt es Capaul am Ende des Tages manchmal schwer, sich ganz ihrem Privatleben hinzugeben und ihre Schützlinge zu vergessen. «Es gibt Momente, in denen ich mir bewusst sagen muss, nun nehme ich mir Zeit, nicht an sie zu denken», sagt Capaul.

Wo sie aber auf alle Fälle eine Grenze zieht, ist bei ihrem Verhalten den Mandanten gegenüber: «Es käme mir nicht in den Sinn, ohne Einladung oder wichtigen Grund zu ihnen nach Hause zu gehen», sagt sie. Jeder habe sein Privatleben, und das sei richtig und wichtig. Eine ihrer Mandantinnen hat sie auf Wunsch der Angehörigen sogar noch nie persönlich gesehen. Auch das sei in Ordnung: Für diese Seniorin erledigt sie «nur» die administrative Arbeit.

Mühsame, aber korrekte Abzahlung

Die Basis von Capauls Beistandschaft ist neben Menschlichkeit gegenseitiges Vertrauen. Normalerweise sei sie «sehr zäh», wenn die Mandanten beispielsweise am Monatsende noch mehr Geld wollen. Genau das ist meist der grösste Zankapfel zwischen Beistand und Mandant: «Oft wollen sie, dass ich ihnen mehr Geld als nötig überweise. Ich rechne dann vor, was in diesem Fall passieren würde», sagt Capaul.

Doch sie habe auch schon eine Ausnahme gemacht und den Leuten von ihrem eigenen Geld ausgeliehen. «Das habe ich schon einige Male gemacht. Tatsächlich machte ich in den dreissig Jahren meiner Tätigkeit dabei nur einmal eine schlechte Erfahrung.» In allen anderen Fällen hätten die Leute ihr die Summen in «mühsamen, aber korrekten» Abzahlungsgeschäften zurückerstattet. Das sei für sie ebenfalls ein Zeichen der gegenseitigen Wertschätzung.

In einem Fall habe das Zweiergespann aus Mandant und Beiständin aber nicht gut harmoniert. Es ging um einen sehr wohlhabenden jungen Mann. Er wollte unbedingt mehr Geld, als ihm Capaul zuschrieb. «Dabei hat er schon einen guten Betrag erhalten und ich wollte, dass er das Geld noch ein wenig behalten kann.» Als er die gewünschte Erhöhung nicht erhielt, ging er zur Kesb und schwärzte sie an. «Er sagte, ich sei wohl nett, aber geizig.»

Die Kesb mischt sich grundsätzlich nicht in private Beistandschaften ein, ausser die Beteiligten melden sich. In diesem Fall gab es ein Gespräch mit allen Beteiligten. Als dieses dem jungen Mann nicht zu seinem gewünschten Resultat verhalf, holte er sich einen Anwalt. Schliesslich stand er gemeinsam mit seiner Mutter und seinem Anwalt gegen seine Beiständin auf.

«Es tat mir schon weh. Ich probierte das Geld dieses Mannes zusammenzuhalten und zahlte gleichzeitig Anwaltshonorare in der Höhe von 20 000 Franken», sagt Capaul. In diesem Fall habe sie das Mandat kurze Zeit später abgegeben. Auch wenn der Mann sich bereits wieder bei ihr gemeldet hat, bleibt ihr Entschluss fest: So will sie nicht arbeiten.

Die Kesb bietet privaten Beiständen Hand für Fragen und Weiterbildungen. Diese sollen ihnen den Auftrag erleichtern. Die Kesb Dietikon hat laut Capaul auch unter den anderen Kesbs einen guten Namen. «Mir helfen besonders die Weiterbildungen und Gespräche», sagt sie.

Geld sparen – Geld ausgeben

In anderen Fällen werden Geldprobleme aus der Welt geschafft. Eine Mutter wurde während der Zeit, in der sie von Capaul begleitet wurde, sogar schuldenfrei. Das war harte Knochenarbeit: Während Jahren musste sie sich an einen strikten Budgetplan halten. «Doch da ich ihren Einsatz sah, schrieb ich an eine Stiftung, die einen Teil der Schulden übernahm», sagt Capaul.

Das sei jeweils eine kleine Versüssung auf dem Weg des Sparens und Franken-Umdrehens. Als die Familie schliesslich schuldenfrei war, drehte sich der Wind schlagartig. «Ich sagte, kauft eurer Tochter doch einmal neue Gummistiefel oder geht in die Ferien.» Doch die Familie fand das nicht nötig.

Es scheine ein Phänomen zu sein, dass gerade Leute, die tief in den Schulden stecken, ohne zu zögern noch mehr Schulden anhäufen. Doch wenn sie einmal schuldenfrei seien, dann komme es sehr darauf an, ob jetzt 1500 Franken oder 1300 Franken auf dem Konto seien, sagt sie.

In den 30 Jahren ihrer Arbeit als Beiständin hat Capaul bereits zwei ihrer Verbeiständeten überlebt. Vor wenigen Jahren starben zwei Alkoholiker, die sie begleitete. «Das war traurig, besonders da es dem einen finanziell und psychisch so weit gut ging.» Er habe sogar Familienanschluss bei ihrer Familie gehabt.

Doch die Sucht sei schliesslich stärker als sein Körper gewesen. Wie lange Capaul den Job als Beiständin noch stemmt, kann sie nicht sagen. Arbeit gibt es genug. «Ich könnte ohne Probleme 100 Prozent arbeiten», sagt sie.

Rund 1100 ausgewertete Fälle

Die Universität Freiburg wertete knapp 1100 Fälle der unabhängigen Anlaufstelle Kindes- und Erwachsenenschutz (Kescha) aus. Das Resultat: «Es braucht mehr private Beistände, mehr Umsicht bei Gefährdungsmeldungen und mehr Kommunikation zur Vertrauensbildung.» Private Beistände hinterlassen zufriedenere Angehörige und haben mehr Zeit für die Betroffenen.

Als Zielgrösse für den Anteil privater Beistandschaften werden laut Kescha 40 bis 50 Prozent angestrebt. Im Jahr 2017 hatten im Kanton Zürich 31,2 Prozent der erwachsenen Personen mit Massnahmen einen privaten Beistand.

Anzahl Personen mit Massnahmen 2017.

Anzahl Personen mit Massnahmen 2017.

Im Bezirk Dietikon waren es 48,7 Prozent. Das ist beinahe doppelt so viel wie etwa in der Stadt Zürich (25,3 Prozent), wobei diese Zahl auch mit der Komplexität der Fälle zusammenhängt.

Ende 2017 hatte der Bezirk Dietikon insgesamt 799 erwachsene Personen mit Massnahmen, das sind 59 Personen mehr als noch Ende 2014. Die Anzahl der Minderjährigen mit Massnahmen betrug zum Zeitpunkt der letzten kantonalen Erhebung 511 Personen. Das sind 3,2 Prozent der minderjährigen Bevölkerung des Bezirks Dietikon.

Anteil durch private Beistände betreute Erwachsene 2017.

Anteil durch private Beistände betreute Erwachsene 2017.

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