Stadtentwicklung

Bauvorhaben abgebrochen – in Schlieren West bleibt eine Lücke

Blick aus dem Westen über Schlieren West: Wo heute noch der ungeliebte Auto-Occasionshandel blüht, werden bald 190 Wohnungen entstehen. Im Hintergrund die Baustelle des Schulhauses Reitmen. Dazwischen entsteht nun eine Lücke.

Blick aus dem Westen über Schlieren West: Wo heute noch der ungeliebte Auto-Occasionshandel blüht, werden bald 190 Wohnungen entstehen. Im Hintergrund die Baustelle des Schulhauses Reitmen. Dazwischen entsteht nun eine Lücke.

Die AXA Winterthur will ihre geplante Wohnsiedlung nicht bauen, weil sie von einem Überangebot in der Region ausgeht. Ein anderer Investor in Schlieren West glaubt nicht an diese Prognose.

Rund 186 000 Quadratmeter gross ist der neue Schlieremer Stadtteil West. Und binnen etwas mehr als fünf Jahren wurde bereits der grösste Teil des Bodens zwischen Bahngeleisen und Badenerstrasse neu bebaut. Nun hat die AXA Winterthur, die Eigentümerin einer der beiden letzten Bauparzellen in diesem Gebiet, ihr Bauprojekt abgebrochen. Dies, obwohl der Architekturwettbewerb für die Überbauung bereits abgeschlossen ist.

Ernst Schaufelberger, Leiter Immobilien bei der AXA Investment Managers AG, begründet den Entscheid auf Anfrage damit, dass die «Absorptionszeit» im Limmattal seit längerer Zeit «deutlich» ansteige. Zu Deutsch: Die AXA geht davon aus, dass es wegen mangelnder Nachfrage immer länger dauert, bis sich für eine neue Wohnung ein Mieter finden lässt.

Sie will daher auf ihrem Land westlich des neuen Schulhauses Reitmen vorerst nur Altlasten sanieren und später eine neue Bebauung planen.

Wie es weitergeht, ist unklar.

Doch warum führt man erst einen Architekturwettbewerb durch, um dann das gesamte Vorhaben abzublasen? Die AXA habe anhand der Architekturstudien nur abklären wollen, was auf der Parzelle baulich möglich ist, sagt Schaufelberger: «Bei Gesamtinvestitionen von 40 Millionen Franken macht es daher durchaus Sinn, an diesem Punkt einen Marschhalt einzulegen und die 100 000 Franken für die Durchführung des Wettbewerbs abzuschreiben.»

Wann genau ein neues Projekt angegangen wird, sei noch nicht klar, sagt er. In der Zwischenzeit werde das Baufeld begrünt, jedoch nicht öffentlich zugänglich sein. In den vergangenen Jahren war die Nachfrage nach Wohnraum in Schlieren stets sehr hoch.

Zeichnet sich nun also eine Trendwende ab? «Nein», sagt Michel Schneider, Projektverantwortlicher für die Anlagestiftung Turidomus, welche zusammen mit der Anlagestiftung Adimora die westlichste Parzelle im neuen Stadtteil Schlieren West bebauen will. «Unsere Einschätzung des Wohnungsmarkts im Limmattal ist eine andere, sonst hätten wir unser Bauprojekt nicht lanciert», sagt er.

Die Absorptionszeit sei schweizweit leicht gestiegen. «Wir glauben aber, dass urbane Gegenden vor allem aufgrund der Binnenmigration weiterhin wachsen werden», so Schneider. Und schliesslich erwarte er auch von der geplanten Limmattalbahn und dem neuen Schulhaus Reitmen eine Steigerung der Dynamik im lokalen Wohnungsmarkt.

Gewerbe war nicht erwünscht

Die AXA nennt als zweiten Grund für den Abbruch ihres Projekts, dass sie in der Siedlung keine Gewerbenutzung unterbringen wollte. Schlieren West untersteht einem öffentlichen Gestaltungsplan, den das Parlament 2011 genehmigt hat.

Darin sind neben den Bauhöhen oder öffentlichen Grünflächen etwa auch Nutzungsanteile für Wohnen und Gewerbe vorgegeben. Die Versicherung würde am liebsten eine reine Wohnsiedlung bauen, wie Schaufelberger sagt: «Der Bedarf nach Gewerbeflächen ist rückläufig.

Wir sind deshalb der Meinung, dass es nicht in allen Siedlungen Wohnungen und Gewerbe braucht.» Mit unvermieteten Ladenlokalen entstehe ansonsten eher Tristesse als ein belebtes Quartier.

Auf Nachfrage erklärt der Schlieremer Bauvorstand Markus Bärtschiger (SP) allerdings, dass auf dem Baufeld der AXA eine reine Wohnüberbauung durchaus zugelassen gewesen wäre. «Im Gestaltungsplan steht lediglich, dass dort der Wohnanteil mindestens 80 Prozent betragen muss.»

Jury-Entscheid gefiel nicht

Mit diesem Einwand konfrontiert erklärt Schaufelberger, dass man in der Wettbewerbsausschreibung keinen Gewerbeanteil definiert habe. «Die Vorgaben waren sehr offen formuliert. Das Projekt, welches die unabhängige Jury zum Sieger kürte, sah dann aber solche Nutzungen im Erdgeschoss vor.» Daher habe das Investmentkomitee der AXA entschieden, das Projekt nicht umzusetzen.

Bärtschiger ist von der Nachricht, dass die Investorin ihr Projekt in Schlieren West abbricht, überrascht. «Dass nun zwischen dem Schulhaus Reitmen und der geplanten Überbauung ganz im Westen eine Lücke entsteht, ist bedauerlich», sagt er. Insbesondere sei dies für die Investoren Turidomus und Adimora unvorteilhaft.

Wie die Stadt auf den Entscheid der AXA reagieren wird, kann Bärtschiger derzeit noch nicht sagen: «Ich höre zum ersten Mal von dieser neuen Entwicklung. Das weitere Vorgehen werden wir erst im Stadtrat besprechen müssen», erklärt er.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1