Schlieren

Baustellen-Fund: Zufällig eine 10 500 Jahre alte Schottereiche entdeckt

Bei den Aushubarbeiten für einen Neubau entdeckten Bauarbeiter einen Baumstamm.Ein Angestellter der Schlieremer Baupolizei verhinderte, dass dieser vernichtet wurde. Zu Recht: Der Baum ist eine der ältesten Eichen, die in Europa je gefunden wurden.

«Als ich den Baumstamm sah, wurde mir gleich klar, dass er sehr alt sein muss», erklärt Christof Huber von der städtischen Baupolizei. Vergangenen Dezember meldeten Bauarbeiter der Verwaltung, dass sie beim Aushub für den AMAG-Neubau an der Bernstrasse auf einen Holzstamm gestossen seien.

Huber machte sich auf, diesen zu begutachten. Als gelernter Zimmermann kennt er sich mit Holz aus. Und mit seiner Einschätzung des Baumstamms sollte er recht behalten: Wissenschaftliche Analysen ergaben, dass der Stamm - eine Schottereiche - rund 10 500 Jahre alt ist und somit zu den etwa 5 ältesten je in Europa gefundenen Eichen gehört.

Pioniere nach der Eiszeit

Nachdem Huber dafür gesorgt hatte, dass der Baumstamm nicht im Bauschutt entsorgt wurde, versuchte er herauszufinden, wer für archäologische Abklärungen bei Bäumen zuständig ist. Seine Suche führte ihn zu Niels Bleicher vom Kompetenzzentrum für Unterwasserarchäologie und Dendrochronologie der Stadt Zürich.

«Für die Wissenschaft hat dieser Fund eine sehr grosse Bedeutung», erklärt Bleicher, «durch ihn haben wir Probenmaterial der ersten Bäume nach der Eiszeit erhalten.» Die Schottereichen gehörten zu den Pionierpflanzen, die dem Flachland einen geschlossenen Wald zurückgaben, nachdem am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 14 000 Jahren das Eis zurückgewichen war.

«Die Proben, die wir der Schlieremer Schottereiche entnehmen konnten, werden helfen, Schlüsse über die klimatischen Verhältnisse der damaligen Zeit zu ziehen», sagt Bleicher.

Information steckt in den Ringen

Die Breite eines Jahrrings im gefundenen Baumstamm verrät den Wissenschaftern, ob das Wetter im betreffenden Jahr gut für das Eichenwachstum war. Langfristige Trends sind daher ein Spiegel des Klimas. «Die Scheibe, die wir vom Stamm abgeschnitten haben, bietet uns aber auch hoch aufgelöstes Vergleichsmaterial für andere Proben», so Bleicher.

Genau weil es an solchen Vergleichsproben mangelt, konnte das Alter der Schottereiche nicht ganz exakt bestimmt werden: Bei der sehr genauen dendrochronologischen Datierungsmethode (siehe Box) werden die Jahresringmuster verschiedener Proben aus der gleichen Gegend und dem gleichen Zeitraum miteinander verglichen.

Proben von derart alten Baumstämmen gibt es aber kaum. Es wären weitere Funde nötig, um die Lücken zwischen den Jahresringmustern des vorhandenen Materials zu schliessen. Deshalb muss man sich derzeit noch auf die Ergebnisse der physikalischen C14-Analyse der ETH verlassen. «Diese Art der Datierung ist zwar weniger genau als die dendrochronologische, aber zumindest ebenso sicher», erklärt Bleicher.

Wichtig sei der Fund auch deshalb, weil damit aufgezeigt werden konnte, dass eine wissenschaftliche Analyse solcher Funde die Bautätigkeit der AMAG nicht verzögert habe, so Bleicher: «Viele Bauherren geben uns nicht Bescheid, wenn sie auf archäologisches Material stossen, weil sie befürchten, dass es zu einem Baustopp kommt.» Er hoffe, dass durch den Fund in Schlieren diese Befürchtungen zerstreut werden könnten.

Zukunft des Stamms ist unklar

Was mit dem in Schlieren verbliebenen Rest der Schottereiche passiert, ist derweil noch unklar: «Wir haben Fachkreisen bereits Teile davon angeboten», erklärt Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin. Bisher habe aber noch niemand Interesse angezeigt.

Da sich das alte Holz im jetzigen Zustand schnell zersetzt, kann es der Öffentlichkeit noch nicht zugänglich gemacht werden. Das könnte sich aber ändern, wie Astrid Romer, Medienbeauftragte der Stadtverwaltung, sagt: «Man klärt derzeit noch ab, wie einige Scheiben des Stamms konserviert werden könnten.»

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