Limmat Tower
Bauleiter Sven Masche: «Es soll Spass machen, hier zu arbeiten»

Sven Masche ist Herr über rund 90 Bauarbeiter und den Bau des höchsten Gebäudes des Limmattals. Als Bauleiter motiviert er auch mal einen Handwerker persönlich, wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte.

Florian Niedermann
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Sven Masche, Bauleiter bei der Erstellung des Limmat Towers, zieht die Kontrolle dem Vertrauen vor.Jiri Reiner

Sven Masche, Bauleiter bei der Erstellung des Limmat Towers, zieht die Kontrolle dem Vertrauen vor.Jiri Reiner

Der Mann muss heisse Ohren haben, wenn er abends zu Bett geht: Wer mit Sven Masche über die Baustelle des Limmat Towers im Dietiker Limmatfeld geht, erhält den Eindruck, dass hier ohne ihn gar nichts ginge. An jeder Ecke wird der Bauleiter angesprochen, jeder will etwas von ihm. Es scheint, als ob er über alle Teilprozesse des Turmbaus jederzeit im Bilde sei.

Selbst als wir uns für unser Gespräch in sein Büro zurückziehen, klingelt im Fünfminutentakt das Telefon. Mit warmer, ruhiger Stimme erklärt Masche den Anrufern mit ostdeutschem Akzent etwa, wann ein Gerüst abgebaut werden muss, damit der nächste Arbeitsschritt eingeleitet werden kann, oder wie sie an eine Stromquelle für das zweite Stockwerk kommen können.

Herr Masche, wie behält man auf einer Grossbaustelle wie derjenigen des Limmat Towers den Überblick?

Sven Masche: Die Herausforderung besteht darin, den groben Ablauf des Gesamtprojekts immer im Hinterkopf zu behalten. Denn man muss auch die einzelnen Bauphasen und Teilprojekte kennen und über den Stand der Arbeiten darin genau Bescheid wissen, um sie dann mit anderen Schritten koordinieren zu können. Wenn man sich aber zu sehr mit diesen Details beschäftigt, verliert man leicht den Blick für das Ganze.

Sie wirken wie jemand, der bei der Arbeit die Kontrolle dem Vertrauen vorzieht. Können Sie auch mal Verantwortung abgeben?

Sicher. Dabei ist es aber wichtig, dass man weiss, an wen man delegieren kann und an wen nicht.

Das heisst, am Ende kontrollieren Sie doch nach.

Es liegt mir vom Typ her sicher eher, als die Leute einfach vor sich hin arbeiten zu lassen. Aber ich hätte niemals die Zeit, alle Arbeitsschritte persönlich zu überwachen.

Wie würden Sie Ihre Rolle bei der Realisierung des Turms beschreiben?

Mein Bauleiterkollege und ich sind dafür zuständig, das Projekt, dass die Planer im Auftrag von Halter-Entwicklungen entworfen haben, terminlich, preislich und qualitativ möglichst exakt umzusetzen. Ausserdem koordinieren wir zwischen Generalunternehmer, Subunternehmern, Bauführern und Polieren bis hinunter zu den Vorarbeitern.

Das heisst, Sie kennen alle Leute, die auf Ihrer Baustelle arbeiten?

Das ist zumindest meine Idealvorstellung. Wir stehen mit ihnen ja immer wieder in Kontakt, geben ihnen Rückmeldung zu ihrer Arbeit und müssen sie manchmal auch wieder motivieren, wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte. Ich finde, es sollte Spass machen, an diesem Projekt mitzuarbeiten und gemeinsam Ziele zu erreichen. Das bedeutet auch, dass man bei den wichtigen Arbeitern wissen muss, wie sie funktionieren, und wie man sie kritisieren kann, ohne Frustration zu erzeugen.

Wie wichtig ist der persönliche Umgang auf einer Baustelle?

Das sieht jeder Bauleiter anders. Manche funktionieren wohl weniger persönlich als ich. Aber ich bin der Überzeugung, dass es dem Erfolg des Projekts zuträglich ist, wenn man eine persönliche Note pflegt.

Hier wird unser Gespräch abermals unterbrochen. Ein junger Polier tritt ins Büro, um in Erfahrung zu bringen, wann sein Team Ausmessungen vornehmen könne, ohne dass sie von den Vibrationen der Baumaschinen gestört werden. Masche erklärt ihm, dass dies wohl erst am Samstag möglich sei, worauf der Polier entgegnet, dass seine Firma am Samstag nicht arbeite. Masche sieht ihm mit einem freundlichen Lachen auf dem Gesicht über den Rand seiner Brillengläser hinweg in die Augen und bittet ihn, für einmal eine Ausnahme zu machen. Er werde schauen, was sich machen lasse, erklärt darauf der Polier nach kurzem Zögern prompt und verlässt das Büro.

Obwohl Sie respektiert werden und sehr direkt Einfluss nehmen, können wohl auch Sie beim Grossprojekt Limmat Tower nicht alle Fehler verhindern.

Ganz klar. Vor kurzem stellten wir etwa fest, dass in der Planung eine Liftkabine vorgesehen ist, die für den Transport der raumhohen Türen für die oberen Geschosse des Turms zu wenig hoch ist. Wir mussten deshalb eine höhere Liftkabine einplanen. Zum Glück ist im Schacht genug Platz vorhanden, sodass wir keine grösseren baulichen Änderungen vornehmen müssen. Dennoch gilt es, diese bereits in dieser frühen Bauphase mit den Unternehmern abzugleichen, damit keine Folgefehler entstehen.

Einen Aussenstehenden erstaunt ein solcher Planungsfehler aber doch. Wie kann so etwas passieren?

Naja, das liegt daran, dass es von der Planung eines Grossprojekts zu seiner Umsetzung heute oft sehr schnell geht. Unter Zeitdruck kann es leicht passieren, dass man mal ein Detail übersieht.

Dem finanziellen Druck und mangelnder Kontrolle ist es geschuldet, dass Baufirmen teilweise Schwarzarbeiter beschäftigen. Ist das auch auf Ihrer Baustelle möglich?

Gemäss Vertrag sind natürlich alle beteiligten Firmen angehalten, die Papiere ihrer Angestellten zu kontrollieren. Wir sind ausserdem dazu verpflichtet, diese Unterlagen regelmässig einzufordern. Auf einer Grossbaustelle werden diese Kontrollmechanismen eher durchgesetzt, als auf Kleineren, wo auch weniger die Gefahr besteht, dass jemand nach Schwarzarbeitern suchen kommt.

Wo haben Sie sich die nötige Erfahrung mit Grossbaustellen geholt?

In Valencia, wo ich mehrere Jahre tätig war, leitete ich beispielsweise den Bau einer Wohnsiedlung mit 337 Einheiten. Ich denke, das war bisher jenes Projekt, das meinem Auftrag hier in Dietikon am nächsten kommt, auch wenn die Umstände mit denen in der Schweiz nicht vergleichbar waren.

Inwiefern?

Die Baustellen in Spaniern waren chaotischer. Wir waren gezwungen, viel mehr zu improvisieren. Dazu konnte ich am Anfang die Sprache noch nicht und jedes Telefonat führte deshalb bei mir zu Schweissausbrüchen. Hier in der Schweiz plant man viel mehr im Voraus und detaillierter als in Spanien. Das bringt Ruhe auf eine Baustelle und erleichtert das Bauen.

Gegenwärtig kommen Sie mit dem Bau sehr schnell voran.

Ja, gemäss Plan errichten wir derzeit in drei bis vier Wochen ein Geschoss. Bis im Dezember sollten wir das Hochhaus abschliessen können.

Ende 2015 soll der Limmat Tower bezogen werden. Was werden Sie tun, wenn die letzte Schraube angezogen ist?

Ich werde den Abschluss wenn möglich natürlich feiern. Heute hat man kaum mehr die Zeit, auf ein solches Grossprojekt in Ruhe zurückzublicken. Meist ist man dann mit dem Kopf bereits wieder in der nächsten Baustelle. Das ist ein Problem der heutigen Zeit: Man arbeitet an einer Aufgabe, und noch bevor man sie bewältigt hat, sieht man sich bereits mit einer Neuen konfrontiert.