Limmattal
Baugewerbe sorgt sich um Nachwuchs - jeder fünfte Lehrling bricht ab

Viele Lehrlinge brechen im Bauwesen ihre Ausbildung frühzeitig ab. Die einen suchen die Schuld dafür bei den Unternehmen, die anderen bei den Berufsschulen. Kein Wunder, gehen die Lösungsvorschläge auseinander.

Alex Rudolf
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Auf Baustellen seien nur Berufsbildner im Umgang mit Jugendlichen geschult, dies gelte es zu ändern, heisst es vonseiten der Berufsschule.

Auf Baustellen seien nur Berufsbildner im Umgang mit Jugendlichen geschult, dies gelte es zu ändern, heisst es vonseiten der Berufsschule.

Emanuel Freudiger

Dem Baugewerbe geht es landauf, landab gut. In der ersten Jahrshälfte 2014 konnte sich die Branche über ein Umsatzwachstum von 6,4 Prozent freuen. Obwohl die rege Bautätigkeit derzeit viel Geld in die Kassen der Unternehmen spült, kämpft die Branche aber auch mit Problemen. Genauer gesagt: mit Nachwuchsproblemen. Laut einer vom Schweizer Bauverband veröffentlichten Studie bricht jeder fünfte Lehrling im Bauhauptgewerbe seine Ausbildung ab. Die Verfasser sehen die Gründe dafür beim teilweise mageren Bildungsrucksack der Jugendlichen.

Rainer Hofer, Rektor der baugewerblichen Berufsschule Zürich, weiss, dass die Lehrabbruchquote im Baugewerbe im Vergleich zu anderen Berufen hoch ist. Er sagt, dass der Alltag in der Baubranche eine mögliche Ursache dafür sein könnte. «Viele Jugendliche stellen sich die Situation auf einer Baustelle nicht so vor, wie sie in Realität ist», sagt er. Damit meint er etwa den teilweise rauen Umgang unter den Mitarbeitern, die schlechten hygienischen Verhältnisse oder die stark hierarchische Arbeitsweise. So sei in der Regel – nebst der Berufsbildnerin oder dem Berufsbildner – niemand auf den Umgang mit einem Lernenden geschult. «Daher sehe ich Potenzial darin, alle Mitarbeiter auf der Baustelle für den Umgang mit Jugendlichen zu sensibilisieren», sagt er. Viele anderen Branchen hätten diese Entwicklung bereits durchlaufen, die Baubranche hinke hier hinterher.

Dass die Lehrabbruchquote zu hoch ist, sehen auch die Lehrbetriebe in der Region. Jedoch werden hier andere Lösungsvorschläge vorangetrieben. Roger Brunner, Dietiker SVP-Stadtrat und Bauunternehmer mit drei Lernenden in der Ausbildung, hat zwar mit einer Ausnahme noch jeden Lehrling durch die Ausbildung bei der P. Brunner AG gebracht, weiss aber um die Problematik in der Branche. Dass die Umgangsformen der Belegschaft auf der Baustelle für die hohe Lehrabbruchsquote verantwortlich sind, hält er für unwahrscheinlich. «Ich glaube eher, dass heutzutage körperliche Arbeit nicht mehr im Trend ist. Dies ist der Grund, warum wir weniger Bewerbungen als früher erhalten», so Brunner weiter.

Simple Aufgaben zu schwierig

Dieser gesellschaftliche Wertewandel führe auch dazu, dass immer mehr schulisch schwache Jugendliche sich für eine Lehre auf dem Bau interessieren. «Betrachte ich das heutige Bildungsniveau mit einem Sek-B- oder Sek-C-Abschluss, beunruhigt mich das», so Brunner. So habe er bereits beobachtet, wie simple Rechenaufgaben oder grundlegende Sprachkenntnisse nicht gemeistert würden.

Diese Unzulänglichkeiten nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit führen laut Brunner gleich zum nächsten Problem: Überforderung in der Berufsschule. Seine Lehrlinge hätten in der Regel weniger Mühe mit den zu verrichtenden Arbeiten oder den Gepflogenheiten auf der Baustelle, sondern strauchelten viel eher beim Leistungsniveau im Unterricht. «Dort sind die Anforderungen höher als früher. So habe ich schon viele gute Arbeiter ausgebildet, die wegen einer schulischen Schwäche ein Jahr wiederholen mussten», so Brunner.

Dass die schulischen Anforderungen an die Lehrlinge über die letzten Jahrzehnte höher wurden, dem widerspricht Rainer Hofer von der baugewerblichen Berufsschule. Es sei aber in der Tat so, dass sich die zu vermittelnden Inhalte und die Methoden geändert hätten, sagt er. «Früher ging es darum, sich bis ins letzte Detail in seinem Fachgebiet auszukennen. Heute liegt der Schwerpunkt eher darin, die Lernenden in einem breiten Spektrum ihres Fachs auszubilden», so Hofer. Das vernetzte, ganzheitliche Denken soll auf diese Weise gefördert werden. «Dies ist in der heutigen Zeit nun mal unabdingbar.»

Wenig sozialer Rückhalt

Die Studienverfasser geben beiden ein Stück weit recht und orten den Grund für die hohe Zahl Lehrabbrüche bei der «falschen Berufswahl und bei ungünstigen Ausbildungsbedingungen.» Zudem würden Lehrlinge, welche die Ausbildung abbrechen, vorwiegend aus bildungsfernen Schichten mit mangelhaftem sozialem Rückhalt stammen.