Limmattal

Baufirmen lassen ihre Mitarbeiter turnen, um Unfällen vorzubeugen

Die Bauarbeiter der Totalunternehmung Losinger Marazzi absolvieren vor Arbeitsantritt ein Aufwärmprogramm.

Die Bauarbeiter der Totalunternehmung Losinger Marazzi absolvieren vor Arbeitsantritt ein Aufwärmprogramm.

Nicht alle Firmen setzen auf Frühsport – andere legen den Fokus auf einen ordentlichen Arbeitsplatz.

Kurz vor Arbeitsbeginn versammeln sich die Mitarbeiter von Losinger Marazzi auf der Baustelle. Der Polier macht die Aufwärmübungen vor, die auf Plakaten vorgegeben sind, und die Arbeiter turnen ihm nach. Nach etwa zehn Minuten ist das Ganze wieder vorbei. So sieht es auf allen Baustellen der Totalunternehmung aus. Jeden Morgen wird aufgewärmt, «um mental aufzuwachen und sich physisch vorzubereiten», wie Pressesprecherin Melanie Hediger erklärt. Beim Aufwärmen handle es sich nur um eine von zahlreichen Sicherheitsmassnahmen von Losinger Marazzi, die 2013 mit dem Suva-Sicherheitspreis ausgezeichnet wurde.

Weniger Verletzungen

Das Aufwärmen soll vor allem dazu dienen, Zerrungen vorzubeugen. Und laut Aussage von Hediger funktioniert die Massnahme auch. «Seit der Einführung des Morgensports gab es keine Fälle von Dehnverletzungen mehr.» Regelmässig werden die Bewegungsabläufe von einer externen Physiotherapeutin sowie der internen Ergonomin neu definiert. «So werden die unterschiedlichen Muskeln aufgewärmt und gleichzeitig den Baustellenmitarbeitern immer wieder neue Bewegungsabläufe vorgegeben», sagt Hediger.

Als das Aufwärmen bei Losinger Marazzi eingeführt wurde, mussten die meisten Baustellenmitarbeiter schmunzeln. Widerstand gab es aber laut Hediger nicht. Dieser hätte auch nichts genutzt, denn «das Aufwärmen ist für alle unsere Baustellenmitarbeiter obligatorisch», sagt Hediger. Relativ rasch hätten sich alle Mitarbeiter daran gewöhnt und würden den positiven Effekt spüren. «Sogar einige unserer Subunternehmen machen teilweise freiwillig mit», sagt Hediger.

Auch die Gewerkschaft Unia ist dem Aufwärmen wohlgesinnt. «Das Turnen hat positive Auswirkungen auf Körper und Geist, beides zusammen verringert das Unfallrisiko», so Dario Mordasini, Zuständiger für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Als Beispiele für den psychischen Effekt nennt er die Stärkung des Gruppengefühls oder auch den geregelten Arbeitsbeginn.

Turnen bei anderen Baufirmen

Und wie sieht es bei Unternehmen aus, die Projekte im Limmattal realisieren? Das Morgenturnen habe die Implenia AG, die momentan die Überbauung Grabäcker in Spreitenbach durchführt, auch eine Zeit lang gemacht, sie sei aber wieder davon abgekommen. «Es ist grundsätzlich eine gute Sache, aber nur dann wirksam, wenn es konsequent durchgeführt wird», so Otto Walter, Sicherheits- und Qualitätsbeauftragter. Ausserdem werde die Arbeitssicherheit erhöht, indem auf der Baustelle Ordnung herrsche. «Es bringt nichts, wenn die Arbeiter zehn Minuten turnen und kurz darauf über herumliegende Bretter stolpern», sagt Walter. Anstatt zu turnen, veranstaltet die Implenia jedes Jahr einen Sicherheitsparcours für die Angestellten, wo verschiedene Szenarien, wie das richtige Anbringen eines Gewichts am Kran, geübt werden, so Walter.

Bei der Totalunternehmung Priora AG sieht es ähnlich aus. «Am wichtigsten ist es, dass die Baustelle in Ordnung ist», sagt Roger Seiler, Projektleiter des des Baufelds E im Dietiker Limmatfeld. Es würden täglich Rundgänge gemacht, um die Baustelle zu kontrollieren. «Wenn etwas nicht den Vorgaben entspricht, werden sofort Massnahmen eingeleitet», so Seiler. Geturnt wird also auch hier nicht. «Die Idee finde ich aber super, das muss ich den Bauleitern weitergeben», sagt Seiler schmunzelnd.

Gleichgewichtssinn stärken

Bei der Strabag AG, die aktuell in Schlieren tätig ist, wird viel von Aufwärmübungen gehalten. Momentan gehöre es aber noch nicht zum morgendlichen Ritual. «Anfang 2015 führen wir eine Sicherheitsschulung für alle Mitarbeiter durch. Dort wird ihnen gezeigt, wie man die Übungen richtig ausführt. Danach soll das Aufwärmen zum Standard werden», sagt Fikri Kosumi, Sicherheitsbeauftragter Hochbau. Um die Übungen jeden Morgen konsequent durchziehen zu können, brauche es ein eingespieltes Team, sagt Kosumi. «Wenn der Polier motiviert ist und mitmacht, sind alle dabei.»

Durch die Übungen soll das Gleichgewicht trainiert werden, da 30 Prozent der Unfälle durch Stolpern und Stürzen passieren würden. Die Unfallstatistik der Suva unterstützt diese Aussage. Sie führt «zu Fall kommende Personen» auf Platz zwei der häufigsten Unfälle auf. Im Jahr 2012 gab es 7542 anerkannte Fälle in der Schweiz, die auf diesen Unfallhergang zurückzuführen waren. Das Morgenturnen sei sinnvoll, da es das Gleichgewicht fördere, sagt Takashi Sugimoto, Mediensprecher der Suva.

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