Gordon-Bennett-Cup
Ballonflug: Die Schweiz startet in Greyerz mit drei Teams – das Spektakel begann 1909 in Schlieren

In Greyerz startet am Freitag der 61. Gordon-Bennett-Cup – die erste Austragung des internationalen Ballonflugwettbewerbs in der Schweiz fand 1909 im Limmattal statt

Sandro Zimmerli
Merken
Drucken
Teilen
Der Gordon-Bennett-Wettbewerb bewegte die Massen. An die 200 000 Zuschauer dürften das Spektakel auf dem Startplatz beim Gaswerk Schlieren und von den umliegenden Hügeln her verfolgt haben.

Der Gordon-Bennett-Wettbewerb bewegte die Massen. An die 200 000 Zuschauer dürften das Spektakel auf dem Startplatz beim Gaswerk Schlieren und von den umliegenden Hügeln her verfolgt haben.

Zur Verfügung gestellt

Möglichst weit soll es gehen. Wer bei seiner Landung die grösste Entfernung zum Startpunkt erreicht hat, darf sich Sieger des ältesten und renommiertesten internationalen Ballonflugwettbewerbes nennen. 22 Mannschaften aus 13 Ländern stehen heute am Start der 61. Ausgabe des Gordon-Bennett-Cups. Von Greyerz aus versuchen sie, ohne zeitliche Beschränkung eine möglichst lange Strecke zurückzulegen. Die Schweiz ist mit drei Teams am Start, die den achten Sieg für ihr Land anstreben.

Als erster Mannschaft unter Schweizer Flagge gelang dieses Kunststück dem Duo Theodor Schaeck und Emil Messner. Die beiden Militärpiloten legten 1908 von Berlin aus mit ihrem Gasballon «Helvetia» in 73 Stunden und 25 Minuten eine Strecke von 1190 Kilometern zurück und landeten im norwegischen Bergseth. Sie bescherten dem Limmattal damit den wohl grössten Menschenaufmarsch der letzten 100 Jahre. Denn bis heute sehen es die Regeln des Wettbewerbs vor, dass das Heimatland des Siegerteams die nächste Austragung des Cups organisiert. Und so kam die Schweiz 1909 zu ihrer Gordon-Bennett-Premiere. Als Austragungsort legte sich der für die Organisation verantwortliche schweizerische Aeroclub schon früh auf Schlieren fest. Denn nur das dortige Gaswerk, so die Überlegungen, habe die Kapazität, genügend Gas für die Ballone zur Verfügung zu stellen.

Gordon-Bennett-Cup: Ein Verleger hatte die Idee

Der Gordon-Bennett-Cup ist die älteste jährlich stattfindende internationale Ballonsportveranstaltung für Gasballone. Initiiert wurde er vom Amerikaner James Gordon Bennett junior, dem Verleger des New York Herald. Der erste Wettbewerb wurde am 30. September 1906 in Paris ausgetragen. Nach der Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg wurde der Wettbewerb jährlich durchgeführt, nach dem Zweiten Weltkrieg aber erst im Jahr 1983 wieder aufgenommen. Letztes Jahr gewann das Schweizer Duo Kurt Frieden, Pascal Witprächtiger. Deshalb findet Wettbewerb wieder in der Schweiz statt. (zim)

Diese Wahl sollten die Organisatoren nicht bereuen. Der Anlass wurde ein voller Erfolg. Wohl über 200 000 Menschen pilgerten zwischen dem 1. und dem 3. Oktober ins Limmattal, um den Pionieren der Luftfahrt bei ihrer Arbeit über die Schultern zu schauen. Um den Andrang zu bewältigen, mussten Extrazüge und -trams eingesetzt werden. Der Vorverkauf lief so gut, dass sich das Organisationskomitee dazu entschloss, Zusatztribünen aufzustellen. Auf dem Festplatz neben den Gasometern wurden Restaurants, eine Champagnerstube, Toiletten und Lokale für die Presse sowie die Post eingerichtet. Zwischen Altstetten und Schlieren boten nicht weniger als 30 fliegende Wirtschaften und Buffets ihre Waren an.

Hügel wurden zu Tribünen

Doch nicht nur auf dem Festplatz fanden sich die Schaulustigen ein. Auch auf den umliegenden Hügeln war jede Menge Volk anzutreffen. In Zeitungsinseraten etwa wurden in Oberengstringen beim Eggbühl vis-à-vis des Startgeländes 10 000 nummerierte Sitzplätze für zwei respektive drei Franken angeboten. In Altstetten entschieden sich einige Rebbauern, ein paar Parzellen für weniger begüterte Zuschauer als Aussichtspunkt zur Verfügung zu stellen. In Höngg hingegen liess man den hoch über dem Tal gelegenen Friedhof abschliessen, damit er nicht als Zuschauerplatz benutzt werden konnte, wie die «NZZ» berichtete.

 Die Rangliste zeigt die Sieger, Edgar W. Mix und Andre Roussel, im Bild.  

Die Rangliste zeigt die Sieger, Edgar W. Mix und Andre Roussel, im Bild.  

Zur Verfügung gestellt

Die Euphorie kannte keine Grenzen. Bereits in den Wochen vor dem Wettkampf konnte man sich dem bevorstehenden Grossanlass kaum entziehen. In den Schaufenstern warben die Geschäfte für den Cup. Besondere Preziosen gab es in der Auslage des Uhrengeschäfts Türler an der Zürcher Bahnhofstrasse zu bestaunen. Vier Uhren waren dort ausgestellt, Ehrengaben für die Wettkämpfer. «Die wertvollste Taschenuhr, die einen Wert von 2000 Franken repräsentiert, ist ein Doppelchronograph, der als Spezialität zwei Separatzeiger besitzt, mit denen unabhängig von einander zwei verschiedene Beobachtungen gleichzeitig exakt kontrolliert werden können», schrieb der Reporter der «NZZ».

Auch an den Wettkampftagen selber liessen sich weder Zuschauer, Wettkämpfer noch Organisatoren lumpen. Für den 1. Oktober war eine Zielfahrt anberaumt, bei der es galt, 15 Landepunkte im Umkreis von 30 Kilometern anzufliegen. Es folgte eine Weitfahrt. Während das modisch gekleidete Publikum den Champagner in vollen Zügen genoss, beluden die Teilnehmer ihre Körbe mit Proviant. «Für Rotwein war so gut gesorgt wie für Weisswein, Sekt fehlte so wenig wie Mineralwasser», notierte der «NZZ»-Korrespondent. Auch Käse, Eier, Speck und Brot fanden ihren Weg in die Körbe. Warme Decken und Steigeisen für den Fall einer Landung in den Bergen durften ebenfalls nicht fehlen. Kaum einer der Wettfahrer verzichtete darüber hinaus auf einen Fotoapparat.

Bundesrat hielt Rede

Bequemer hatten es die Honoratioren, die am Abend in die Tonhalle zu einem Bankett geladen wurden. Weder am Essen noch an grossen Worten wurde dort gespart. «Jener Ballon, der letztes Jahr von Berlin aus den zeitlich und räumlich längsten Flug ausführte, heisst ‹Helvetia›. Ihn umwehte, den nordischen Völkern bislang unbekannt, das rot und weisse Banner, unser nationales Symbol», sagte etwa Bundesrat Ludwig Forrer in seiner Festrede.

Ein erster richtiger Höhepunkt war für den zweiten Wettkampftag angekündigt, die Fahrt des Parseval-Luftschiffs des Kaiserlichen Deutschen Aeroclubs. Doch das Spektakel fiel ins Wasser. Dauerregen sorgte für einen Abbruch der Startvorbereitungen. Tags darauf klappte es dann. Bei Sonnenschein hob das Luftschiff ab, während die Teilnehmer des eigentlichen Gordon-Bennett-Wettbewerbs am Boden die letzten Vorbereitungen trafen. 20 Ballone waren gemeldet. Am Start fanden sich schliesslich 17 ein. Als letzter stieg die «Helvetia» unter lautem Jubel in die Luft. Ihren Sieg konnte sie nicht wiederholen. Am 6. Oktober kam die Meldung, dass tags zuvor der Ballon «America II» um 3.03 Uhr nordwestlich von Warschau gelandet war. Die Amerikaner Edgar W. Mix und Andre Roussel schafften in 35 Stunden und 7 Minuten eine Strecke von 1121 Kilometern. In Schlieren war zu diesem Zeitpunkt längst wieder Normalität eingekehrt.