Dietikon/Dintikon
Bald treibt der alte Kessel wieder eine Lokomotive an

Die Restauration einer alten Dietiker Dampflokomotive kommt gut voran. Der Dampfkessel ist nun fertig und wird mit einer Wasserdruckprobe auf Herz und Nieren geprüft.

Tabea Wullschleger
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Bald treibt der Kessel wieder eine Lok an
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Wo jetzt nur eine Lampe glüht, prasselt dereinst wieder ein Feuer: Blick aus dem Innern des frisch revidierten Dampfkessels. Wul
So sah die Dampflok beim Abtransport vor zweieinhalb Jahren aus. bhi

Bald treibt der Kessel wieder eine Lok an

Das Leben der NOB 456

Die Dampflokomotive NOB 456 verdankt ihre Betriebsnummer der Nordostbahn, für die sie 1894 gebaut wurde. 1902 ging sie zu den neu gegründeten SBB über; ab 1934 war sie als Werkslokomotive in verschiedenen Industriebetrieben im Einsatz. In den Siebzigern ausrangiert, wurde sie 1982 von der Stadt Dietikon übernommen. Pascal Troller (www.pascaltroller.ch) begann 2009, finanzielle Mittel für eine Revision und Wiederinbetriebnahme zu beschaffen.

Mächtig steht er da, der frisch revidierte Dampfkessel. Er ist in der Werkstatt von Kesselschmied Demian Soder aufgebockt, man begegnet ihm auf Augenhöhe. Die anwesenden Männer umrunden den massiven Eisenkessel, bestaunen Details oder diskutieren fachmännisch über verschiedene Teile.

Etwas mehr als zweieinhalb Jahre ist es her, seit die Dampflokomotive NOB 456 Dietikon verliess. Damals wurde das rund 21 Tonnen schwere Gefährt in einer spektakulären Aktion von ihrem Standort beim alten Spanisch-Brötli-Bahnhof mit einem Kran auf einen Lastwagen gehievt. Danach wurde sie nach Balsthal SO transportiert und für eine Revision in ihre Einzelteile zerlegt. Der Dampfkessel ist nun fertig und wird mit einer Wasserdruckprobe auf Herz und Nieren geprüft.

Einer schaut dabei besonders genau hin: Kesselinspektor Sandro Marocco ist für die technische Abnahme des revidierten Kessels zuständig.«Dies bildet den Abschluss der wohl wichtigsten Etappe innerhalb eines Dampflokomotiv-Revisionsprojektes», sagt Projektleiter Pascal Troller. Er hatte die 400 000 Franken für diese Revision zusammengetragen. Als Experte für Kulturgüter aus der Zeit der Industrialisierung hat er bereits viele ähnliche Projekte zur Erhaltung solcher Güter initiiert und begleitet.

Es braucht viel Fachwissen

Um den verrosteten Kessel kümmerte sich seither der Kesselschmied Demian Soder. Er sei einer der wenigen in der Schweiz, der noch über das erforderliche Fachwissen verfüge, sagt Troller. Bei der Revision habe man sich an der Technik von früher orientiert; so ist beispielsweise alles genietet und nichts geschweisst. Kesselinspektor Marocco weist auf eine zusätzliche Schwierigkeit hin: «Die alten Kessel sind teilweise unvollständig dokumentiert. Bei fehlenden Angaben muss der Betreiber durch Materialentnahmen und Prüfungen die fehlenden Kennwerte nachweisen.»

Auch werde die Revision eines historischen Kessels nach einer Zusammensetzung von Richtlinien, Verordnungen, Vorschriften und Regelwerken durchgeführt. «Es gibt klare Richtlinien und Regelwerke für industrielle Dampfkessel, die aber nicht auf die historischen Lokomotivkessel zugeschnitten sind», so Marocco. Um den geprüften Kessel raschmöglichst auf den bereits revidierten Lokomotivrahmen setzen zu können, werde er in den nächsten Tagen wieder ins solothurnische Balsthal überführt, sagt Troller.

Die Wichtigkeit der Druckprobe

Während sich die Übrigen wieder im ganzen Raum verstreut haben, sieht sich Kesselinspektor Marocco den Feuerraum des Kessels genauer an – von innen. Dies ist möglich, da der ganze Kessel aufgebockt und der Feuerraum unten offen ist.

Sein Fazit nach der ganzen Prüfung: «Alles hervorragend.» Einige wenige Tropfen seien zu sehen gewesen, als bei der Wasserdruckprobe der Kessel mit einem um den Faktor 1.4 höheren Druck als beim Betriebsdruck belastet wurde. «Aber das waren wohl nur Freudentränen des zu neuem Leben erweckten Kessels», sagt Marocco schmunzelnd.

Wie bei allen Druckkesseln ist eine genaue Prüfung wichtig, um die Sicherheit zu gewährleisten. Eine Dampflokomotive sei aber ein besonderer Fall, sagt Marocco. Industrielle Kessel stünden normalerweise in geschlossenen Räumen. Einer Lokomotive jedoch kommen viele Menschen nah. «Es darf also wirklich nie irgendetwas passieren», betont Marocco.

Bald fährt sie wieder

Von jetzt an gehe es schnell voran mit der Revision der Dampflok, sagt Troller. «Bis spätestens nächsten Sommer werden die Revisionsarbeiten an dieser Dampflokomotive abgeschlossen sein». Gesamthaft seien in der Schweiz über 150 Dampflokomotiven erhalten geblieben. «Mir sind aber die relativ zahlreich und ohne jeglichen historischen Bezug zur Schweiz aus dem Ausland importierten Lokomotiven ein Dorn im Auge», so Troller. «Ich freue mich daher immer sehr, wenn eine historisch relevante Schweizer Lokomotive wie die NOB 456 in der Schweiz finanziert und auch revidiert werden kann.»