Das längliche, etwa 20 Zentimeter lange Holzstück ist gänzlich unspektakulär. Es gliedert sich in einen hohlen, schmalen Stift und eine quaderförmige Verdickung mit einem Schlitz an der Seite. Sein Gewicht beträgt nicht mehr als 15 Gramm. Wenn man durch den Stift bläst, ertönt ein feiner, heller Ton. Bald wird das Stäbchen seinen Platz finden unter insgesamt 1743 Pfeifen, die derzeit zur neuen Weininger Orgel zusammengefügt werden. Im November wird dann das Holzpfeifchen erstmals öffentlich sein dreigestrichenes a erklingen lassen.

Bis dahin dauert es aber noch ein paar Wochen. In der reformierten Kirche stapeln sich grosse längliche Kartons. Verpackungsmaterial und Holzwolle liegen am Boden, Werkzeugkisten stehen herum. Drei Orgelbauer und ein Elektriker sind am Werk. Lehrling Albert Moosmann trägt eine silberfarbene Pfeife, die länger ist als er selbst, zu einem Werktisch, platziert sie vorsichtig auf Trägerrollen und entfernt die Schutzfolie. Mit einem weichen Tuch poliert er das Metall. «Alle Metallpfeifen bestehen aus einer Zinn-Blei-Legierung. Der Zinnanteil liegt bei 75 Prozent», erklärt er. Seit einer Woche ist das Team der Vorarlberger Orgelbauerfirma nun vor Ort. Das Gehäuse steht, die mächtigsten Holzpfeifen befinden sich an ihrem Platz. Die grösste ist fünf Meter lang und wiegt etwa 80 Kilo. Viel zu sehen sein wird später nicht von ihnen; ihre Plätze sind im Hintergrund und auf der Seite. Einige von ihnen sind sogar waagerecht an der Decke montiert. Ganz anders ihre blanken Kollegen, die in der Front des Instruments schon stehen wie – nun ja, die Orgelpfeifen.

Steine für den Winddruck

Martin Behringer ruft Montageleiter Manuel Egle, der im Kirchenraum die Baupläne studiert, etwas zu. Sehen kann man den Lehrling nicht. Zusammen mit dem Elektriker arbeitet er gerade mitten im Instrument. In dem zimmergrossen Innenraum erkennt man neben den schon verbauten Pfeifen die sogenannten Konduktoren, schwarze Panzerrohre, die von allen Seiten zu den Pfeifen laufen und später den Wind vom Balg zu ihnen leiten. Der Balg und auch der Motor befinden sich in der Mitte des Raumes in einem grossen truhenförmigen Kasten. Sehen kann man allerdings nur schnöde graue Pflastersteine, die auf dem Balg liegen; sie werden gebraucht, um den Winddruck zu regulieren.

Das Instrument besitzt wie sein Vorgänger eine elektrisch-pneumatische Traktur. Anders als bei der mechanischen Variante, bei der sogenannte Abstrakte den Tastendruck zu den Pfeifenventilen übertragen, geschieht das hier auf elektrischem Weg. Der Vorteil: Der etwa 300 Kilogramm schwere Spieltisch, der normalerweise rechts unterhalb der Kanzel steht, ist nicht fest verbaut, sondern bleibt beweglich und kann bei Bedarf, etwa bei Konzerten, verschoben werden.

Neben den üblichen, sozusagen klassischen Teilen wie etwa Klaviaturen, Registerzüge, Notenpult und Jalousieschweller hält der Spieltisch auch eine moderne Überraschung bereit. Zieht man eine schmale, heftbreite Holzschublade im rechten Bereich auf, zeigt sich – ein Display in Tablet-Grösse. Bevor die jahrhundertealten Werke von Bach, Händel, Telemann und Co. erklingen, «bespielt» der moderne Organist heutzutage erst noch die elektronische Steuerung. Die Kontrolle erfolgt über ein weiteres Display am Notenpult.

Lärchenholz aus Weiningen

Beim Bau der Weininger Orgel wurden verschiedenste Hölzer verwendet. Der Spieltisch ist aus Ulmenholz, Orgelgehäuse und grosse Pfeifen aus Lärchenholz, die kleinen Holzpfeifen sind aus Birnbaumholz gefertigt. Orgelbauer Manuel Egle: «Wir konnten sogar regionale Hölzer verwenden. Einen Teil des Lärchen- und Ulmenholzes hat uns die Gemeinde Weiningen zur Verfügung gestellt.»

Mit einer Mischung aus Erleichterung und Euphorie freut sich Pfarrer Christoph Frei auf die kommenden Wochen: «An diesem Samstag haben wir eine Trauung. Bis dahin muss der Einbau fertig und die Kirche gereinigt sein.» Bisher verläuft alles nach Plan. Das Orgelprojekt begleitet Frei seit er in der Pfarrgemeinde arbeitet, also seit über acht Jahren. Die lange Planungszeit ist durchaus üblich beim Erwerb einer neuen Orgel.

Kein Zuschlag für Metzler

Nachdem sich aufgrund einer Expertise herausgestellt hatte, dass die Renovation der alten Orgel aus dem Jahr 1942 nicht lohnt, gab es ein öffentliches Submissionsverfahren, bei dem am Ende das Unternehmen Rieger Orgelbau aus Schwarzach bei Bregenz den Zuschlag bekam. Unter anderen hatte auch der Dietiker Orgelbauer Metzler das Nachsehen. Das Unternehmen ist mehr auf Orgeln mit mechanischen Trakturen spezialisiert. «Die Entscheidung fiel anhand eines Gesamtkatalogs von Kriterien. Rieger erhielt dabei die meisten Punkte im Vergleich zu seinen Mitbewerbern. Das Finanzielle war nicht allein ausschlaggebend», so Frei.

700 000 Franken wird die Orgel am Ende kosten. Den Grossteil trägt die Kirchgemeinde bei, 180 000 Franken sammelte der extra gegründete Verein «Neue Orgel Weiningen», eventuell kommt noch ein Zustupf von der Kantonalkirche hinzu. Viel Geld für ein Instrument– zu viel? Pfarrer Frei: «Eine Orgel ist gute Tradition in unserer Kirchenlandschaft, vor allem bei den Kasualgottesdiensten wie Trauungen und Beerdigungen gehört eine Orgel einfach dazu. Ich sehe Orgelmusik vor allem als Dienerin am Wort Gottes, als Unterstützerin. Sie kann Stimmungen steuern, beim Trauern helfen oder das Gemüt mit trostvoller Musik wieder erhellen.»

Sechs Wochen Intonation

Bis es soweit ist, folgt nach dem Einbau des Instrumentes erst noch dessen Intonation, die sechs Wochen in Anspruch nimmt und damit dreimal so lange dauert wie der Einbau selbst. Sie ist mit dem, was man landläufig unter «stimmen» versteht, nicht zu vergleichen, nicht nur, was die Dauer anbelangt. Der Klang einer Pfeife bemisst sich aus dem Verhältnis von Länge und Durchmesser. Zwar werden die Pfeifen schon im Werk vorintoniert, aber die eigentliche Intonation kann nur vor Ort stattfinden. Martin Behringer wird dafür ab nächster Woche dem Orgelbauer und Intonateur Christian Metzler (nicht verwandt mit dem Dietiker Orgelbau-Unternehmen) bei seiner Arbeit zur Hand gehen. Dabei muss Behringer auch Modifikationen an den Pfeifen vornehmen, die er zu diesem Zweck manchmal sogar wieder von ihrem Platz herunterholen muss. Das ist auch der Grund, warum etwa die Hälfte der Pfeifen erst nach der Intonation eingebaut werden wird.

Aber dann ist endlich der Zeitpunkt gekommen, den eingebauten Pfeifen Klänge zu entlocken und die Kirchenbesucher damit zu erfreuen. Am 6. November, dem Reformationssonntag, wird das Instrument mit einem Festgottesdienst und einem Konzert eingeweiht. Neben Johann Sebastian Bach (mit dem berühmtesten Orgelwerk der Musikgeschichte, der Toccata und Fuge in d-Moll) und Joseph Haydn werden auch Jazziges und Maurice Ravels Bolero zu hören sein. Und irgendwann auch dieses unscheinbare 20-Zentimeter-Pfeifchen aus Birnbaumholz.