Schlieren

Balance zwischen Studium und Familie: Sie nimmt ihr Baby mit in den Vorlesungssaal

Das Schlafzimmer ist gleichzeitig Aurore Delorys Arbeitsplatz und für die Kinder Claire und Clément normalerweise verbotene Zone.

Das Schlafzimmer ist gleichzeitig Aurore Delorys Arbeitsplatz und für die Kinder Claire und Clément normalerweise verbotene Zone.

Die Schlieremer Architekturstudentin Aurore Delory hat neben Abgabeterminen und Vorlesungen noch ganz anderes im Kopf: Ihre zwei Kinder Claire (3 Jahre) und Clément (5 Monate) halten sie auf Trab.

Ein Kinderwagen in den Treppen des Vorlesungssaals, eine Babyflasche zwischen Modellen aus Styropor und ein buntes Kinderbuch neben dicken Bänden über Tragwerke und Bauphysik – solche Situationen würde so mancher als ungewöhnlich bezeichnen, aber für Aurore Delory sind sie Szenen aus dem Alltag.

Im September 2018 hat die zweifache Mutter ein Architektur-Studium an der ETH Zürich begonnen, angemeldet hat sie sich während der zweiten Schwangerschaft. Als die Vorlesungen anfingen, war ihr Sohn Clément noch nicht mal zwei Monate alt und zu jung für die Kindertagesstätte (Kita). Da nahm sie ihn kurzerhand mit in den Hörsaal.

Delory kommt ursprünglich aus Frankreich und hat dort bereits ein Studium als Bauingenieurin absolviert. Nach ein paar Jahren Berufstätigkeit im Ausland kam sie mit ihrem Mann Pierre und der heute dreieinhalb Jahre alten Tochter Claire vor einem Jahr in die Schweiz nach Schlieren. «Eigentlich wollte ich mich hier für eine Stelle bewerben, aber dann wurde ich erneut schwanger», sagt die Studentin. Diesen Moment des Umbruchs wollte die 35-Jährige nutzen, um ein neues Kapitel aufzuschlagen.

«Als ich klein war, wollte ich immer Architektin werden. Deshalb habe ich mich jetzt dazu entschieden, etwas Neues anzufangen, das mir Spass macht.» Das neue Studium sehe sie aber eher als Ergänzung. «Ich wechsle ja nicht komplett die Richtung. Das Ziel ist ein Beruf in der Mitte, zwischen Architektur und Bauingenieurwesen.»

Viel Planung

Für das Studium arbeitet Delory meistens morgens oder abends, wenn Claire und Clément schlafen. «Wenn beide Kinder zu Hause sind, ist es unmöglich, zu arbeiten.» Muss sie sich aber nur um das fünf Monate alte Baby kümmern, geht sie oft mit dem Kinderwagen spazieren und kann gleichzeitig Videos von verpassten Vorlesungen anschauen oder mit Apps wie Flash Cards lernen. «Ein Studium mit Kindern erfordert viel Planung», sagt die Mutter. In ihrem ersten Studium habe sie aber gelernt, sich zu organisieren.

Ein paar theoretische Fächer konnte sie sich von ihrem Ingenieurabschluss anrechnen lassen. Am meisten Zeit benötigen aber die praktischen Übungen. Im ersten Semester verbrachten die Architekturstudenten und -studentinnen die ersten beiden Wochentage jeweils in den Ateliers, um ihre Wochenaufträge in Entwürfe und Modelle umzuwandeln. «Die Studenten arbeiten meistens in den Ateliers auf dem Hönggerberg. Ich versuche aber, so viel wie möglich zu Hause zu erledigen», so Delory.

Aurore Delory, Studentin und Mutter

«Die Studenten arbeiten meistens in den Ateliers auf dem Hönggerberg. Ich versuche aber, so viel wie möglich zu Hause zu erledigen.»

Aurore Delory, Studentin und Mutter

Montags erschien sie mit dem Baby an der ETH, um den Auftrag entgegenzunehmen und die Übungen zu verstehen. Die Modelle baute sie dann aber abends und an den Wochenenden in ihrer Wohnung in Schlieren. Dienstags ging sie gar nicht erst an die Hochschule. «Wenn Clément zu Hause fünf Minuten lang schreit, stört das niemanden, im Atelier aber schon.»

Mittwochs hat im ersten Semester ihr Mann auf die Kinder aufgepasst. «Das war mein wöchentlicher Urlaubstag», sagt Delory. Den freien Tag hat sie in der Uni verbracht. Donnerstags blieb sie dafür zu Hause bei den Kindern. «Die Städtebau-Vorlesung wurde immer aufgezeichnet, die konnte ich abends nachschauen.» Besonders speziell war aber der Freitag. «Das war mein Tag mit Clément im Hörsaal. Ich habe mich immer ganz unten auf die Treppe gesetzt, damit ich sofort rausgehen konnte, wenn er plötzlich laut wurde.»

Die meisten Studenten hätten nichts von dem Baby im Vorlesungssaal mitbekommen. In den Ateliers seien aber einige erstaunt gewesen. «Viele haben mich gefragt, wie ich das schaffe, neben dem Studium zusätzlich auf die Kinder aufzupassen. Andere waren aber auch einfach an Clément interessiert und haben mich gefragt, was ein Baby denn eigentlich mache», erzählt die Mutter und lacht.

Die ETH Zürich bezeichnet Delory im Allgemeinen als sehr kinderfreundlich. Am Anfang des Semesters konnte sie sich bei der ETH-eigenen Anlaufstelle «Hello Kids» nützliche Tipps für ein Studium mit Kind holen. Ausserdem sind auf dem Campus mehrere Stillräume und Wickeltische zu finden und auf dem Hönggerberg sowie im Zentrum bietet die universitäre Hochschule eine flexible Kurzzeit-Kinderbetreuung an. Diese kostet für Studenten fünf Franken in der Stunde und akzeptiert Anmeldungen bis einen Tag vor dem Termin. «Es gibt sicher einige andere Mütter, die an der ETH studieren», meint Delory. Der Unterschied sei aber, dass deren Kinder meist fremdbetreut werden und ihre Mütter nicht in den Hörsaal begleiten.

Für das zweite Semester gibt Delory ihre Kinder nun auch drei Tage in der Woche in die Obhut von Kitabetreuern und -betreuerinnen. «Für die Kita müssen die Kinder mindestens drei Monate alt sein. Wir wollten Clément aber frühestens mit fünf Monaten abgeben», so Delory.

Donnerstags kümmert sich dann ihr Mann Pierre um die Kleinen und sie selbst hat sich so arrangiert, dass sie dienstags keine Kurse hat und zu Hause bleiben kann. «Ich habe das grosse Glück, dass mein Mann beim Haushalt mitmacht. Wir leben nach dem Motto ‹equally shared parenting›», sagt Delory.

Dabei werden alle Aufgaben von der Kinderbetreuung bis zum Haushalt unter den Eltern aufgeteilt. «Ohne die Unterstützung meines Mannes wäre ein Studium nicht möglich», sagt die Architekturstudentin. «Die Kita ist relativ kostspielig und wir haben auch keine Grosseltern, die in der Nähe wohnen und auf die Kinder aufpassen könnten.»

Studium als Abwechslung

In Notfallsituationen sind auch schon Mitstudenten als Babysitter eingesprungen. Trotz des grossen Altersunterschiedes hatte die 35-jährige Mutter keine Probleme, Kontakte zu ihren jüngeren Kollegen und Kolleginnen zu knüpfen. Sie merke jedoch, dass sich die Studenten auf Probleme fokussierten, die weit weg von ihren eigenen seien.

Die meisten wohnen zum ersten Mal nicht mehr bei den Eltern und gewöhnen sich erst daran, auf sich allein gestellt zu sein. «Ich habe zwei Whatsapp-Gruppen. Eine mit den Architekturstudenten und eine mit Müttern, die alle Kinder im Alter von Clément haben. Das sind zwei verschiedene Welten», erzählt Delory. «In der einen Gruppe wird von den nächsten Abgabeterminen und Hausaufgaben geschrieben, in der anderen beklagen sich die Mütter, dass ihre Babys den ersten Brei nicht essen wollen.»

Ihr selbst biete das Studium eine gute Ablenkung vom Alltag als Mutter. «Wenn du immer nur ans Wickeln denkst, ist das nicht gerade stimulierend für deinen Intellekt», sagt Delory. «Es gibt Frauen, die diese Zeit besonders geniessen und sie nur mit ihren Neugeborenen verbringen, aber ich brauche auch mal etwas anderes.»

Autor

Flavia Lehmann

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