Dietikon
Autorin Regula Heinzelmann macht ihr Büro zum Literatursalon

Die Autorin Regula Heinzelmann hat am Sonntag zum Literaturkaffee in ihre eigenen vier Wände eingeladen. Die Limmattaler Zeitung ist ihrem Ruf gefolgt. Der Erlebnisbericht eines Nachmittags in der Wohnung einer Künstlerin.

Gioia Lenggenhager (Text und foto)
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Die Dietiker Autorin Heinzelmann (stehend rechts) über Werner Siegert: «Wenn Autor auf Autorin trifft, dann gibt es einen Austausch. Und bei uns ist es ein ewiger Austausch geworden.»

Die Dietiker Autorin Heinzelmann (stehend rechts) über Werner Siegert: «Wenn Autor auf Autorin trifft, dann gibt es einen Austausch. Und bei uns ist es ein ewiger Austausch geworden.»

Regula Heinzelmann braucht Platz zum Denken. Zum Glück. Sonst hätte das gute Dutzend Gäste, das jetzt auf Klappstühlen in Heinzelmanns geräumigem Büro sitzt, seinen Sekt auf dem Balkon trinken müssen. Grund zum Anstossen hat die Gesellschaft allemal: Die Gastgeberin hat Geburtstag. Sie wünsche sich Gesundheit und einen Bestseller, sagt die Autorin, meint damit aber weder «Illuminati» noch «P.S. Ich Liebe Dich» im Bücherregal, sondern dass sich ihr soeben erschienenes Buch über Erbschleicherei gut verkauft.

Doch darum geht es eigentlich gar nicht. Denn eingeladen hat Heinzelmann weder zur Geburtstagsfeier noch zur Vernissage, sondern zu einer Lesung in ihrem Büro. Dort, wo dermassen viele selbst gemalte Bilder an der Wand hängen, dass man kaum noch weiss, wo man hinschauen soll. Dort, wo die Hälfte der sechs Birnen im Kronleuchter den Geist aufgegeben hat. Und auch dort, wo man sich Heinzelmann vorstellt, wie sie in einer Schreibblockade den Kabelsalat von PC, Laptop und Laserdrucker in der linken, hinteren Ecke unter dem Tisch entwirrt.

Heute muss Heinzelmann weder entwirren noch schreiben. Dafür hat sie den Autor Werner Siegert eingeladen. Er liest aus seinem Roman namens «Das herbstrote Blatt» und erzählt die Geschichte von Katharina, die nach dem rätselhaften Tod ihres ungeliebten Mannes in erster Linie gegen sich selber kämpft. Man hängt ihm an den Lippen, als er einem das bewegende Leben seiner Protagonistin wie Honig um den Mund schmiert, nur um genau dann das Buch zuzuschlagen, wenn es am spannendsten ist. Doch das haben Lesungen so an sich und die Unterbrechung zeigt sich als aufschlussreich – allerdings mehr, was den Autor als seine Katharina betrifft. «Das herbstrote Blatt» sei vor seiner Publikation 13 Jahre in einer Schublade gelegen, erklärt Siegert.

Er wollte seinen Roman nicht veröffentlichen, solange er noch in der Unternehmensberatung tätig war. Und dann plaudert der Autor aus dem Nähkästchen: über die Polemik der ersten farbig abgedruckten Büstenhalter-Werbung von ganz Deutschland über «die schönste Zeit meines Lebens» in Interlaken und über seine Erfahrungen als Unternehmungsberater, bei denen er «so viele Versager erlebte, dass daraus ein Kabarett entstand». So wurde Siegert nebst Autor, Reiseleiter, Fachschriftsteller und Managementtrainer auch zum Komiker.

Bleibt eine Frage: Wie kommt Siegert in Heinzelmanns Büro? «Wenn Autor auf Autorin trifft, dann gibt es einen Austausch. Und bei uns ist es ein ewiger Austausch geworden», erklärt Siegert und beschreibt das erste Zusammentreffen mit Heinzelmann, «der Frau mit aufsässigen Fragen», an einer seiner Lesungen vor über 25 Jahren.

Ich verlasse Heinzelmanns schweinchenrosaroten Wohnblock mit einem selbst gebackenen Brunsli im Magen, dem 300-seitigen «Herbstroten Blatt» in der Tasche und werde ab jetzt am Morgen im Bus die Lebensgeschichte der Katharina lesen.