Dietikon

«Autismus ist kein Systemfehler» — Rafisa macht Jugendliche fit für den Arbeitsmarkt

Rafisa, die Stiftung Informatik für Autisten in Dietikon, macht Jugendliche fit für den ersten Arbeitsmarkt. Dabei werden sie nicht geschont.

Ein Jugendlicher sitzt an einem PC und löst ein IT-Problem. Um ihn herum stehen einige Bildschirme, er ist alleine und trägt Kopfhörer. Kaum betreten Gäste den Raum im Dietiker Bürogebäude, nimmt er die Kopfhörer kurz ab, grüsst und arbeitet weiter. «Falls sie etwas von mir wollen, müssen sie mir einfach auf die Schulter tippen», sagt er. Es sind Erklärungen wie diese, die die Jugendlichen in der Berufsausbildung bei Rafisa, der Stiftung Informatik für Autisten, lernen, um in der Welt zurecht zu kommen. «Die Jugendlichen sollen bei uns lernen, mit ihren Herausforderungen umzugehen», sagt Thomas Schärer. Er leitet den Betrieb und ist seit fünf Jahren in der Berufsbildung bei Rafisa tätig. Zuvor war er bereits 25 Jahre als IT-Fachmann und Berufsbildner in anderen Unternehmen angestellt.

Speziell bei der Ausbildung von Jugendlichen im autistischen Spektrum sei, dass sehr viel Zeit für das Lernen von Sozialkompetenzen aufgewendet werde. «Es kann sein, dass man als Lehrmeister fachlich gefordert ist, einem Lernenden im ersten Jahr nachzukommen. Doch auf der anderen Seite hat er grosse Mühe mit dem öffentlichen Verkehr zum Ausbildungsplatz zu gelangen», sagt Schärer. Schnelle Veränderungen, Ablenkung oder Wechsel machen vielen Autisten Mühe. Mit klaren Strukturen, Kontinuität und Ordnung kann ein ideales Umfeld geschaffen werden.

Manche reden ununterbrochen

Längst nicht jeder Autist ist auch geeignet für die Informatikausbildung. Um dies herauszufinden, durchlaufen alle Lernenden ein fünftägiges Eignungsverfahren. Es geht darum herauszufinden, ob der rohe Diamant so geschliffen werden kann, dass er am Ende in der Arbeitswelt glänzen kann. Dabei unterscheiden sich alle Jugendlichen voneinander. «Da gibt es solche, die am liebsten die ganze Zeit reden und andere, die in den ersten zwei Monaten auf keine Frage eine Antwort geben», sagt Schärer. Meistens seien die Autisten so ehrlich, dass es entweder gut tue oder auch ein wenig hart sei, sagt er und lacht. Diejenigen, die Freude am Reden haben, können ihre Fähigkeiten beispielsweise auch im internen Helpdesk der Rafisa unter Beweis stellen.

Ein weiterer Aspekt, der die Sozialkompetenz unterstützen soll, ist das Mittagessen. Seit dem Start von Rafisa essen alle gemeinsam in einem Zimmer. Dort ist lautes Geplapper und Geklapper zu hören. Wem der Lärm zu bunt wird, kann den Tisch, nachdem er gegessen hat, wieder verlassen. «Wir sind keine Schule, an der es immer wieder läutet. Das Ganze soll möglichst nahe am ersten Arbeitsmarkt sein», sagt Schärer.

Seit dem Start von Rafisa essen alle gemeinsam in einem Zimmer.

Seit dem Start von Rafisa essen alle gemeinsam in einem Zimmer.

Um die Jugendlichen an die Arbeitswelt zu gewöhnen, absolvieren sie nach Möglichkeit einmal ein Praktikum in einer grösseren Firma. «Ich fand es spannend im Praktikum. Doch der Zeitdruck war spürbar», sagt ein Lernender im zweiten Lehrjahr. Am liebsten möchte er später einmal im Qualitätsmanagement arbeiten. Denn er könne sich gut lange auf etwas konzentrieren.

Es begann mit fünf Lernenden im Estrich

«Die jugendlichen Autisten brauchen spezifische Bildung», sagt Siegfried Wirtner. Der IT-Geschäftsmann rief die Rafisa IT-Ausbildung für Autisten vor zehn Jahren ins Leben. Nachdem ihn eine befreundete Mutter anfragte, ob er ihrem autistischen Sohn eine Lehrstelle vermitteln könnte und alle Unternehmen absagten, entschloss er sich, selbst auszubilden. Er begann mit fünf Jugendlichen, die er in seinem Estrich unterrichtete. Mittlerweile sind es 50 Jugendliche, die in Dietikon einen Ausbildungsplatz gefunden haben. Darunter sind drei Frauen, der grösste Teil sind Männer. Grund dafür sei einerseits, dass es noch immer wenige Frauen in der IT-Branche gebe und andererseits mehr Männer die Diagnose Autismus erhielten.

«Die Mädchen werden oft nur als ‹die Stillen› beschrieben, die Knaben sind eher diejenigen, die auffallen», sagt Schärer. Heutzutage sind die Ärzte sensibilisiert auf das Thema. «Ich kann mich gar an einige frühere Lernende erinnern, bei denen ich heute klar sagen würde, sie sind im Autismus-Spektrum», so Schärer. Dass heute mehr Kinder diagnostiziert werden, sieht er als Chance. So könnten sie gezielt gefördert werden. Nebst dem Standort in Dietikon gibt es Rafisa mittlerweile auch in Bern, Freiburg und bald expandiert die Stiftung gar nach Dubai.

Der Standort von Rafisa, zehn Minuten vom Bahnhof Glanzenberg entfernt, ist schön gelegen. Jeden Mittag geht eine Gruppe auf einen zwanzigminütigen Spaziergang entlang der Limmat. Das Angebot sei freiwillig und werde unterschiedlich genutzt. «Zwei der Jugendlichen kommen nur mit, wenn es regnet», sagt Schärer. Andere nutzen ihre Mittagspause, um Musik zu machen. Dazu hat ein Berufsbildner seine Bassgitarre mitgebracht. All diese Angebote seien Versuche, die Jugendlichen abzuholen und ins Leben zu integrieren.

Andere nutzen ihre Mittagspause, um Musik zu machen.

Andere nutzen ihre Mittagspause, um Musik zu machen.

Während der Ausbildung besuchen die Jugendlichen die reguläre Berufsschule. Zudem werden sie von der IV unterstützt. Dies führt dazu, dass bei Standortgesprächen oft alle Stühle belegt sind: Eltern, Wohngruppenleiter, Sozialarbeiter, Ausbildner und IV-Berater sind anwesend, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu fällen. Das Ziel ist es, dass die umfassende Unterstützung nach den vier Lehrjahren zu Ende ist und die IV nur noch als Abzug auf dem Lohnausweis im Leben der IT-Fachleute sichtbar ist. Im letzten Jahr schafften 12 von 14 Lernenden den Übertritt in ein reguläres Unternehmen.

Trotz der manchmal umständlichen organisatorischen Verhältnisse wollen die Ausbildner die Jugendlichen so normal wie möglich behandeln. Das stosse bei manchen Eltern auf offene Ohren, andere seien irritiert, da sie ihre autistischen Kinder mit Samthandschuhen anfassen, sagt Schärer. Dass das Ausbildungsteam einiges von ihnen fordert, sei auch für die Jugendlichen anfangs gewöhnungsbedürftig. Das Resultat gibt ihnen allerdings recht: Ein Lehrabgänger startete als professioneller Gamer, andere haben Arbeitsstellen in renommierten Unternehmen und zwei weitere wurden für ein Talentförderprogramm in Shanghai ausgewählt. Sie wurden nicht nur zu rentenfreien Teilnehmern der Gesellschaft, sondern zeigen auch öffentlich, dass Autismus keine Krankheit ist. Oder wie es ein Lernender ausdrückt: «Autismus ist kein Systemfehler, sondern ein anderes Betriebssystem».

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1