Dietikon

Auswanderung: Was lange währt, wird nun endlich gut

Endlich! Das lang ersehnte Couvert mit der Visumsbestätigung, vom Briefträger überreicht.  marco mordasini

Endlich! Das lang ersehnte Couvert mit der Visumsbestätigung, vom Briefträger überreicht. marco mordasini

Kurz vor Weihnachten, an einem Montagmorgen um 7 Uhr, kam endlich das lang ersehnte braune Couvert aus Paris. Für Marianne Bechtiger aus Dietikon beginnt bald ein komplett neuer Lebensabschnitt – mit Ehemann Bruno in Kanada.

Vor eineinhalb Jahren hat sich Marianne Bechtiger entschieden, nach Kanada auszuwandern und ihrem Mann Bruno zu folgen, der bereits seit 2006 in Kanada als Lastwagenchauffeur lebt und arbeitet. «Die Zeit, in der wir getrennt waren, war für uns wie eine zweite Probezeit», erklärt sie rückblickend. Mindestens einmal pro Jahr reiste Bechtiger als Touristin nach Kanada und begleitete ihren Mann auf langen Fahrten quer durch Nordamerika.

Das lange Warten

Als Marianne Bechtiger im Juni 2009 alle nötigen Unterlagen an die kanadische Botschaft in Paris sandte, erhielt sie prompt eine Empfangsbestätigung. «Ich hätte mir nie träumen lassen, dass mich bis zur Visumserteilung noch so viele Hindernisse erwarten würden», gesteht sie. So verflog fast ein Jahr, ohne dass die Internetspezialistin Antwort aus Paris erhielt. Denn die Bearbeitungszeit dauert in der Regel sechs bis zwölf Monate.

Ursprünglich wollte Marianne Bechtiger schon an Weihnachten 2009 ihre Zelte in der Schweiz abbrechen. Doch wie heisst es schön: Erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt. So blieb der 54-jährige Mutter von zwei erwachsenen Töchtern nicht anders übrig, als nochmals als Touristin nach Kanada zu reisen.

Der Brief aus Paris, der nie ankam

Bei dieser Einreise im Mai 2010 erhielt Bechtiger am Zoll eine freudige Nachricht, die allerdings auch Fragen aufwarf. «Der Immigration Officer bestätigte, dass meinem Visumsantrag bereits im Oktober 2009 zugestimmt worden wäre», so Bechtiger leicht konsterniert. Warum aber wurde sie nicht informiert? Der lang ersehnte, braune Umschlag aus Paris traf nie in Dietikon ein.

Direkt aus Kanada wollte sich Bechtiger bei der Botschaft in Paris genauer erkundigen. Doch anstelle der erhofften Visumsbestätigung erhielt Bechtiger eine Schocknachricht. «Innert 90 Tagen sollte ich nochmals sämtliche Dokumente zur Prüfung einreichen», erinnert sie sich. Doch wie wollte sie das machen? Sie, die bis November in Kanada bleiben wollte? Erst auf den zweiten Blick sah die Dietikerin eine handschriftliche Notiz am unteren Briefrand. «Ich musste nur jene Unterlagen nochmals einreichen, deren Gültigkeit abgelaufen war.»

Trotz aller Widerwärtigkeiten erlebte Bechtiger sechs schöne Monate in Kanada. Über 50 000 Kilometer hat sie im roten Truck mit Ehemann Bruno zurückgelegt. Als Truckerlady konnte sie die Schönheit und Herausforderung ihrer neuen Heimat erleben. Von diesen Erlebnissen erzählt Marianne Bechtiger am 4. Januar 2011 im Restaurant Steinerhof in Urdorf.

Die grosse Unterstützung

Tochter Alice bildete in der Schweiz quasi eine Relaisstation und versorgte die Mutter mit einem neuen Strafregisterauszug und einem Arbeitsnachweis für das vergangene Jahr. Den Untersuch beim Arzt, ein Bluttest sowie das Lungenröntgen, um eine Tuberkuloseinfektion auszuschliessen, liess Bechtiger in Kanada vornehmen. «Mitte Oktober habe ich alle ergänzenden Unterlagen direkt von Ste-Anne-de-la-Pérade – aus der Stadt, wo unser Haus steht – nach Paris geschickt», sagt sie.

Und so begann das Bangen um das Visum von Neuem. Ohne Bescheid reiste sie Anfang November zurück in die Schweiz und schwört sich: «Diesmal warte ich nicht mehr so lange untätig.» Wenige Tage später erkundigte sie sich per E-Mail in Paris, ob noch Fragen zu klären wären. Und dann kam endlich die Antwort, auf die sie 15 Monate lang gewartet hatte. «Senden Sie uns ihren Reisepass zur Visumserteilung nach Paris», hiess es schlicht im E-Mail. Trotzdem blieb ein ungutes Gefühl zurück.

Sollte nun wirklich alles gut gehen? Als es am frühen Morgen des 20. Dezember bei Marianne Bechtiger klingelte, wusste sie weshalb. Der Postbote hielt einen braunen Umschlag aus Paris in der Hand. «Ein ganz besonderer Moment, den ich nie vergessen werde», erinnert sie sich.

Im Januar 2011 wird sie nach Kanada auswandern. Doch bis dahin gibt es noch viel zu tun. «Das Abmelden und der ganze Papierkram ist ein kleiner Spiessrutenlauf», schmunzelt Bechtiger. Zudem wird sie etwas ganz Besonderes in ihre neue Heimat mitnehmen.

Ihre Schwester Cécile Vicentini ist Goldschmied und hat für das Ehepaar Bechtiger neue Eheringe kreiert. «Der Ring von Bruno weist ein Reifenprofil auf, meiner einen Abdruck, den dieser Reifen hinterlässt», sagt Bechtiger. Die beiden Ringe stellen eine Einheit dar, die eine lange und harte Bewährungsprobe hinter sich hat. «Ich freue mich für meine Schwester, dass es endlich geklappt hat. Wir werden uns bestimmt oft via Internet hören und sehen», ist Vicentini überzeugt.

Auch Marianne Bechtiger hat ein lachendes und weinendes Auge: «Ich verlasse ein schönes Land, um in einem anderen schönen Land meine Zelte neu aufzuschlagen.». Dort, wo seit fünf Jahren ihre grosse Liebe – Ehemann Bruno lebt und arbeitet.

Berichte aus Kanada: Marianne Bechtiger erzählt am 4. Januar 2011 im Restaurant Steinerhof in Urdorf von ihren Eindrücken.

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