Dietikon
Ausbrecher Hassan Kiko muss nun doch vor Gericht

Das Obergericht hat entschieden: Die Verhandlung wegen Anstiftung zur Flucht wird doch durchgeführt.

Bettina Hamilton-Irvine
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Hassan Kiko floh zusammen mit der ehemaligen Gefängnisaufseherin Angela Magdici aus dem Gefängnis Limmattal.

Hassan Kiko floh zusammen mit der ehemaligen Gefängnisaufseherin Angela Magdici aus dem Gefängnis Limmattal.

Hassan Kiko, der mit seiner Flucht aus dem Dietiker Gefängnis Limmattal im Februar vor einem Jahr schweizweit bekannt wurde, muss noch einmal vor Gericht antraben. Das hat das Zürcher Obergericht entschieden.

Der Hintergrund: Kiko war in der Nacht auf den 9. Februar 2016 gemeinsam mit der damaligen Aufseherin Angela M. aus dem Gefängnis getürmt und nach Italien geflüchtet. Während Angela M. vor vier Wochen vom Bezirksgericht Dietikon wegen Entweichenlassens eines Gefangenen mit 15 Monaten bedingt bestraft wurde, war es umstritten, ob sich der verurteilte Vergewaltiger Hassan Kiko. mit der Flucht eines weiteren Verbrechens schuldig gemacht hat.

Generell gilt in der Schweiz: Wer, wie in diesem Fall, einfach aus dem Gefängnis spaziert, ohne jemanden zu verletzen oder etwas zu beschädigen, hat sich nicht strafbar gemacht. Bestraft werden kann jedoch die «Anstiftung zum Entweichenlassen von Gefangenen». Deswegen erhob die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis am 7. Juli 2016 beim Bezirksgericht Anklage gegen Kiko und verlangte eine unbedingte Freiheitsstrafe von sechs Monaten.

Angela M. und Hassan K. - was bisher passierte In der Nacht auf Dienstag, 9. Februar, verhalf die Gefängniswärterin Angela M. (32) dem Häftling Hassan K. (27) zur Flucht aus dem Gefängnis Limmattal in Dietikon.
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Sie schloss die Türen auf, während ihr Kollege auf Nachtschicht schlief. Und: Bald ist klar, dass Angela M. und Hassan K. ein Liebespaar sind.
Hassan K. kam 2010 in die Schweiz. Er wurde vom Bezirksgericht Dietikon wegen Vergewaltigung einer knapp 16-Jährigen zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig, weil er es an das Zürcher Obergericht weiterzieht.
Angela M. ist in Wohlen AG aufgewachsen, trainierte dort Kickboxen. Vor der Flucht lebte sie seit drei Monaten von ihrem Mann getrennt, den sie 2014 geheiratet hatte.
Nach ihrer Flucht wurde bekannt, dass sie mit einem Auto über die Grenze zu Italien geflüchtet waren. Es handelte sich um einen schwarzen BMW X1 mit dem Kennzeichen ZH 528 411.
Am 21. März tauchte eine Video-Botschaft vom M. und K. auf: Die ehemalige Gefängniswärterin entschuldigte sich darin bei ihrer Familie und beteuerte, Kiko sei «der Mann ihres Lebens».
Gott habe sie für seine Flucht gesandt: So äusserte sich Hassan K. im Video über Angela M. Er beteuerte, er sei zu unrecht verurteilt worden und beklagte sich über die Haftumstände.
«Das war nicht so gescheit»: Das sagte der IT-Experte Lionel Bloch über die Veröffentlichung des Videos. Tatsächlich fand die Polizei - nicht nur dank des Videos allerdings - heraus, wo sich das Pärchen versteckte.
In der Nacht auf Karfreitag, 25. März, klickten die Handschellen: Sie und er waren im Bett, als nachts um 3 Uhr Polizisten die Wohnung stürmten. Die Wohnung befand sich in einem Hochhaus in Romano di Lombardia (I), rund 100 Kilometer von der Schweizer Grenze und 60 Kilometer östlich von Mailand entfernt. Angela M. wehrte sich so sehr, dass vier Beamte nötig waren, um sie zu überwältigen.
Danach sitzen sie in einem italienischen Gefängnis. Gemäss ihres Anwalts haben sie ihrer Auslieferung in die Schweiz zugestimmt.
Nach 66 Tagen war Angela M. am Donnerstag, 14. April 2016, zurück in der Schweiz. Bis zur Urteilsverkündung sass sie in Untersuchungshaft. In Chiasso übernahmen Schweizer Polizisten Angela M.
Talk Täglich, 23. Mai 2016: Angela M. mit ihrem Verteidiger Urs Huber und Moderator Markus Gilli.

Angela M. und Hassan K. - was bisher passierte In der Nacht auf Dienstag, 9. Februar, verhalf die Gefängniswärterin Angela M. (32) dem Häftling Hassan K. (27) zur Flucht aus dem Gefängnis Limmattal in Dietikon.

Kapo ZH

Grenzen überschritten

Das Dietiker Gericht sah jedoch die Voraussetzungen für einen Prozess nicht gegeben und stellte das Verfahren ein. Gemäss Bundesgericht sei eine sogenannte Anstiftung zur Selbstbegünstigung gar nicht strafbar, argumentierte das Bezirksgericht in einer Mitteilung vom November 2016. Es fehle an einer «positiven Prozessvoraussetzung».
Mit diesem Entscheid war wiederum die Staatsanwaltschaft nicht einverstanden. Weil sie nach wie vor der Ansicht war, dass ein Strafbestand vorliege, reichte sie Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung ein.

Nun hat das Obergericht im Sinne der Staatsanwaltschaft entschieden. Wie das Bezirksgericht gestern mitteilte, wurde die Beschwerde mit Beschluss vom 9. Februar gutgeheissen und die Einstellungsverfügung aufgehoben. Die Akten gingen zurück an das Dietiker Gericht. Das Obergericht erwog im Wesentlichen, dass ein Strafverfahren nur dann ohne Durchführung einer Hauptverhandlung eingestellt werden dürfe, wenn das angeklagte Verhalten «offensichtlich nicht strafbar» sei – was hier nicht der Fall sei.

Mit der Einstellung des Verfahrens habe die Vorinstanz die Grenzen ihrer Befugnisse überschritten, schreibt das Obergericht. Sie hätte die Strafbarkeit vielmehr nach Durchführung einer Verhandlung beurteilen und gegebenenfalls einen Freispruch fällen müssen.

Weiterzug wäre möglich

«Es freut uns, dass unsere Beschwerde erfolgreich war und es doch noch zu einer Verhandlung kommen wird», sagte die Leitende Staatsanwältin Claudia Wiederkehr gestern auf Anfrage. Zur Hauptverhandlung vorladen wird das Bezirksgericht, sofern der Entscheid nicht ans Bundesgericht weitergezogen wird. Dazu berechtigt wäre der Beschuldigte innerhalb von 30 Tagen, wie der Dietiker Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher auf Anfrage sagte. Den Entscheid kommentieren wollte Aeschbacher aber nicht. Ob sich auch noch das Bundesgericht mit dem Fall befassen muss, ist noch nicht klar: Hassan Kikos Verteidiger Valentin Landmann war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

So oder so wird er jedoch noch eine ganze Weile nicht aus dem Gefängnis herauskommen. Im Dezember wurde er für die Vergewaltigung einer 15-Jährigen in Schlieren zu vier Jahren Haft verurteilt. Zudem muss er noch den Rest einer früheren Strafe aus dem Kanton Thurgau absitzen.