Dietikon
Aus nach 45 Jahren: Das alte «Pony» wird bald nicht mehr geritten

Die Kinderkleiderbörse Pony in Dietikon geht nach 45 Jahren in ihre letzte Saison. Grund dafür sind die starke Konkurrenz von Billig-Läden und das sich ändernde Konsumverhalten.

Carla Stampfli
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Heidi Robmann bedauert, dass die Kleiderbörse geschlossen wird.

Heidi Robmann bedauert, dass die Kleiderbörse geschlossen wird.

Carla Stampfli

Vor dem Eingang der Kinderkleiderbörse Pony stehen Fahrräder und Kinderwagen. Bunte T-Shirts, Jacken und Strampelanzüge dekorieren die Fenster. Im Innern des Pavillons durchstöbern Kundinnen mit ihren Kindern die ausgestellten Artikel. Auf der Verkaufstheke liegt ein Stapel mit kleinen Flugblättern. Eine Kundin wirft einen Blick darauf und schaut verdutzt Mitarbeiterin Heidi Robmann an, die am Pult sitzt und Abrechnungen tätigt.

«Ist das wahr?», fragt die Kundin. Robmann, die seit neun Jahren für die Kinderkleiderbörse arbeitet, nickt und sagt: «Ja, wir haben uns entschieden. Wir hören auf.» «Das ist aber schade», entgegnet die Kundin. Die 53-Jährige besucht das «Pony» seit mehr als zehn Jahren regelmässig: «Ich kaufte stets das, was ich gerade gebraucht habe. Hier habe ich jedes Mal etwas gefunden.» Sie zahlt ein blaues T-Shirt und sagt: «Es ist traurig. Die Wertschätzung bekommt man erst, wenn es zu Ende ist.»

Nach 45 Jahren Betrieb hat die Kinderkleiderbörse an der Holzmattstrasse, die vom Frauenverein Dietikon geführt wird, die letzte Saison in Angriff genommen. Mitarbeiterin Robmann reut es: «Es ist schade. Doch die Konkurrenz der Billig-Läden in der Umgebung machte uns sehr zu schaffen. Es ist einfach nicht mehr tragbar», sagt die 65-jährige Dietikerin. «Früher suchten die Eltern die Kleidung für ihre Kinder aus. Heute entscheiden die Kinder selbst, was sie tragen möchten.» Dies sei mitunter ein Grund, warum die Kundschaft mit der Zeit rückläufig geworden sei.

«Es geht einfach nicht mehr»

Mit einem weinenden Auge schaut Marthe Zürcher, Präsidentin des Frauenvereins Dietikon, auf die Kinderkleiderbörse zurück: «Es ist bedauerlich. Aber wir müssen mit der Zeit gehen, die Gesellschaft hat sich geändert. Es bringt nichts, wenn die Leute nur noch Kleider abgeben, aber keine einkaufen.»

Auf dem Areal, auf dem heute nebst der Kinderkleiderbörse auch ein Kindergarten zu Hause ist, entsteht eine Überbauung mit elf Senioren und Familien sowie ein Doppelkindergarten, den die Stadt mieten wird. Das Dietiker Parlament genehmigte im letzten November den Baurechtsvertrag. Die Kleiderbörse muss weichen. Zürcher stellt aber klar, dass der bevorstehende Abriss des Pavillons keinen Einfluss auf den Vorstandsentscheid gehabt habe. «Die Stadt hat uns ein Ersatzlokal gefunden und vermittelt. Doch wir hätten so oder so aufgehört. Es geht einfach nicht mehr.»

Seit dem Einzug vor 45 Jahren ist im Lokal der Kinderkleiderbörse fast alles beim Alten geblieben. Die Kleider sind in Reih und Glied aufgehängt, die ausgestellten Waren werden fein säuberlich und liebevoll präsentiert. Einzig das Angebot der Kleidergrössen hat sich im Laufe der Zeit geändert: Statt wie einst bis Grösse 176 werden heute nur noch Kleider bis Grösse 152 akzeptiert.

Gefragt sind heutzutage vor allem Baby-Sachen sowie Kleider für Kinder bis acht Jahre. «Artikel für Neugeborene sind ja fast neu. Mehr als drei bis vier Wochen werden sie nicht getragen», sagt Robmann, deren Grosskind regelmässig vom Angebot des «Ponys» profitiert. Sie selber ist wehmütig beim Gedanken an das Ende der Börse: «Der Pavillon ist zwar alt und die Möbel sind die gleichen geblieben, aber es ist heimelig hier», sagt sie. «Es ist eine Ära, die zu Ende geht.»

Grosser Ausverkauf

Dass eine Ära zu Ende geht, weiss auch der Dietiker Stadtpräsident Otto Müller: «Die Zeiten haben sich geändert. Dem Frauenverein und den vielen Freiwilligen gebührt sehr grossen Dank. Es ist eine beachtliche Leistung, eine Kinderkleiderbörse 45 Jahre lang zu führen.»

Weil der Mietvertrag Ende Juli ausläuft, nimmt die Kinderkleiderbörse nur noch bis Ende April Kleider entgegen. Eine Woche vor den Sommerferien findet zudem ein grosser Ausverkauf statt: Im Angebot stehen nebst Kleidern unter anderem auch Kleiderbügel, Kleiderständer sowie weiteres Mobiliar.