Schlieren

Aus Kritzeleien der Kindheit verfasste sie ihr erstes Buch

Danijela Golijanin hat in ihrem ersten Buch ihre eigene Migrationserfahrung verarbeitet. Sie will damit nicht nur jene erreichen, die Ähnliches durchlebt haben.

Danijela Golijanin hat in ihrem ersten Buch ihre eigene Migrationserfahrung verarbeitet. Sie will damit nicht nur jene erreichen, die Ähnliches durchlebt haben.

Danijela Golijanin beschreibt in «Als wäre ich ein Koffer», wie sie sich als Mädchen aus Belgrad in der Schweiz integriert hat und warum sie sich damals oft einsam fühlte.

Es ist die Geschichte der kleinen Mascha, die Danijela Golijanin in ihrem ersten Buch erzählt. Das Mädchen verlässt mit zehn Jahren seine Heimat in Ex-Jugoslawien, um in der Schweiz 1982 ein neues Leben zu beginnen. Hier lebt zu diesem Zeitpunkt bereits ihre Mutter, die wenige Jahre zuvor nach Zürich gezogen ist, um Geld zu verdienen. Ihre Tochter hat sie bei den Grosseltern aufwachsen lassen, vor allem der Opa hat sich dort liebevoll um seine Enkelin gekümmert. Nach seinem Tod aber sieht sich die Grossmutter gezwungen, Mascha zu ihrer Mutter zu schicken.

Tagebücher bei Umzug entdeckt

In Ihrem ersten Buch, «Als wäre ich ein Koffer», beschreibt Golijanin ihre eigenen Erlebnisse: Die kleine Mascha, das ist sie selbst. Mithilfe etlicher Tagebücher, die sie als Kind vollgekritzelt hat, rollte sie ihre eigene Biografie wieder auf und verfasste darüber ein Buch. Dass sie die Gedichte und Texte aus ihrer Kindheit wieder gefunden hat, war mehr ein Zufall. «Das war beim Zügeln vor zwei Jahren», erzählt die Schriftstellerin, die in Schlieren, wo sie auch ein Coiffeurgeschäft führt, bis zum Umzug nach Dielsdorf wohnte. Als ihr die bunten Hefte in die Hände fielen, sei ihr sofort die Idee gekommen, diese Geschichte zu teilen.

Entstanden ist ein sehr persönliches Werk. Eindrücklich beschreibt Golijanin, wie einsam sich die kleine Mascha in der für sie fremden Schweiz fühlt. Sie spricht die Sprache nicht und ist oft allein, weil ihre Mutter sich als Gastarbeiterin durchschlagen muss.

Das Buch ist unterteilt in verschiedene Abschnitte. Jeder davon handelt von einer neuen Person, die im Leben des Mädchens eine Rolle spielte. Da ist zum Beispiel die ältere Dame, die im selben Wohnblock nur eine Tür weiter wohnt. Sie wird Maschas erste Freundin. Später ziehen weitere ausländische Kinder zu, einige davon ebenfalls aus Ex-Jugoslawien.

Viele Tränen vergossen

Es sei nicht immer einfach gewesen, dieses Buch zu schreiben, sagt Golijanin rückblickend. Die erste Version ist auf Serbisch erschienen. Das deutsche Exemplar, das es nun zu kaufen gibt, sei aber keineswegs nur eine Übersetzung. «Es ist viel umfassender geworden und damit ein ganz neues Werk», sagt sie. Oft seien ihr beim Schreiben die Tränen gekommen, das Ganze sei für sie heute noch sehr emotional.

Und so geht es auch dem Leser. Durch die Schilderungen der kleinen Mascha kann man sich mit den Gefühlen des Mädchens identifizieren und nachvollziehen, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen hatte. Golijanin will mit ihrem Buch vor allem jene Menschen erreichen, die Ähnliches durchlebt haben wie sie. «Sie werden sich in meinen Beschreibungen wiederfinden», sagt sie. Doch geschrieben sei das Buch für alle. Denn das Thema Migration sei aktueller denn je. Auch heute würden viele Kinder aus fremden Ländern hier ein Zuhause bekommen, das sie zuerst gar nicht einordnen könnten. «Man bekommt nichts beigebracht über die Kultur in der Schweiz», so Golijanin.

In der Schule lerne man alles andere, aber nichts über das Land selbst. «Nie hat mir jemand erklärt, weshalb man etwas auf eine ganz bestimmte Weise macht und nicht so, wie ich es gelernt habe», sagt sie. Das habe oft dazu geführt, dass sie seltsam angeschaut wurde. Golijanin schmunzelt. «Ich war ein sehr impulsives Kind, ziemlich laut und energisch», sagt sie. In Serbien sei das normal. Dort seien alle Leute einfach laut, jeder falle dem anderen ins Wort. In der Schweiz aber höre man sich zu, spreche leiser und wähle die Worte bedachter.

Leere Versprechungen

Obwohl sich die Autorin heute nicht mehr vorstellen könnte, zurückzukehren, verbindet sie mit ihrer ersten Heimat die Familie, die noch in Serbien lebt. «Immer hat man mir als Kind gesagt, dass wir wieder zurückkehren», sagt sie. Das habe es für sie damals schwierig gemacht, sich richtig einzuleben. Immerzu habe sie im Hinterkopf gehabt, dass der Aufenthalt in der Schweiz nur temporär sei. Irgendwann habe sie dann aber gemerkt, dass das ein leeres Versprechen war.

Heute ist Golijanin dankbar dafür, in der Schweiz zu leben. Sie liebt die Natur, die schönen Landschaften, die Berge. Sie schätzt die Zuverlässigkeit der Menschen. Geblieben sei aber trotz allem ihre impulsive Art. «Ich treffe Entscheidungen oft aus dem Bauch heraus und viel zu spontan», sagt sie. Das könne sie sich aber nicht abgewöhnen, da sei sie eben «total die Balkanesin».

Ebenfalls beibehalten habe sie ihren orthodoxen Glauben, so Golijanin. Für ihre zwei Kinder wünscht sie sich aber, dass sie mit beiden Kulturen aufwachsen. «So feiern wir zum Beispiel Weihnachten zweimal. Einmal im Dezember und einmal im Januar», sagt sie. Auch sei es ihr wichtig, dass die beiden Deutsch und Serbisch sprechen. «So können sie selbst entscheiden, was sie lieber mögen» sagt sie. Die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen – sie hat für die Mutter einen grossen Stellenwert. «Wahrscheinlich, weil ich selbst nie gefragt wurde», sagt sie.

Auf die Frage, ob sie noch ein weiteres Buch schreiben werde, antwortet die Autorin sofort mit einem Nicken. «Ja, aber ich werde nur wahre Geschichten schreiben», sagt sie. Denn Märchen seien ihr als Kind mehr als genug aufgetischt worden.

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