Wo in den Achtzigerjahren in Schlieren noch die Industrie florierte, stehen heute einige grosse Gebäude leer. Zwar bestehen für die meisten dieser Gebiete Bauprojekte – einige, wie etwa auf dem Färbi-Areal, werden bereits umgesetzt, doch gibt es noch immer Leerstände, welche nun die Stadtzürcher Kulturszene für sich entdeckt hat.

Einige junge Künstler sind derzeit in ehemaligen Industriehallen eingemietet. Die örtlichen Immobilienbesitzer halten sich betreffend Ateliernutzungen allerdings bedeckt – wohl aus Angst vor einem drohenden Ansturm der Kulturschaffenden. Mit der Halle.li ist auf dem Geistlich-Areal seit vergangenem Mai ein Projekt als Zwischennutzung eingemietet, das Atelier- und Werkplätze anbietet. Vergangene Woche fand die Vernissage der ersten Ausstellung darin statt (die az Limmattaler Zeitung berichtete).

Räume mit Ausstrahlung gesucht

Salome Kuratli, die Initiantin der Halle.li, sagt, man habe sich für den Standort Schlieren entschieden, weil hier Räume vorhanden sind, die in dieser Art in der Stadt Zürich nicht mehr zur Verfügung stehen: «Die Industriehalle auf dem Geistlich-Areal ist ein grosser, roher Raum, der viele interessante Blickwinkel zulässt und eine geschichtsträchtige Oberfläche aufweist.» Solche Räumlichkeiten mit Spuren der Zeit seien selten geworden. Ausserdem sei Schlieren von Zürich mit dem Velo in kurzer Zeit gut erreichbar.

Die Atelier-Plätze auf dem Geistlich-Areal sind als Zwischennutzung gedacht: Der Künstlergruppe, die hier arbeitet, gewährt die Verwaltung des Gebäudes sechs Monate Kündigungsfrist. Kuratli hat bereits Erfahrung im Aufbau solcher Arbeitsstätten: Sie war an der Entstehung des Zwischennutzungsprojekts «Nova Brunnen» im Kanton Schwyz beteiligt. Im Rahmen einer Arealkuratierung vermittelten sie und ihre Mitstreiter die Räume einer ehemaligen Zementfabrik an verschiedene Kulturschaffende, welche diese Ateliers bis zu ihrem Abriss für kulturelle Projekte nutzen.

Heute stehen Kulturschaffenden und Sportlern dort 17 Räumlichkeiten für ihre Projekte zur Verfügung. Und diese Einrichtung hat der Gemeinde zu einigem Ansehen verholfen, wie Kuratli erklärt: «Viele Schweizer Künstler und auch die Medien wurden auf das Projekt aufmerksam. Seither spielt Brunnen in der kulturellen Landschaft der Schweiz eine Rolle.»

Ein Mittel gegen die Schlafstadt

Ulrich Görlich, der Leiter des Stu-diengangs Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) sagt, dass Freiräume für Kulturschaffende für eine Stadt von grossem Wert seien. Er befasste sich im Zusammenhang mit einem Projekt zur «Ästhetik der Agglomeration» intensiv mit Vorstädten und ihrer Aussenwahrnehmung. «Ein Ort wie Schlieren sollte ein eigenes Angebot für Kultur und Freizeit bereithalten, wenn er nicht zu einer Schlaf- oder Arbeitsstadt werden will», so Görlich. Auch das Problem, dass gerade junge Künstlerinnen und Künstler ausserhalb der Stadt Zürich nach Arbeitsräumen suchen müssen, ist ihm bekannt. «Es gibt hier zu wenig erschwinglichen Atelierraum.»

Die Stadt würde vermitteln

Die Schlieremer Behörden begrüssen die Zwischennutzung, die sich auf dem Geistlich-Areal ergeben hat. «Ich finde es geradezu ideal, dass vorübergehend leerstehende Räume so genutzt werden», sagt Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin (SP). Für gewerbliche Zwecke seien Zwischennutzungen eher schwierig. Künstler seien in ihren Arbeitsformen flexibler. «Es freut mich, dass Kulturschaffende Schlieren attraktiv finden», sagt er.

Dass die Stadt eigene Räumlichkeiten für Künstler anbietet, ist laut Brühlmann unwahrscheinlich: «Verwaltung und Behörden kämpfen selbst mit Raumnot. Ausserdem ist es auch nicht Aufgabe der Stadt, solchen Raum zur Verfügung zu stellen.» Er kann sich allerdings vorstellen, dass man Künstlern helfen würde, wenn sie sich auf der Suche nach einer Arbeitsstätte an die Stadt richten. «Wir könnten etwa den Kontakt zu Liegenschaftseigentümern herstellen, von denen wir wissen, dass sie Leerstände in ihren Immobilien haben», sagt er. Bisher sei dies aber noch nicht vorgekommen.