Dietikon

Aus Angst und Scham: Senioren reden wenig über Gewalt und Misshandlung

Geschlagen, misshandelt oder bedroht: Im Kanton Zürich waren letztes Jahr 297 Senioren von Gewalt betroffen. (Symbolbild)

Geschlagen, misshandelt oder bedroht: Im Kanton Zürich waren letztes Jahr 297 Senioren von Gewalt betroffen. (Symbolbild)

Im Bezirk Dietikon wurden im letzten Jahr 17 Senioren Opfer von Gewalt. Mehr Personal und Kontrolle soll die betagten Menschen besser schützen.

Gewalt an Senioren: Den Behörden im Bezirk Dietikon ist das Problem bekannt. «Leider hört man immer wieder von Fällen, bei denen das Pflege- und Betreuungspersonal überfordert ist», sagt Andreas Schlauch, Gesamtleiter des Alters- und Gesundheitszentrums in Dietikon. Das Thema sei im professionellen Kontext der Pflege und Betreuung wichtig und komplex.

Im Bezirk Dietikon wurden im letzten Jahr 17 Personen über 65 Jahre Opfer von Gewalt. Im ganzen Kanton Zürich waren es 297 Personen. Es gelte zu beachten, dass bei Gewaltdelikten durchschnittlich 60 Prozent auf niederschwellige Straftaten wie Tätlichkeit und Drohung fallen, hält die Medienstelle der Kantonspolizei fest.

Gewalt im Alter ist immer noch ein Tabu

Schätzungen zufolge sind schweizweit jedes Jahr zwischen 300000 und 500000 Personen ab 60 Jahren von einer Form von Gewalt oder Vernachlässigung betroffen. Diese Zahlen veröffentlichte der Bundesrat Mitte September in einem Bericht. Viele dieser Opfer tauchen in keiner Statistik auf, denn gerade ältere Opfer verzichten laut dem Bericht darauf, Angehörige oder Betreuungspersonen anzuzeigen. Dass viele Fälle im Dunkeln bleiben, kann verschiedene Gründe haben. Scham, Angst und Resignation könnten dazu führen, dass die Seniorinnen und Senioren schweigen. Verlust der Selbstständigkeit, Isolation, Demenz sowie emotionale oder finanzielle Abhängigkeit werden als Risikofakoren genannt, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, Opfer von Missbrauch zu werden. Einen Schutz gegen Gewalt können gemäss Studie folgende Faktoren bieten: soziale Integration und Unterstützung sowie entsprechende Wohnbedingungen.

Der Gesamtleiter des Alters- und Gesundheitszentrums Dietikon setzt im Kampf gegen Missbrauch von Senioren vor allem auf Prävention. «Drei Aspekte sind dabei zentral», sagt er – laufende Aus- und Weiterbildung sowie Coaching, ausreichende Personalressourcen und angemessene Kontrolle. Zur Kontrolle gehöre auch, dass die Leitung Hinweise oder Verdachtsfälle ernst nehme und sofort reagiere. Vor allem brauche es aber Ausdauer, um das Personal sensibel und wach gegenüber Alarmzeichen zu halten.

Gewalt kann ein Zeichen der Überlastung sein

Schlauch ist sich bewusst, dass Gewalt durch Pflegende an Senioren oft auf Überlastung des Personals beruht. Die Intensität der Pflegearbeit sei enorm. «Wir brauchen immer wieder Gespräche und Reflexion, um im Gleichgewicht zu bleiben», sagt er. Die beste Prävention gegen Gewalt und Missbrauch sei gut geschultes Personal.

Schlauch ist froh, dass mit dem Bericht des Bundesrats ein im Schatten stehendes Thema ans Licht gerückt wurde. Es ­genüge aber nicht, die Missstände aufzudecken. «Personalnotstand, Pflege unter Stress und Betreuung mit der Stoppuhr sind gefährlich», sagt er. Sie stünden im Widerspruch zu menschlicher Zuwendung, Verständnis, Geduld und Empathie – das sind die drei Grundelemente von Betreuung und Pflege. Er versteht deshalb, dass Pflegende eine Volksinitiative eingereicht haben, mit der sie ein angemessenes Gehalt und mehr Zeit für ihre Arbeit fordern. «Mehr Zeit und ausreichend Ressourcen sind aus unserer Sicht die zentralen Voraussetzungen zur Stärkung der Pflege, sei es im Heim, bei der Spitex oder zu Hause bei pflegenden Angehörigen», sagt Schlauch.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1