Dietikon
Aufklärungsarbeit ist nötig: Was Dietikon für ein gutes Klima tut

Die Stadt will laut Hochbauvorstand Anton Kiwic (SP) weniger versiegelte Flächen, mehr Begegnungszonen und nachhaltiges Bauen fördern.

Florian Schmitz
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Kindergarten Steinmürli Dietikon

Kindergarten Steinmürli Dietikon

Sandra Ardizzone

Seit 1993 investiere Dietikon im Rahmen von Förderprogrammen jährlich rund 50'000 Franken, um nachhaltige Entwicklungen zu begünstigen, sagte Anton Kiwic (SP), Hochbauvorstand und Präsident der Energiekommission Dietikons. Doch ein Blick auf die Statistik zeigt, dass die Ausgaben in den vergangenen drei Jahren immer unter 50'000 Franken blieben. Das Angebot ist laut Kiwic immer noch zu wenig bekannt. Auch deshalb organisiere die Stadt Abende wie diesen. Gemeint war der Anlass «Herausforderung Klimawandel», an dem neben Kiwic die WWF-Projektleiterin Myriam Planzer und der ETH-Professor Nicolas Gruber am Donnerstagabend im Stadthaus über den Klimawandel referierten.
Vor allem KMUs hätten in der Vergangenheit nur wenige Anträge an die Stadt gestellt, sagte Kiwic und fügte an: «Ich nutzte die städtische Unterstützung selbst, als wir unser Haus mit einer Erdsonde ausrüsteten.» Aktuell werde das Förderprogramm im Stadtrat überarbeitet. Er würde den Unterstützungsbeitrag gerne für sechs bis acht Jahre auf 100'000 Franken jährlich erhöhen. Auch weil «förderwürdige Anlagen der 1990er-Jahre teilweise nicht mehr dem heutigen Stand entsprechen.» Damit die Gelder auch wirklich genutzt werden, hat die Stadt noch Aufklärungsarbeit vor sich. Auch die kostenlose städtische Energieberatung für Private und Unternehmen habe noch viel freie Kapazitäten, sagte Kiwic.
In seinem Vortrag zeigte er auf, was Dietikon gegen den Klimawandel unternimmt. Die Anzahl Hitzetage pro Jahr werden aufgrund des Klimawandels deutlich zunehmen. Besonders betroffen sind engbebaute und versiegelte Flächen wie das Zentrum und die Silbern. Deshalb versuche die Stadt, bei neuen Bauprojekten dafür zu sorgen, dass nicht zu viel Boden versiegelt wird und die Häuser so gebaut werden, dass die Luft optimal durchströmen könne. Als Beispiel nannte er das mit einem grossen Zentrumspark geplante Quartier Niderfeld. Auch bei der künftigen Entwicklung des Bahnhofgebiets gingen alle Konzepte von einer grünen Oase zwischen Bahnhof und Markthalle aus, ergänzte er.
Seit dem letzten grossen Hochwasser 1999 arbeiten Stadt und Kanton laut Kiwic an Lösungen, um die Bevölkerung künftig besser zu schützen. Die grössere Gefahr gehe dabei von der Reppisch aus. Deshalb fasse die Stadt derzeit die Möglichkeit ins Auge, oberhalb der Grunschen bei Hochwasser das Reppischwasser durch ein Abflussrohr unter der Stadt bis zum Golfplatz umzuleiten.
Mehr Begegnungszonen für Langsamverkehr
Zudem hob Kiwic das Label Energiestadt Gold hervor, das Dietikon kürzlich zum zweiten Mal verliehen wurde (die Limmattaler Zeitung berichtete). Bei eigenen Gebäuden setze die Stadt konsequent auf eine nachhaltige Bauweise. So habe man beim neuen Kindergarten Steinmürli den Ausbaustandard Minergie-P-Eco erreicht, obwohl der Gemeinderat dies in der Planung aus Spargründen rausgestrichen hatte. Denn im letzten Moment sei die Stadt von der geplanten Gasheizung auf Fernwärme gewechselt.

Klimafreundlich durch den Alltag

Myriam Planzer, Projektleiterin beim WWF, präsentierte in ihrem Vortrag konkrete Tipps, wie Menschen sich verhalten können, um das Klima möglichst wenig zu belasten. «Fies für den Klimaschutz ist alles, was mit F beginnt», sagte Planzer. Und zählte dabei unter anderem auf: Fliegen, Fleisch, Fossil heizen, Finanzen falsch anlegen, Food Waste und ein fettes Auto. Diverse Studien hätten zudem belegt, dass ein höheres Arbeitspensum und ein höheres Gehalt nicht nur zu teurerem Konsum führen würden, sondern generell den Konsum erhöhe. Eine Auflistung verschiedener Massnahmen zeigte, dass der Verzicht aufs Fliegen den ökologischen Fussabdruck rund 800 Mal stärker beeinflusst als der Verzicht aufs Haare föhnen. Hinter dem Fliegen hätten effiziente Energieträger, etwa der Wechsel von einer Ölheizung auf eine Wärmepumpe, ebenfalls viel Einfluss. Unter www.footprint.ch kann jeder selbst nachschauen, wie grün sein Leben ist.
Zuvor hatte Umweltphysiker Nicols Gruber aufgezeigt, dass Schweizer im Schnitt pro Jahr 10 Tonnen CO2 verbrauchen. 65 Prozent davon könnten laut ihm mit Verhaltensänderungen eingespart werden. Nicht nur Raucher wüssten, wie schwierig es ist, ihr Alltagsverhalten zu ändern, sagte Planzer. «Deshalb gilt: Konzentrieren sie sich auf das Wesentliche.» Allen Genervten die denken, andere machen ja nichts, also muss ich auch nicht, empfahl sie politischen Druck als Mittel. So könne der Staat dazu gebracht werden, gute Rahmenbedingungen für eine klimafreundliche Politik zu schaffen. (flo)

Bei der Mobilität verwies Kiwic darauf, dass die Stadt vermehrt Begegnungszonen für Fussgänger und Velofahrer schaffen wolle. Und räumte ein, dass zu viele Velowege im Nichts enden. Wichtig sei, dass Velorouten und Abstellplätze dort seien, wo sie auch gebraucht werden. «Unser Velohaus ist zwar riesig, aber ausser als Partygelände am Stadtfest offenbar kaum zu brauchen», sagte er. Anhand von zwei Grafiken zeigte er auch auf, dass die Stadt bei der Senkung des Energiebedarfs die gesteckten Ziele viel besser erreicht als bei den Treibhausgasemissionen.
Zum Einstieg in den Klimaabend präsentierte ETH-Umweltphysiker Nicolas Gruber den aktuellen Stand der Klimaforschung. Mit Modellen und Grafiken zeigte er auf, dass der Klimawandel existiert und entscheidend von Menschen beeinflusst wird. Unklarheiten würden nur bei den detaillierten Auswirkungen herrschen, sagte er. «Die CO2-Konzentration ist heute über 40 Prozent höher als je zuvor in der letzten Million Jahre.»
Hierzulande würden uns in den nächsten Jahrzehnten trockenere Sommer, heftigere Niederschläge, mehr Hitzetage und schneeärmere Winter erwarten. Die Auswirkungen seien unbestritten, Massnahmen für Klimaschutz würden nur die Intensität beeinflussen. «Wissenschaftlich ist absolut klar, dass wir die CO2-Emissionen auf Null reduzieren müssen», sagte Gruber. Die grösste Herausforderung sei es, dies trotz weltweit steigendem Energieverbrauch zu erreichen.
Der Wandel sei aber auch eine Chance für Gesellschaft und Wirtschaft, sagte Gruber: «Als Bürger bin ich überzeugt, der Strukturwandel wird uns in eine bessere Welt bringen.»