Als in Claudio Pätz vor rund anderthalb Jahren der Entscheid reifte, nach den Olympischen Spielen 2018 seine Karriere zu beenden, hätte der Urdorfer sich für seine Karriere als Spitzencurler kaum einen schöneren Schlusspunkt ausmalen können. Im südkoreanischen Pyeongchang gewann er mit dem Curling-Club Genf – zusammen mit Peter de Cruz, Valentin Tanner, Benoît Schwarz und Ersatzspieler Dominic Märki – die Bronzemedaille. Im Spiel um Platz drei besiegten sie Kanada mit 7:5. In den letzten Ends kurz vor dem Sieg sei die Nervosität fast ins Unermessliche gestiegen: «Eine solche Situation habe ich in meiner Karriere noch nie erlebt», sagt er.

Rund einen Monat später denkt der 30-jährige Pätz noch fast täglich an den Sensationserfolg zurück. «Es erfüllt mich mit Stolz und Freude», sagt er. Die positiven Gefühle werde er so schnell nicht wieder vergessen. Die Intensität der Emotionen ist auch im steinigen Weg zur Medaille begründet, der eine durchzogene Gruppenphase mit fünf Siegen und vier Niederlagen sowie eine Halbfinalklatsche gegen Schweden vorausging. Gleich mehrmals zeigte die Mannschaft nach einer Enttäuschung eine starke Reaktion. Das Wechselbad der Gefühle zwischen tiefer Betrübtheit und gefühlter Unschlagbarkeit sei einmalig gewesen. «Nach dem Spiel schwebte ich auf Wolke sieben und war voller Glücksgefühle», sagt Pätz.

Aber erst nach dem Trubel im olympischen Dorf, dem begeisterten Empfang am Flughafen Zürich bei der Rückkehr und den unzähligen Gratulationen von Freunden und Bekannten habe er den Erfolg langsam verarbeiten und einordnen können. «Es dauerte fast eine Woche, bis ich realisiert habe, was wir Grosses geschafft haben.» Die olympische Bronzemedaille ist für Pätz das achte Edelmetall an internationalen Wettkämpfen. An der Weltmeisterschaft gewann er 2014 – damals noch als Ersatz – und 2017 die Bronzemedaille. An der Europameisterschaft gewann er einmal Gold (2013), einmal Silber (2015) und zweimal Bronze (2016 und 2017). Dazu kommen mehrere Juniorenmedaillen und zwei Schweizer Meisterschaften.

Curling ist Familiensache

Am Anfang seiner illustren Karriere stand die Weihermatt in Urdorf. Das Familiendomizil lag in unmittelbarer Nähe und Vater Hubert Pätz war als Spieler und Trainer im CC Urdorf aktiv, aus dessen Fusion mit dem CC Schlieren im Jahr 2000 der CC Limmattal entstand. So war es nur eine Frage der Zeit, bis Claudio und seine Schwester Alina den Vater ins Training begleiteten. Mit etwa neun Jahren wollte der Sohn erstmals mitkommen, erinnert sich Hubert Pätz, der noch heute beim CC Limmattal als Senior curlt.

Claudio war von Beginn weg angefressen und es dauerte nicht lange, bis Alina dem knapp drei Jahre älteren Bruder folgte. Auch sie hat eine beispielhafte Curling-Karriere hingelegt, die 2015 im WM-Gold gipfelte. «Wir haben uns mit unseren Erfolgen gegenseitig angespornt», sagt Claudio Pätz. Es sei schön, sich an professionellen Turnieren im Ausland mit seiner Schwester austauschen zu können. «Wir haben es sehr lustig zusammen und witzeln viel», sagt er. In den letzten zwei Jahren hätten sie sich fast häufiger auf der Tour getroffen als in der Schweiz. Weil beide gerne und häufig über Curling reden, müssten sie sich an Familienanlässen aber manchmal etwas zurückhalten, räumt er ein und lacht.

Herkunft nicht vergessen

Bereits in den ersten Jahren offenbarte sich das grosse Talent von Claudio Pätz. Seine Mannschaft habe in der Region ein Grossteil der Turniere gewonnen, erinnert sich sein Vater Hubert Pätz. Mit 14 erreichte Claudio bei seinem ersten Auftritt an der Schweizer Meisterschaft gleich den vierten Platz mit seinem Team. «Ich glaubte damals, das verspricht Gutes für seine Juniorenzukunft», sagt Hubert Pätz. Weiter habe er aber noch nicht gedacht.

Als älterer Jugendlicher verliess Claudio Pätz den Lokalverein auf der Suche nach grösseren Herausforderungen. Mitglied ist er aber geblieben beim CC Limmattal und auch heute trainiert er immer wieder in Urdorf. «Es ist mein Heimklub und mein Zuhause, weil ich alles schon von klein auf kenne», sagt er. Nur dank vielen wichtigen Wegbereitern in Urdorf habe er es so weit geschafft. «Man darf nicht vergessen, woher man kommt.» Auch seinen Eltern ist er extrem dankbar. Sie hätten ihn immer unterstützt, ohne je Druck aufzubauen: «Ihnen war immer wichtig, neben dem Sport noch ein Standbein zu haben.»

Grundstein für Olympia-Medaille

Im Curling werde wegen der Olympischen Spiele häufig in Vierjahreszyklen geplant, sagt Pätz. Obwohl er mit dem CC Adelboden im Team von Skip Sven Michel über Jahre national und international Erfolge gefeiert hatte, war nach den Winterspielen in Sotschi 2014 für ihn die Zeit reif für einen Wechsel. Weil nur wenige Teams in der Schweiz auf höchstem Niveau spielen, wechselte er nach Genf zur Mannschaft von Peter de Cruz. Als wäre es nicht schwer genug, sich als Neuling in das bereits eingespielte Team einzufügen, stiess er zusätzlich auf eine Sprachbarriere und musste sein Schulfranzösisch entstauben, um sich mit seinen neuen Teamkollegen austauschen zu können.

Von Anfang an war das Ziel klar: die Olympischen Winterspiele 2018. Nach harzigem Beginn wuchs die Mannschaft näher zusammen und die Resultate stellten sich ein. Auf Bronze an der Schweizer Meisterschaft 2015 folgte ein Jahr darauf Silber und 2017 schliesslich die Goldmedaille und damit die Qualifikation für Südkorea. Mitverantwortlich für die gute Entwicklung war der Fokus auf die mentale Arbeit. «Ich glaube, neben dem Eis wären wir nie Freunde geworden», sagt Pätz. Aber auf dem Eis wurden die vier Mannschaftskollegen zur verschworenen Einheit mit «gutem Teamspirit». An der Weltspitze sei es schwer, sich technisch oder taktisch abzuheben. Meistens entscheide dann der Kopf das Spiel. «In schweren Momenten hat sich gezeigt, dass wir als Team funktionieren und Krisen überstehen können», sagt er. Das haben die vier in Pyeongchang bewiesen, als sie so manche bittere Niederlage schnell abhakten.

Teamsport als Lebensschule

Der Mannschaftsgedanke hat den inzwischen für die Liebe ins Zürcher Oberland gezogenen Pätz am Curling schon immer fasziniert. Von klein auf wollte er nie einen Einzelsport ausüben. Weil die Mannschaften nur aus vier Spielern bestehen, sei die soziale Dynamik im Curling ganz anders als etwa im Fussball. «Man muss lernen, Konflikte auszutragen und zusammen an einem Strang zu ziehen.» Davon könne er auch im Beruf profitieren.

Nachdem er während seiner Sportkarriere vor allem Teilzeit arbeitete, freue er sich, nun voll ins Berufsleben zu starten und etwas Distanz zur professionellen Curling-Welt zu haben: «Es war eine extrem spannende und aufregende Zeit. Aber man ist immer unter Strom.» Mittelfristig plant er, die Treuhandfirma des Vaters zu übernehmen. Dem Curling will er aber als Breitensportler erhalten bleiben. Er geniesse es zu sehr, auf dem Eis zu sein, als dass er aufhören könnte. Er beschreibt diesen Genuss als «Gefühl von Freiheit, wie in einer eigenen Welt zu sein». Er könne sich auch vorstellen, dereinst als Trainer oder Berater tätig zu werden, um sein Wissen an Junge weiterzugeben. Und fügt verschmitzt hinzu: «Ich hoffe, dass meine Schwester mich jetzt auch mal nach Tipps fragt.»