Seit rund 30 Jahren besucht eine Gemeinschaft von Jenischen die Gemeinde Birmensdorf in den Wintermonaten. Auf dem Parkplatz der Badi Geren richten sieben Parteien ihr Winterquartier ein.

Unter ihnen auch Pascal Gottier, seine Frau Miranda und ihr gemeinsamer vierjähriger Sohn. «Birmensdorf ist unsere Heimat», sagt der Sekretär der Radgenossenschaft der Landstrasse. Er und seine Gemeinschaft sind dort akzeptiert, die Kinder gehen dort zur Schule und haben Anschuss gefunden. Entsprechend wohl fühlten sie sich in den vergangenen Monaten.

«Es wurde aber immer schwieriger, Arbeit zu bekommen, deswegen war es teilweise auch ein harter Winter», sagt Gottier. Spengler- und Malerarbeiten bietet er als Selbstständiger an, doch die Konkurrenz ist gross. «Ausländische Fahrende sind ebenfalls auf solche Jobs angewiesen und meine Erfahrung ist, dass sie viele dieser Arbeiten bekommen.»

Aber er kann sich auf treue Kunden verlassen, die ihn immer wieder engagieren. Und lief es trotzdem harzig, munterte ihn seine Jenische Gemeinschaft wieder auf. «Wir sind eine grosse Familie, und gemeinsame Abende stärken ungemein», sagt Gottier.

Die Suche nach Plätzen

Gottier gehört zu rund 3000 Jenischen in der Schweiz, die das nomadische Leben pflegen. Für sie, wie auch für weitere Fahrende wie Roma und Sinti, beginnt in diesen Wochen die Zeit des Aufbruchs. «Wir freuen uns extrem, dass wir wieder mit unseren Wohnwagen auf Reisen gehen können, das liegt in unserem Blut.»

Doch seine Freude ist getrübt, denn in der Schweiz gibt es viel zu wenig Plätze für Fahrende, obwohl ein Bundesgerichtsentscheid aus dem Jahr 2003 klar festhält, dass die Bedürfnisse der Fahrenden bei der Raumplanung berücksichtigt werden müssen. Derzeit existieren landesweit 31 Durchgangsplätze, die sich die Fahrenden – auch mit jenen aus dem Ausland – teilen müssen. Laut der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende müssten es, gemessen an der Anzahl der Fahrenden, mindestens 80 sein.

«Diese Situation ist seit Jahren untragbar und wir Fahrende weisen immer wieder darauf hin, aber es passiert einfach zu wenig», sagt Gottier. Konkret hat dies zur Folge, dass er sein nächstes Ziel nicht kennt, da viele Plätze schon besetzt sind. «Die Suche nach Orten, an denen wir für einige Wochen bleiben können, erweist sich zunehmend als Stress», sagt er. Er bemerkt deswegen auch eine Unruhe in der Gemeinschaft der Fahrenden. «Es sind ja nicht nur wir Schweizer Fahrende, auch ausländische Roma reisen gerne in die Schweiz.»

Obwohl die Jenischen als nationale Minderheit anerkannt sind, würden sie kaum so behandelt werden, wenn es um ihre Heimat und insbesondere um Plätze geht. «Wir sind enttäuscht vom Bund, auch wenn dieser einen Aktionsplan vorgelegt hat. Das Problem ist, dass diese Anliegen vom Bund an die Kantone und von dort an die Gemeinden delegiert werden. So kann es nicht klappen.» Das Denkschema «Fahrende willkommen, aber nicht bei uns» scheine in vielen Gemeinden noch immer tonangebend.

Appell an den Bund

Doch es gibt auch Lichtblicke: Im November 2017 verabschiedete der Zürcher Regierungsrat ein Konzept, das im Kanton genügend Stand- und Durchgangsplätze vorsieht. Weiter soll eine Fachstelle innerhalb des Amtes für Raumsiedlung der Baudirektion geschaffen werden, zur Koordination. Ebenso sollen die Rahmenbedingungen für Private, wie beispielsweise Bauern, die ihr Land zur Verfügung stellen möchten, vereinheitlicht werden.

Es sei derzeit tatsächlich nicht einfach, bei Privatpersonen einen Platz zu finden, sagt Gottier. «Eine Regelung wäre wirklich sinnvoll, denn es gibt Bauern, die ein Stück Land vermieten möchten. Aber dann können die Gemeinden einschreiten und das verhindern. Ich habe schon von Subventionsstreichungen gehört.» Oftmals werde man fast zur Illegalität gedrängt, sagt Gottier weiter. «Aber wir möchten ganz legal an einem Ort bleiben dürfen.»

Trotz der desolaten Situation bleiben die Jenischen und andere Fahrende am Ball. Die Radgenossenschaft der Landstrasse und Organisationen wie die Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende oder die Bewegung für Schweizer Reisende werden nicht müde, für das Leben der Fahrenden zu kämpfen. «Wir appellieren in aller Deutlichkeit an den Bund, damit sich die Situation nun endlich ändert», sagt Gottier.

Der nächste Winter

Dass Gottier mit seiner Familie in Birmensdorf überwintern darf, basiert auf einer Vereinbarung mit der Gemeinde. Der Platz ist kein offizieller Standplatz, aber er bietet dank der Infrastruktur der Badi Geren alle Voraussetzungen für eine temporäre Heimat. «Noch wissen wir aber nicht, ob wir erneut in Birmensdorf unser Winterquartier aufschlagen dürfen, denn der Vertrag wird jedes Jahr mit der Gemeinde neu verhandelt», sagt er.

Peter Siegrist, Bereichsleiter Tiefbau und Liegenschaften sowie stellvertretender Leiter Bauamt, bestätigte letzten September gegenüber der Limmattaler Zeitung, dass die Vereinbarung jährlich verhandelt wird. Sollte der Platz anderweitig genutzt werden, würde dies das vorläufige Ende der Besuche der Jenischen bedeuten.

Andere Durchgangsplätze für Fahrende im Limmattal gibt es derzeit nicht. Jener in Schlieren auf dem Geissweidplatz musste den Bauarbeiten der Limmattalbahn weichen. Einzig Dietikon hat einen – bereits besetzten – Standplatz. Dabei möchten sich Gottier und seine Familie sowie die übrigen Mitglieder der Gemeinschaft vollständig im Limmattal integrieren und den Kindern auch im nächsten Winter die Rückkehr in die vertraute Birmensdorfer Schule ermöglichen.