Nicht nur der Mond hat eine dunkle Seite. Auch die Bahnhöfe in Dietikon und Schlieren haben eine: Düster, schmuddlig und fast verschämt, wie es scheint, liegen ihre Rückseiten da, im Schatten des wachsenden städtischen Selbstbewusstseins.

Historisch gesehen lässt sich das einfach erklären: Denn die Bahnhöfe lagen im Normalfall am Rand der Ortschaft; die Vorderseite war die gute Seite, von der die Bahnhofstrasse ins Ortszentrum führte. Hinter den Bahnhöfen gab es nichts, wofür man sich schön machen musste: Dort lagen Brachen oder Industrieareale. So auch in Dietikon, wo der Industriebetrieb Rapid hinter dem Bahnhof angesiedelt war, oder in Schlieren das Chemieunternehmen Geistlich und die Färberei Schlieren.

Doch heute sind die Städte längst in alle Richtungen gewachsen, der Bahnhof befindet sich neu im Zentrum und gerade auf den ehemaligen Industriearealen wachsen seit Jahren neue urbane Wohn- und Arbeitsquartiere im Rücken der Bahnhöfe.

In Dietikon ist es das Limmatfeld, das auf dem Rapidareal entsteht und bis im Jahr 2016 Platz bieten soll für bis zu 3000 Bewohner und 2000 Arbeitsplätze. In Schlieren bilden die Quartiere auf den Arealen Geistlich und Färbi gemeinsam die 125 000 Quadratmeter grosse Überbauung «Am Rietpark».

«Wie Notausgänge»

Nur: Während hinter den Gleisen moderne Stadtteile entstehen, haben sich die Rückseiten der Bahnhöfe kaum weiterentwickelt. Wer mit dem Zug ankommt, um zu Fuss in eines der neuen Trendquartiere zu gelangen, muss sich durch enge, düstere Unterführungen drücken, vorbei an Sprayereien, Abfall und fleckigem Beton, es riecht muffig, manchmal auch nach Urin. Es ist kein einladender erster Eindruck. Auch der Weg zurück ist nicht viel besser: Noch fehlt es an guten Fuss- und Velowegen und nicht zuletzt auch an Infrastruktur wie Billettautomaten.

Wer den Bahnhof Dietikon auf der hinteren Seite verlässt, trifft ein trostloses Bild an.

Wer den Bahnhof Dietikon auf der hinteren Seite verlässt, trifft ein trostloses Bild an.

Doch damit haben nicht nur Schlieren und Dietikon zu kämpfen: «Dass die Hinterseiten der Bahnhöfe nun zu Vorderseiten werden, ist ein generelles Problem in der Schweiz», sagt Bernhard Ruhstaller. Der Immobilienspezialist vermarktet unter anderem den Glattpark in Opfikon und arbeitet seit sechs Jahren auch für Geistlich Immobilien.

Weil es Ruhstaller ärgert, dass die Unterführungen zu den Bahnhöfen vielerorts zu klein und zu schmuddelig sind und «wie Notausgänge wirken», hat er sich vor rund drei Jahren brieflich bei SBB-Konzernchef Andreas Meyer beschwert.

Genützt hat es aber nicht viel, wie Ruhstaller gestern auf Anfrage sagte: «Die SBB haben kein Geld dafür und andere Sorgen.» Zudem sei es enorm schwierig, bei den SBB die zuständigen Leute zu finden. Ob in der Zwischenzeit etwas geschehen sei, wisse er nicht.

Zumindest in Dietikon und Schlieren ist dies nicht der Fall. Zwar gaben bereits vor zweieinhalb Jahren die Präsidenten beider Städte zu Protokoll, man sei «intensiv im Gespräch» mit den SBB, mit dem Ziel, die Unterführungen und Rückseiten der Bahnhöfe attraktiver zu gestalten. Eine Anfrage bei den SBB ergab gestern jedoch, dass für die hintere Seite beider Bahnhöfe zurzeit nichts Konkretes geplant sei. Ob dort zusätzliche Billettautomaten aufgestellt werden, wolle man aber prüfen.

SBB ist «träge»

Mehr Interesse an einer Aufwertung der hinteren Bahnhofseite haben die Immobilienbesitzer: so zum Beispiel Martin Geistlich, der das Geistlich-Areal entwickelt. Zwar sei es ihm bewusst, dass ein Bahnhof nicht zwei Vorderseiten haben könne, sagt er. Doch: «Es ist wichtig, dass die Hinterseite des Bahnhofs gut angeschlossen ist, dass sie sicher, attraktiv und präsentabel ist.»

Geistlich weiss aber auch, wie schwierig es ist, etwas zu verändern. So ziehe die Stadt Schlieren zwar am gleichen Strick wie die Immobilienbesitzer und habe auch eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, um das Thema anzugehen. Doch: «Die SBB ist ein träger Verhandlungspartner.» Zwar werde immer wieder signalisiert, eine Aufwertung sei ein Thema, doch sei die Rede von einem Zeithorizont bis 2030.

Weil man natürlich nicht so lange warten könne, müsse die Stadt Schlieren so viel wie möglich selber in die Hand nehmen, sagt Geistlich. So habe sie die Eingänge und Unterführungen neu streichen lassen und plane einen zweiten Abgang in die Ost-Unterführung.

Man mache, was man könne, sagt auch Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin: Im Rahmen eines laufenden Projekts seien diverse Aufwertungsmassnahmen rund um den Bahnhof geplant. «Es ist uns ein grosses Anliegen, dass der Bahnhof die Ankommenden so freundlich wie möglich begrüsst.» Doch sei man auf die SBB angewiesen: «Unsere eigenen Möglichkeiten sind eingeschränkt.»

Der erste Eindruck ist wichtig

Auch in Dietikon weiss man, dass eine Aufwertung der hinteren Bahnhofsseite gut täte, wie Standortförderer Michael Seiler sagt: «Das Bild, das jemand von Dietikon hat, wenn er zum ersten Mal hier ankommt, darf man nicht unterschätzen.» So gebe es Überlegungen, belebende Massnahmen zu ergreifen – vorstellbar wäre zum Beispiel ein Gastrobetrieb.

Zudem sind zurzeit drei Projekte in Arbeit, welche den Bereich zwischen Bahnhof und den Quartieren Schachenmatt und Limmatfeld aufwerten sollen, wie Stadtplaner Jürg Bösch auf Anfrage bestätigt. So soll bis im Mai der Veloabstellplatz hinter dem Bahnhof ersetzt und mit einer zweiten Anlage ergänzt werden.

Gleichzeitig wird entlang der neuen Wohnbebauung Schächli ein Fussweg erstellt. Und: Entlang der Gleise gibt es noch dieses Jahr einen Fuss- und Veloweg, damit man ins Limmatfeld gelangen kann, ohne die Überlandstrasse überqueren zu müssen.