Ein lang gehegter Wunsch ging am Freitagabend im Dietiker Stadthaus in Erfüllung: «Ich wollte schon lange das Theater Hora hierherholen, doch bisher ging es nicht wegen unserer Lokalität, die keine richtige Bühne aufweist», sagte Irene Brioschi, Kulturbeauftragte der Stadt Dietikon. Ein Glücksfall war, dass das 25-Jahr-Jubiläumsstück des Theaters Hora, «Bob Dylans 115ter Traum», eine flexible Produktion ist. «Das Stück ist gemacht, um auf verschiedenen Bühnen mit unterschiedlich grossem Ensemble aufzutreten», sagte Michael Elber, künstlerischer Leiter und Regisseur. Elber baute das Theater Hora auf und gibt mit dieser Produktion seinen Abschied. Über 150 Besucher kamen in den ausverkauften Gemeinderatssaal.


Was passiert, wenn das mehrfach ausgezeichnete Theater Hora, ein professionelles Theater, dessen Ensemblemitglieder alle eine IV-zertifizierte «geistige Behinderung» haben, sich Bob Dylan, der Ikone des Unangepassten, aneignet? Es gab Homers Odyssee, Dylans Lieblingsgeschichte. Sowohl Dylan als auch Odysseus und das Theater Hora begaben sich auf das Abenteuer Leben namens Irrfahrt. Die zehn Schauspielerinnen und Schauspieler waren auf einmal Figuren der griechischen Mythologie.


Unter ihnen war der Bergdietiker Matthias Brücker. Er spielte Polyphem, Caliban, Poseidon, aber auch Odylan, eine Mischung aus Odysseus und Dylan. «Diese Götter zu spielen, ist einfach, weil ich mein Innerstes in der Rolle ausdrücken kann», sagte der 28-Jährige. Während die Singer-Songwriterin der Hora Band, Denise Wick Ross, ihre Eigenkomposition «Cover me» (auf Deutsch: Beschütze mich), begleitet von der Band, sang, hielt Brücker als Odylan ein Plakat auf, auf dem ein Songtitel Bob Dylans auf Deutsch stand: «Dass du meine Liebe spürst». Dann schloss er die Arme, als würde er jemanden umarmen, und schaute auf die Leinwand. Durch die Live-Kamera, geführt von Zeus (Remo Beuggert), war seine Ehefrau Penelope auf der Leinwand zu sehen, gespielt von Tiziana Pagliaro, die im richtigen Leben auch seine Freundin ist.


Plädoyer gegen die Perfektion
Die Aufführung spannte einen vielfältigen Bogen und zeigte, dass jenseits von Normen und Kategorisierungen Träumen und Lieben die Menschen zutiefst verbinden. «Was isch gueti Liebi?», fragte die Göttin Athene (Fabienne Villiger) den Ares (Matthias Grandjean). «Wenn Mensche zämme sind», so seine Antwort. Auf die Frage, was schlechte Liebe sei, antwortete Ares einsilbig mit «bösartig». Starke Momente entstanden, wenn die Schauspieler ihre Texte rezitierten und die Musik der Band dazu spielte. Nikolai Gralak als Homer hatte einen Auftritt als Mahner der Gesellschaft, in der er Bob Dylans Lied «Blind Willie Mc Tell» auf seine Weise wie ein Prophet mit Kunstpausen sang: «Ich han en Uhu ghöre rüefe, wo sie gad Zelt hei zäme gleit. Nume blutti Bäum und Sterne, aber susch nüt, wiit und breit».


«Immer locker bliebe»
Beiläufig projizierte die Live-Kamera, geführt von Elber, ein Buch mit folgendem Titel auf die Leinwand: «Plädoyer gegen die Perfektion». Wer diese Botschaft verpasste, wurde wiederum von Dionysos (Gianni Blumer) daran erinnert: «Chöme Sie no drus?» und «Immer locker bliebe» fragte und riet er als griechischer Gott des Theaters und der Ekstase
Wie Dylan schien Sängerin Wick Ross, sich nicht ums Publikum zu kümmern. Gegen Ende liess sie sich aber zu einer Liebeserklärung hinreissen mit ihrer Interpretation von Bob Dylans Song «If not for you». Wenn nicht für die Zuschauer, für wen sonst, würde sie auftreten?