Noch vor zwei Jahren blühten im Schlieremer Färberhüsli im Frühjahr die Blumen, eifriges Treiben war in den Familiengärten zu sehen. Heute bietet sich dort ein tristes Bild: Die Gartenhäuschen sind dem Erdboden gleich, die Blumen- und Gemüsebeete sind überwuchert und kaum mehr zu erkennen. Aus einem riesigen Garten wurde eine steppenähnliche Landschaft mitten im Wohnquartier.

Dass es soweit kommen würde, zeichnete sich seit 2012 ab: Die Stadt kündigte den Pachtvertrag mit dem Gartenpächterverein Färberhüsli auf Ende 2013, der Verein löste sich noch vor Ablauf der Frist auf. Bereits seit 2009 hatte die Abteilung Finanzen und Liegenschaften den Pachtvertrag nur noch befristet von Jahr zu Jahr erneuert. Nun hat der Stadtrat beschlossen, die sanierungsbedürftige Fläche von rund 12 000 Quadratmetern zunächst roden und dann durch die Richi AG in Weiningen sowie einen Schlieremer Landwirt von den Altlasten des Familiengartenbetriebs befreien zu lassen. So soll das Färberhüsli für eine landwirtschaftliche Nutzung vorbereitet werden. Kostenpunkt für die Stadt: 255 000 Franken.

Areal soll für Pläne bereit stehen

Hintergrund für die Umnutzung bilden strategisch-politische Entscheidungen. Zum Einen zeichnete sich ab 2011 ab, dass die geplante Limmattalbahn durch einen Tunnel unter dem Familiengarten-Areal geführt werden soll. Da er im Tagbau erstellt wird, hätte ein grosser Teil der Gärten also dann ohnehin weichen müssen. Zum Anderen will die Stadt in diesem Gebiet Voraussetzungen dafür schaffen, damit eine Gesamtplanung für eine künftige öffentliche Nutzung zügig umgesetzt werden könnte, wie Liegenschaftsvorsteherin Manuela Stiefel (FDP) auf Anfrage sagt.

Im Verlauf dieses Jahres wird der Stadtrat voraussichtlich die Revision der kommunalen Bau- und Zonenordnung (BZO) angehen. Ein Teil der ehemaligen Familiengärten liegt in der Zone für öffentliche Bauten, der Rest in einer Freihaltezone. «Ob sich etwas an der Einzonung ändern wird, ist noch nicht klar. Vorerst bleibt das Areal die grüne Lunge des Quartiers», erklärt Stiefel.

Damit die Bevölkerung die Naherholungszone besser nutzen kann, soll nach der Altlastensanierung durch die Richi AG und einen benachbarten Bauern auch das vorhandene Wegnetz ausgebaut werden. «Neu ist etwa eine Verbindung vom Gehweg zum Färberhüsli geplant», wie Stiefel sagt.

Bereits in den vergangenen Monaten entwickelten Quartierbewohner im Rahmen des «Projet urbain» Projekte, die das Färberhüsli-Areal für die Bevölkerung interessanter machen sollen: Im nordwestlichen Bereich ist ein grosser Robinson-Spielplatz geplant.

50 000 für Aufwertung

Eine andere Projektgruppe des Stadtteilentwicklungsprojekts hat bereits begonnen, das Färberhüsli als Begegnungsort für das Quartier herzurichten. Es sei in der Vergangenheit von der Mädchen-Pfadi genutzt worden, erklärt Stiefel: «Die Pfadis haben auch weiterhin ein Nutzungsrecht. Das Haus soll aber künftig auch für Private Anlässe zur Verfügung stehen.» Für die Aufwertung des Häuschens als Quartiertreff sprach der Stadtrat 50 000 Franken. Und schliesslich gehört zu den Nutzern der Färberhüsliwiese seit Kurzem auch der Totalunternehmer Losinger Marazzi: Am südöstlichen Ende hat das Unternehmen einen Parkplatz sowie ein Baucamp eingerichtet, in dem es seine Büros während der Bauzeit am Spitalneubau «LimmiViva» unterbringt.

Leidtragende der Umnutzungspläne der Stadt sind die ehemaligen Mitglieder des Gartenpächtervereins Färberhüsli. Von den 98 Pächtern, die Ende 2013 ihren Garten verloren haben, fanden nur 58 in einer anderen Familiengartenanlage Unterschlupf, wie Rodolfo Gagliardi, der letzte Präsident des Vereins im Färberhüsli, erklärt: «Dies, obwohl die Stadtverwaltung bemüht war, allen eine Parzelle in einem anderen Schlieremer Familiengarten zu verschaffen.» Grund dafür ist, dass die meisten der Gartenvereine angesichts der hohen Nachfrage Wartelisten führen. Von den vierzig Pächtern im Färberhüsli, die keine neue Parzelle gefunden haben, hätten einige aber auch aus Altersgründen nicht mehr nach einer Alternative gesucht: «Sie wollten keinen weiteren Weg auf sich nehmen, um weiterhin gärtnern zu können», sagt Gagliardi.

Dazu habe ein kleiner Teil der Vereinsmitglieder ihre Gärten gar bereitwillig aufgegeben. Doch das bedeute nicht, dass zu wenig Nachfrage nach den Parzellen im Färberhüsli bestanden habe, sagt der Ex-Vereinspräsident: «In den letzten Jahren erlebten wir einen richtigen Boom. Wir hätten selbst jene rund 25 Plätze, die Auswärtige bewirtschafteten, an Schlieremer Interessenten vergeben können.»