Mobilmachung
Auf einen Schlag war das Tal wie ausgestorben

Der Beginn: Nach der Mobilmachung 1914 sahen sich die Menschen gezwungen, das Gemeinwesen neu zu organisieren.

Sandro Zimmerli
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Zur Musterung mussten die Dietiker Wehrmänner in der «Krone» erscheinen. Ortsmuseum Dietikon

Zur Musterung mussten die Dietiker Wehrmänner in der «Krone» erscheinen. Ortsmuseum Dietikon

«Die Leute sind auf die Strasse gerannt oder haben aus den Fenstern geschaut. Und die Kinder sind so schnell gelaufen, wie es nur geht, als der Viehdoktor Huber als Sektionschef in der Hauptmann-Uniform und der Artillerietrompeter Porr durchs Dorf marschiert sind. Da und dort haben sie gehalten. Jean Porr blies so laut Signal, dass ihm die Backen wie Ofenküchlein aufgegangen sind, und der Viehdoktor Huber hat sich beinahe heiser gebrüllt beim Verlesen des Marschbefehls.»

Der Dietiker Journalist Jakob Grau war hautnah dabei, als Anfang August 1914 die Generalmobilmachung der Schweizer Armee begann. Einen Monat zuvor, am 28. Juni, erschoss der serbische Separatist Gavrilo Princip in Sarajevo den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Gattin Sophie. Das Attentat war Auslöser für den Ersten Weltkrieg. Ende Juli stand Europa unter Waffen. In der Schweiz wurden rund 220 000 Wehrmänner einberufen, um ihren Grenzdienst zu leisten.

Obwohl die Schweiz von Kriegshandlungen verschont blieb, brach für die Menschen eine schwierige Zeit an. Das wurde schon kurz nach der Mobilmachung deutlich. Das Einrücken verlief reibungslos. Schon bald wirkte Dietikon wie ausgestorben, schreibt Grau. «Man hat sich gewundert, wie schnell die Männer entlang der Bahnlinien, auf Strassen und auch zur Bewachung kriegswichtiger privater Unternehmen verteilt worden sind, wie beispielsweise vor dem grossen Öl- und Benzinlager im Schellerareal», so Grau.

Neuwahlen waren dringend

Die Mobilmachung brachte es mit sich, dass auch Politiker eingezogen wurden. Schon kurz nach dem Marschbefehl musste gehandelt werden. In Schlieren waren vier der fünf Gemeinderäte im Aktivdienst. Bereits am 16. August 1914 berief der damalige Gemeindepräsident eine ausserordentliche Gemeindeversammlung ein, um die Exekutive wieder zu komplettieren.

Auch andernorts musste das Gemeinwesen neu organisiert werden. Aus Uitikon wird berichtet, dass für sämtliche Behörden Neuwahlen angeordnet werden mussten. Wie viele Limmattaler Soldaten damals einrückten, lässt sich nicht eruieren. Aus Schlieren ist bekannt, dass den Familien, dem Gewerbe und den etwa 40 Bauernbetrieben ständig 100 bis 250 Väter und Söhne fehlten, der Industrie noch mehr Arbeitskräfte.

Auch andere Bereiche des Gemeinwesens bereiteten den Behörden Sorge. Ein Beispiel ist die Feuerwehr. So konnte die auf November 1914 anberaumte Hauptübung in Uitikon nicht durchgeführt werden, weil 20 Mann im Dienst weilten.

Notfalls hätte man die gesamte männliche und weibliche Bevölkerung heranziehen müssen, heisst es in einem Gemeinderatsprotokoll. Erschwerend für die Landwirtschaftsbetriebe kam hinzu, dass nicht nur Männer fehlten, um die Arbeit zu verrichten, auch Tiere wurden eingezogen. In Weiningen mussten sämtliche marschtüchtigen Pferde vorgeführt werden.

Bald erschienen erste Nachrufe

Auch aus Zürich wurde damals berichtet, dass die Stadt menschenleer war, wie die Historikerin Rahel Herber in einem Aufsatz im Buch «Kriegs- und Krisenzeit. Zürich während des Ersten Weltkriegs» schreibt. Nur wenige Passanten seien noch unterwegs gewesen, die Trams in unregelmässigen Abständen gefahren. Viele Geschäfte blieben geschlossen.

Über die Stimmung in der Bevölkerung in den ersten Kriegstagen ist wenig bekannt. Laut Herber könne damals eher von der Erwartung einer vor allem wirtschaftlichen Kriegskrise gesprochen werden, als von Kriegsangst. Zumindest ein kleinerer Teil der Bevölkerung dürfte darüber hinaus eine gewisse Kriegseuphorie empfunden haben.

Die Angst vor einer ökonomisch schwierigen Zeit war nicht unbegründet, wie die folgenden Jahre zeigen sollten. Und auch der Schrecken des Krieges auf den Schlachtfeldern blieb den Menschen nicht verborgen, wenn auch nur in einer indirekten Form. Schon bald nach dem Kriegsausbruch erschienen erste Nachrufe auf Gefallene, meist handelte es sich dabei um Deutsche, die im Limmattal lebten und von ihrer Nation eingezogen wurden. So berichtete der «Limmattaler» vom Tode des Coiffeurgehilfen Andreas Haas, der «etwa anderthalb Jahre bei Herrn Graf in Stellung war und infolge eines Kopfschusses in einem Gefecht gefallen ist. Der in seiner Kompagnie stehende Unteroffizier schrieb an die Eltern in einem Brief: ‹Er stand auf seinem Platze als Held, als Christ, kämpfend wie ein Löwe›».

Es marschierten auch Truppen durchs Limmattal. Im August 1914 machten die Batterien 37, 38 und 39 in Dietikon Rast, als sie von Bülach nach Villmergen unterwegs waren. Der «Limmattaler berichtete, wie die Bevölkerung den Soldaten Wasser reichte und ihnen alles Gute wünschte, damit «möglichst alle wieder heil in ihre Familien zurückkehren können». Sogar Kanonendonner, vermutlich aus dem Elsass, soll man im Limmattal vernommen haben. Die grosse Sorge der Bevölkerung blieb aber während der kommenden Jahre die Lebensmittelversorgung.

Verwendete Quellen auf dieser und den folgenden Seiten: Heinz Lüthi «Die Limmat und das Dorf Dietikon. Die Jugenderinnerungen des Jakob Grau», Jahrheft von Schlieren 1993, Uitikon Weihnachtskurier 1990, «Dietikon. Stadtluft und Dorfgeist», Erika Hebeisen, Peter Niederhäuser, Regula Schmid (Hg.) «Kriegs- und Krisenzeit. Zürich während des Ersten Weltkrieges», Leo Niggli «Weininger Chronik», Heinz Lüthi «Limmattaler Chronik. 1903–1999».