Schlieren
Auf der Matte fängt man als Verlierer an

Morena Fiore ringt im Zürcher Ringerclub in Schlieren. Jetzt kämpft die 13-Jährige erstmals an der Jugend-Mannschafts-Meisterschaft.

Lydia Lippuner
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Ringerclub Schlieren
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Mädchen kämpfen auch gegen Knaben. Morena und Stone sind beide 13-Jahre-alt.
Schläge sind beim Ringen tabu. Die Jugendlichen steigen an den Mannschaftsmeisterschaften von Swiss Wrestling im Ringen in den Ring.

Ringerclub Schlieren

Claudio Thoma

Morena Fiore packt ihren Gegner an der Hüfte und dreht ihn mit einer geschickten Bewegung auf den Rücken. Stone Perlungher landet auf der schwarzen Matte. Er lacht und rappelt sich wieder auf. Als Nächstes packt Morena seine Wade und dreht ihn nochmals auf den Rücken. Stone kann sich gerade noch auffangen, bevor er mit dem Rücken auf der Matte aufkommt. Das alles ist eine eingeübte Show – die beiden 13-Jährigen lachen und wenden die Griffe an, die sie in den letzten Monaten erlernt haben.
Morena hat die Haare zu einem Zopf zusammengebunden und trägt weite Trainerhosen. «Hier kann ich meine Aggressionen loswerden. Das macht mir sehr Spass», sagt sie. Seit einem Jahr trainiert sie im Zürcher Ringerclub (ZRC) in Schlieren. Neben dem Ringen reitet sie alle zwei Wochen. Doch die drei Ringlektionen pro Woche haben für die Schlieremerin höchste Priorität: «Müsste ich mich zwischen den Sportarten entscheiden, würde ich wahrscheinlich das Ringen wählen», sagt sie.
Am Samstag wird sie mit 20 weiteren Kindern in der Jugendkategorie in Uznach Haslen gegen andere Mannschaften antreten. Wiegen, Nummer fassen, warten bis man ausgerufen wird und dann zweimal zwei Minuten ringen. Morena weiss, was auf sie zukommt. Sie trat bereits an einigen Wettkämpfen an. «Dieses Mal möchte ich unbedingt einen Podestplatz erreichen», sagt sie.

Ringen kehrt in die Stadt zurück

Es ist das zweite Mal, dass der ZRC an den Mannschaftsmeisterschaften von «Swiss Wrestling» teilnehmen wird. «Wir haben dieses Mal reale Chancen, ins Finale zu kommen. Das wäre gleichzeitig eine grosse Überraschung für die anderen eingesessenen Clubs», sagt Rafael Perlungher, der Vater von Stone. Der Schlieremer gründete den Verein vor drei Jahren und ringt selbst, seit er siebenjährig ist. In den 1950er Jahren war Ringen auch in den grossen Städten wie Zürich oder Basel beliebt. Danach sei sie von anderen Sportarten aufs Land verdrängt worden und als Bauernsportart belächelt worden, erklärt Perlungher.
In den letzten Jahren hat das Ringen auch dank der Trendkampfsportart Mixed Martial Arts (MMA) die urbanen Gebiete wieder zurückerobert. Perlungher wollte ursprünglich ein MMA-Center eröffnen. «Doch es wäre unverantwortlich, MMA ohne Ringen zu unterrichten», sagt er. Deshalb habe er auch Ringen angeboten. Schliesslich haben sich so viele Ringer angemeldet, dass er heute mehr Ringer als MMA-Kämpfer betreut. Auch die Kinderklasse von
6 bis 18 Jahren wuchs stetig. In den letzten Monaten löste Perlungher zusätzlich zehn neue Lizenzen für die Kinder. «Mit dem Ringen sollte man früh anfangen», sagt er.

«Ob Mädchen oder Junge wir sind alle nur Menschen. Es kommt vor allem darauf an, wie stark man ist und wie viel man trainiert.»

Morena Fiore

Nachwuchsringerin beim Zürcher Ringerclub

Denn bei der Sportart seien die Bewegungen sehr natürlich, das sei ganz anders als bei anderen Kampfsportarten, wie beispielsweise dem Boxen. Wer diese Fähigkeiten als Jugendlicher jedoch nicht trainiere, werde ab dem 20. Altersjahr Schwierigkeiten haben, international erfolgreich zu werden.
Morena hatte einige Sportarten ausprobiert, bevor sie mit Ringen begann. In den Trainings wird sie ihre Energie los und lernt, Körperspannung aufzubauen und zu halten. Ihr Eltern hatten nichts dagegen einzuwenden, dass sie sich für diese Sportart entschied. «Sie wollten einfach, dass ich bei einer Sportart bleibe», sagt Morena. Das habe sie auch tatsächlich vor.
Manche Eltern sorgen sich, dass sich ihre Kinder bei dieser Vollkontaktsportart verletzen könnten. Da Morena eine Zahnspange hat, hat sie sich mal bei einem Wettkampf an der Lippe verletzt. «Deshalb musste ich das nächste Mal einen Zahnschutz tragen. Ansonsten verletzte ich mich nie ernsthaft.» Ihr Trainingspartner Stone brach sich in den ersten Monaten seines Trainings den Unterarm. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, weiter zu trainieren. Nun will er für den Sport gar in die USA gehen. «Dort haben junge Ringer mehr Chancen weiterzukommen, da Ringen eine der Nationalsportarten ist», sagt Perlungher.

Die Gefahr der Blumenkohlohren

Bei der Ausübung ihres Sports begleitet die Ringer das Risiko, dass das Knorpelgewebe im Ohr bleibende Schäden davonträgt und das äussere Ohr entstellt und aufgeblasen aussieht. Grund dafür sind Blutergüsse in der Ohrmuschel als Folge von Schlägen auf das Ohr und Kneifen oder Knicken der Ohrmuscheln. Perlungher hat zwei dieser sogenannten Blumenkohlohren. «Wenn wir die Anfangsstadien der Entzündung sehen, dann sagen wir den Kindern, dass sie einen Ohrenschutz tragen müssen», sagt Perlungher. Denn wer die Ohren schützt, kann eine solche Schädigung verhindern. Für viele Ringer ist das Blumenkohlohr jedoch fast eher eine Auszeichnung. Perlungher ist aber der Meinung, dass die Kinder dies selbst entscheiden müssen, wenn sie erwachsen sind.
Morena gehört zu den wenigen Mädchen im ZRC. Sie kämpft gegen Mädchen und gegen Knaben. «Ob Mädchen oder Junge wir sind alle nur Menschen. Es kommt vor allem darauf an, wie stark man ist und wie viel man trainiert», sagt sie. Das ist ihr schon längere Zeit bewusst, denn sie hat einen älteren Bruder, gegen den sie schon oft gekämpft hat. Auch Stone sagt, für ihn mache es keinen Unterschied, ob er gegen ein Mädchen oder einen Jungen antrete. «Die Kinder werden erst mit 15 Jahren getrennt, zuvor können sie ebenbürtig gegeneinander kämpfen», sagt Perlungher.
Beim Ringen geht es nicht nur darum, den Kontrahenten auf den Rücken zu legen, sondern auch darum, seinen eigenen Körper zu beherrschen und durchzuhalten. Das ist die erste Lektion, die die Kinder im Ring lernen. «Du wirst verlieren. Das ist hart.» Das sagt Perlungher ihnen jeweils, wenn sie zum ersten Mal den schwarzen Boden im Ringerclub betreten. Bei manchen dauere es tatsächlich Jahre, bis sich das Blatt wende und sie siegen würden. Doch dann sei die Freude umso grösser. Solche Ringer sind Perlungher beinahe lieber als diejenigen, die bereits zu Beginn gewinnen und aufhören, sobald sie keinen Podestplatz erreichen.