Es dämmert bereits. Ruhe kehrt unter der Autobahnbrücke beim Bahnhof Glanzenberg jedoch keine ein.

Oben rauschen die Autos vorbei und am Fluss geniessen Radfahrer und Spaziergänger den lauen Frühlingsabend. Völlig unbeeindruckt davon ist der Biber, der sich das Limmat-Seitengewässer als Revier erschlossen hat.

Gemächlich schwimmt er unterhalb des Fussgängerstegs am Schilf vorbei, taucht ab, und verschwindet im Müligiessen-Bach.

Für Forstingenieur Tobias Liechti ist es keine Überraschung, dass sich das dämmerungs- und nachtaktive Tier dieses Gebiet zu seinem Revier erkoren hat.

«Während sich Biber im Winter fast ausschliesslich von der Rinde der Weiden ernähren, bevorzugen sie im Sommer Wasserpflanzen. Von beidem gibt es in diesem Gebiet genug», sagt Liechti, der bei creato – Genossenschaft für kreative Umweltplanung tätig ist.

Diese zeichnet unter anderem für den Aufsichtsdienst in den Geroldswiler Auen und biologische Erfolgskontrolle im Auenpark Werdhölzli verantwortlich.

Bemerkenswert ist dieses jüngste Revier hingegen aus einem anderen Grund. Noch nie seit der Wiederansiedlung des Bibers in der Schweiz Ende der 1950er-Jahre ist ein Tier so weit limmataufwärts gezogen, um sich neuen Lebensraum zu erschliessen (siehe Box).

Der jüngste Limmattaler Biber ist ein Pionier. Es wurde zwar schon ein Nager im Auenpark Werdhölzli gesichtet, Biberburgen oder grössere Frassplätze, wie sie beim Bahnhof Glanzenberg vorzufinden sind, wurden dort noch nicht entdeckt.

Es sind wohl zwei Biber

Bis 2013 war das zürcherische Limmattal – bis auf ein Einzelfall vor rund 25 Jahren – eine biberfreie Zone. Das änderte sich erst, als im Aargau sämtliche Reviere besetzt waren. Denn der Biber-Nachwuchs wird jeweils nach zwei, drei Jahren von den Eltern verstossen, damit er sich ein eigenes Revier sucht.

Und so liess sich vor drei Jahren der erste Biber in den Geroldswiler Auen nieder, wurde aber kurz darauf auf der Fahrweidstrasse überfahren.

Es dauerte nicht lange, bis sich wieder ein Nager bei Geroldswil niederliess. Dass es sich dabei um denselben handelt, der sich nun sein Revier beim Bahnhof Glanzenberg erschlossen hat, glaubt Liechti nicht. «Zwischen den Geroldswiler Auen und dem Golfplatz Unterengstringen sind auf einer Strecke von gut einem Kilometer kaum Spuren zu sehen».

Es sei nicht anzunehmen, dass derselbe Biber zwischen zwei so weit voneinander entfernten Revieren hin und her pendle. Vieles spreche dafür, dass nun zwei Biber im zürcherischen Limmattal leben.

Beim Nager, der sich im Glanzenberggewässer niedergelassen habe, dürfte es sich noch um ein junges Tier handeln, dessen Geschlecht nur bestimmt werden kann, wenn er gefangen wird.

Ob Männchen oder Weibchen kommt ein ausgewachsener Biber samt Schwanz auf eine Länge von rund 1,2 Metern und wiegt rund 30 Kilo. Derjenige von Dietikon ist etwas kleiner.

Liechti geht davon aus, dass sich der Biber nun auch im Zürcher Limmattal etablieren wird. «Wenn alles gut läuft, wird sich in den Geroldswiler Auen ein Biberpaar niederlassen und eine Familie gründen», sagt Liechti. Das wäre die Voraussetzung dafür, dass sich die Tiere etwa in der Reppisch und später auch in der Sihl – sofern sie das Hindernis Hauptbahnhof überwinden – neue Reviere erschliessen. Diese können je nach Nahrungsvorkommen zwischen 300 Meter und 3 Kilometer lange Flussabschnitte umfassen.

Aus Sicht der Ökologen ist das ein erfreulicher Umstand. Denn der Biber gestaltet als Damm- und Burgenbauer nicht nur seinen Lebensraum, er schafft dadurch auch Nischen für viele zum Teil seltene Tier- und Pflanzenarten. Diese können die neu entstandenen Teiche und das gefällte Totholz bewohnen und nutzen. Sie profitieren auch von mehr Licht dank gefällten Bäumen. Somit leistet der Biber einen wertvollen Beitrag zur Förderung der Biodiversität.

«Der Biber übernimmt für uns quasi die Feinpflege der Auen. Er gilt daher als Schlüsselart der Feuchtgebiete», sagt Liechti.

Amphibien, Libellen und viele weitere Organismen hätten sich in der Evolution den durch den Biber geprägten Feuchtgebieten angepasst und bräuchten seine Aktivitäten.

Die Spuren seines Wirkens hinterlässt der Biber vor allem im Spätherbst, wenn er Rinden frisst. Dann sammelt er Fettreserven für den Winter an, die er in seinem Schwanz speichert.

Dies, obschon er keinen Winterschlaf hält. Abwechslungsreicher ist die Ernährung des Vegetariers in den wärmeren Monaten. Neben verschiedenen Pflanzen frisst er auch gerne Zuckerrüben und Mais, was mitunter zu Konflikten mit Landwirten führt. Angst müsse man vor dem Tier keine haben, sagt Liechti. «Wenn er auf Menschen trifft, zieht er sich normalerweise ins Wasser zurück.»