Limmattaler Bahnhöfe

Auf den letzten Zug verzichten nur wenige — Raucherzonen haben sich noch nicht durchgesetzt

Während des Wartens eine Zigarette rauchen: Was für viele ein Genuss ist, ist für viele andere ein inakzeptabler Störfaktor.

Während des Wartens eine Zigarette rauchen: Was für viele ein Genuss ist, ist für viele andere ein inakzeptabler Störfaktor.

Seit 2019 gibt es an den Limmattaler Bahnhöfen spezielle Raucherzonen. Durchgesetzt haben sich diese noch nicht.

Es gehört zum Alltagsbild auf Schweizer Bahnhöfen: Der Reisende nimmt einen letzten Zug an der Kippe und schmeisst die Zigarette weg. Der Filter wird dabei gerne noch kurz vor dem Einsteigen gekonnt mit den Fingern auf den Boden gespickt. Sage und schreibe 550 Kilogramm Zigarettenstummel landen so täglich in der Schweiz zwischen den Gleisen. Kaum vorstellbar, wie schnell sich ganze Plätze mit den Enden der Glimmstängel füllen würden. Dazu kommt der gesundheitliche Aspekt: Oft stören sich die Nichtraucher, die auf einen Zug warten, am Passivrauch.

Für eine höhere Aufenthaltsqualität auf den Perrons führten die SBB im vergangenen Jahr raucherfreie Zonen ein – auch im Limmattal. Bis Mitte 2020 soll auf allen Bahnhöfen ein generelles Rauchverbot gelten. Für Reisende bedeutet dies, dass nur noch um die Aschenbecher herum geraucht werden darf. Die SBB reagierten damit auf Wünsche aus der Bevölkerung: Denn aus einer Studie ging 2018 hervor, dass 75 Prozent der Befragten mit der damaligen Situation nicht zufrieden waren. Mit der Eingrenzung der Raucher werde die Sicherheit und die Sauberkeit erhöht, heisst es auf der Website der SBB. Es sei eine gute Nachricht für Raucher und für Nichtraucher, schreiben die SBB auf Plakaten.

Im August wurde die neue Regelung auf den Bahnhöfen Dietikon, Glanzenberg, Schlieren und Killwangen-Spreitenbach eingeführt. Wenig später folgten die Bahnhöfe Birmensdorf und Urdorf. Seither weisen Piktogramme auf den Böden auf das grundsätzliche Rauchverbot hin.

Trotz Verbot wird auf den Perrons weiterhin geraucht

Beobachtet man aber das tägliche Treiben auf den Limmattaler Bahnhöfen, wird schnell klar, dass sich längst nicht alle Reisenden an diese neue Regelung halten. Auch die Glimmstängel zwischen den Schienen sind keineswegs verschwunden. Es stellt sich die Frage, ob es für die Durchsetzung mehr Hinweise, mehr Aufklärung oder mehr Zeit braucht.

Auf die Frage, ob eine Verbesserung hinsichtlich des Litterings festgestellt wurde und ob die Regelung durchgesetzt werden könne, heisst es seitens der SBB, dass die Akzeptanz rauchfreier Bahnhöfe mit Raucherbereichen hoch sei, aber dass ein Fazit erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen könne. «Für eine aussagekräftige und belastbare Zwischenbilanz ist es zu früh», schreibt SBB-Mediensprecher Daniele Pallecchi.

So wollen die SBB auf Widersacher reagieren

Klar ist: Die SBB arbeiten darauf hin, dass das Verbot künftig besser eingehalten wird. «Reisende, die sich nicht an die Rauchfrei-Regelung halten, werden höflich angesprochen und auf die signalisierten Raucherbereiche auf den Perrons oder bei den Zugängen hingewiesen. Personen, die sich nicht daran halten wollen, können im Wiederholungsfall weggewiesen werden», so der SBB-Sprecher. Angesprochen werden die Leute zum Beispiel von SBB-Mitarbeitenden und Transportpolizisten.

Organisation Lunge Zürich ist noch nicht zufrieden

«Die SBB haben mit der Einführung ein positives Signal ausgesendet, aber ich würde es begrüssen, wenn sie noch aktiver agieren und im Sinne einer ­edukativen Wirkung auf die Reisenden zugehen würden», sagt ­Michael Schlunegger, Geschäftsführer Lunge Zürich (ehemals Lungenliga). Auch er sieht, dass sich längst nicht alle Reisenden an das Verbot halten. Und findet, die SBB könnten mehr machen, um das Rauchverbot besser durchzusetzen. «Ich pendle sehr viel und stelle auch fest, dass auf den Bahnhöfen immer noch geraucht wird», sagt er. Es sei aber ein Schritt in die richtige Richtung. «In Unterführungen oder beim Warten auf einen Zug auf dem Perron ist man dem Rauch ausgesetzt. Und Passivrauchen schadet der Gesundheit.»

Das Argument, dass der Rauch draussen oft nicht so konzentriert sei, lässt Schlunegger nicht gelten. «Wenn man sich schützen kann, dann sollte man dies auch tun.» Das sei vergleichbar mit einer Autofahrt, bei der man sich nicht angurtet. «Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas geschieht, ist auch nicht sehr gross – und trotzdem gurtet man sich immer an und schützt sich», sagt er. Er begrüsse das gesellschaftliche Umdenken, und dass über begrenzte Raucherzonen auf öffentlichen Plätzen diskutiert werde: «Wenn man heute in ein Restaurant geht, und es würde geraucht, dann würde man dies nicht mehr akzeptieren», sagt er. Eine solche Selbstverständlichkeit solle sich auch im öffentlichen Raum einpendeln.

Wer unbedingt rauchen wolle, dem solle diese Freiheit gewährt werden, sagt Schlunegger. Es sollte jedoch selbstverständlich sein, dass Rücksicht auf jene Personen genommen werde, die sich dem Rauch nicht aussetzen wollen. Das habe auch mit Anstand zu tun. Und so solle es allen Reisenden möglich sein, auf Perrons zu warten und Unterführungen zu passieren, ohne dass ungewollter Zigarettenrauch eingezogen werde.

Abfall gehört schlicht nicht auf den Boden

Die zweite Tatsache, woran er sich stört, ist das Littering: «Zigarettenstummel sind Abfall und Abfall gehört nicht auf den Boden», sagt er. Auf diese Weise gelangen Schadstoffe bis ins Grundwasser. Ein einziger Zigarettenstummel könne bis zu 40 Liter Trinkwasser verseuchen.

In der Tat gibt es zahlreiche Studien, die auf die für die Umwelt gefährlichen Rückstände von Chemikalien abgerauchter Glimmstängel hinweisen. Allein der Kunststoff Zelluloseacetat im Filter zerfällt erst nach mehreren Jahren. Die Filter halten giftige Substanzen aus dem Rauch zurück. Diese Stoffe gelangen danach in die Umwelt, wenn die Zigarettenstummel nicht richtig entsorgt werden.

Verwandte Themen:

Autor

Cynthia Mira

Cynthia Mira

Meistgesehen

Artboard 1