Noch dieses Jahr werden die Gebäude des ersten Schlieremer Industriebetriebs, der ehemaligen Leimfabrik Geistlich, dem Erdboden gleichgemacht. Sie weichen neuen Überbauungen, die den östlichen Teil des neuen Stadtteils «am Rietpark» bilden werden. Mit den alten Industriehallen verschwindet auch der Kunstraum Halle.li, den ein Künstlerkollektiv um Salome Kuratli 2013 als Zwischennutzung erschlossen hat.

Frau Kuratli, wann werden die Tore der «Halle.li» endgültig schliessen?

Salome Kuratli: Uns wurde der Mietvertrag auf Ende Februar 2016 gekündigt. Bis dann muss die Halle geleert sein.

Wohin wird Ihr Künstlerkollektiv weiterziehen?

Das Kollektiv wird es so nicht mehr geben. Uns führte diese Arbeitsstätte zusammen und mit ihr wird sich die Gruppe auch wieder in Luft auflösen. Einen Arbeitsort mit diesen Eigenschaften und von dieser Grösse findet man nicht so leicht wieder. Alle von uns suchen sich ein neues Atelier.

Welche Eigenschaften meinen Sie? Was haben für Sie das Geistlich-Areal und die Stadt Schlieren als Arbeitsort ausgemacht?

Es herrscht hier eine offenere, undefiniertere Stimmung als in der Stadt Zürich. Das ehemalige Industrieareal ist Entdeckungsort und Grabstätte zugleich. Die ältesten Bauten stammen aus dem 19. Jahrhundert. Wenn man da am richtigen Ort in die Höhe steigt, entdeckt man plötzlich eine kleine Eisenbahn, die auf dem Gebälk durch das ganze Gebäude verläuft. Überall gibt es Schilder mit eigentümlichen Begriffen des früheren Industriebetriebs zu entdecken. Die Ecken und Kanten erzählen eben noch Geschichten.

Auch damit ist es jetzt bald vorbei.

Ja, mit den neuen Überbauungen wird sich das stark ändern. Bald wird hier wohl alles so definiert und designed sein wie in anderen Neubaugebieten.

Sie bedauern, dass es mit der «Halle.li» nun zu Ende geht.

Jein. Die drei Jahre waren eine gute Zeit, in der wir einen Traum ausleben und uns ein Luftschloss bauen konnten. Aber es war auch ein sportliches Unterfangen: Die Halle ist ein grosser Raum mit einigen Ecken und Kanten und es bedeutet Aufwand, ihn in Schuss zu halten. Jetzt, nachdem ich hier vieles testen und Erfahrungen sammeln konnte, fällt es mir nicht sehr schwer, dieses Atelier gehen zu lassen.

Wissen Sie bereits, wo Sie künftig arbeiten werden?

Ja, ich habe als Kunst-Atelier eine Garage in Zürich gefunden, die ich von zu Hause aus in fünf Minuten erreichen kann.

Was waren rückblickend Ihre Highlights während der drei Jahre in Schlieren?

Das sind sicher die Ausstellungen «Adresse – da sein» im Jahr 2013 und «Hold the line, please» im Jahr 2015. Letztere war ja Teil einer grossen Ausstellungsaktion zusammen mit Kunsträumen entlang der Buslinie 31. Es war eine sehr gute Erfahrung, mit den anderen Mitgliedern des Kollektivs etwas auf die Beine zu stellen. Und ich habe im Bereich der Ausstellungsorganisation viel lernen können.

Was bleibt also noch zu tun, bis Sie
Ihren Arbeitsort wieder nach Zürich
verlegen?

Derzeit suche ich nach Abnehmern für Inventar wie Sofas, Tische, Stühle, Werkzeuge und Kino-Projektoren.

Kino-Projektoren?

Ja. Sie fanden in der «Halle.li» vorübergehend eine neue Heimat und passten sehr gut hierher: So wie bei der Firma Geistlich synthetische Klebstoffe den Leim aus Tierknochen ablösten, wurden in den Kinos die 35-Millimeter-Projektoren von den digitalen Filmen abgelöst. Die Projektoren wie die Knochenverarbeitung sind nun Relikte einer früheren Zeit. Nun hoffe ich, einen Kinobetrieb zu finden, der die Geschichten des vergangenen Jahrhunderts mit der entsprechenden Technik weiter leben lassen will. Wie die Erfahrungen, die wir hier auf dem Geistlich-Areal sammeln konnten, sollen auch sie sich nicht in Luft auflösen.