Sozialamt
Auf dem Sozialamt Schlieren wird der Schutz vor Gewalt verstärkt

Die Bluttat von Pfäffikon ZH führt einem einmal mehr vor Augen, wie gefährlich Verwaltungsangestellte leben. Immer wieder werden Angestellte der Verwaltung angegriffen. Jetzt soll der Schutz gegen Gewalt verstärkt werden.

Nicole Emmenegger
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Sozialämter geraten immer wieder ins Visier wütender Klientel, die vor Gewalt nicht zurückschreckt.

Sozialämter geraten immer wieder ins Visier wütender Klientel, die vor Gewalt nicht zurückschreckt.

Aargauer Zeitung

Am Montag hat ein 59-jähriger Kosovare seine 52-jährige Ehefrau und die 48-jährige Leiterin des Sozialamtes erschossen. Das Paar lebte von der Sozialhilfe - die Sozialamtsleiterin hatte beruflichen Kontakt mit der Familie.

Dass sich aufgestaute Wut über eine schwierige Lebenssituation gegenüber Verwaltungsangestellten entlädt, kommt auch im Limmattal vor. Von einem aktuellen Fall berichtet Martin Studer, Geschäftsleiter der Schlierener Stadtverwaltung: «Am Montag beschlossen wir, im Fall einer auffälligen Person den Sicherheitsdienst aufzubieten. Wenig später erfuhren wir von den Morden in Pfäffikon. Diese Gleichzeitigkeit ist beklemmend.»

Immer wieder Attacken

Die grosse Mehrheit der Schlieremer Klientel verhält sich laut Studer friedlich - dennoch gebe es immer wieder Situationen, in denen Verwaltungsangestellte angegriffen würden. Die Attacken reichten von verbalen Drohungen bis hin zu körperlichen Angriffen wie Schupsen oder - in einem Fall - zum Zücken eines Messers. «Diese Menschen stehen unter Druck - und manchmal sind wir es, die diesen Druck aufgrund unserer gesetzlichen Verpflichtungen ausüben», erklärt der Geschäftsleiter die Tatsache, dass Verwaltungen ins Visier von Gewalttäter geraten. Die Ämter müssen Schulden eintreiben, die Sozialhilfe kürzen oder Eltern das Sorgerecht entziehen. «Solche Massnahmen werden nicht von allen verstanden, auch wenn sie berechtigt sind», sagt Studer.

Wie schützt sich die Schlieremer Verwaltung gegen Gewaltausbrüche wie in Pfäffikon? Darüber möchte Studer keine präzisen Angaben machen, wie er sagt: «Das sind Dinge, die intern bekannt sind, aber nicht publik werden sollten.» Seine Befürchtung: Ein potenzieller Täter könnte Informationen über Notfallkonzepte zu seinen Gunsten nutzen.

Systematiksche gegenseitige Warnungen

Was Studer verrät: Die Schlieremer Verwaltung verstärkt derzeit ihren Schutz gegen Gewalt und geht in Verdachtsfällen aktiver vor als früher. «Seit rund zwei Jahren warnen sich die Ämter gegenseitig systematisch vor Klienten, die Probleme bereiten», so Studer. Geplant sei zudem eine Schulung, die sämtlichen Verwaltungsangestellten zeigt, wie sie in Bedrohungssituationen handeln müssen. «Sie lernten, Gewaltbereitschaft frühzeitig zu erkennen und die Situation zu beruhigen.» Kommt es dennoch zur Eskalation, sollen die Angestellten künftig einfacher Hilfe holen und fliehen können. Beim aktuellen Umbau des Stadthauses werden laut Studer bessere Alarmsysteme installiert, Fluchträume geschaffen und Türen gesichert - zum Beispiel mit Gegensprechanlagen.

Auch in Uitikon hat die Gemeindeverwaltung zusätzliche Schutzmassnahmen ergriffen. Dies, nachdem das Gemeindehaus 2009 nach einer Drohung für kurze Zeit sogar geschlossen werden musste. Die Verwaltungsangestellten liessen sich in der Sicherheitsarena in Winterthur im Umgang mit gewalttätiger Klientel schulen, wie Gemeindeschreiber Bruno Bauder sagt: «Dieser Tag hat sich gelohnt, die Schulung hat das Team beruhigt.»

Gemeinsam gegen die Gewalt

Mittels Praxisübungen und Videoanalysen vermittelten die Experten den Uitiker Gemeindeangestellten, wie man sich je nach Situation richtig verhält: «Tritt eine Person aggressiv auf, ist es wichtig, Sicherheit auszustrahlen und Grenzen zu setzen», so Bauder. Man dürfe niemals Gegengewalt anwenden, müsse sich aber «mit beiden Füssen auf dem Boden hinstellen und mit lauter und deutlicher Stimme sagen: ‹Bis hierher und nicht weiter.›

Zeichnet sich eine Eskalation ab, werden in Uitikon per Alarmknopf die Bürokollegen und die Gemeindepolizei zur Hilfe gerufen: «Wenn der potenzielle Täter von möglichst vielen Leuten umgeben ist, fühlt er sich physisch unterlegen. Das kann seine Gewaltbereitschaft bremsen», erinnert sich der Gemeindeschreiber an die Tipps der Experten.

Auf bauliche Massnahmen wie Panzerglas hat die Gemeinde verzichtet. «Der Wunsch war zwar da, aber wir möchten uns zugleich nicht vor den Bürgern verschanzen», sagt Bauder. Ohnehin sei dahingestellt, ob sich eine Bluttat wie in Pfäffikon durch Schutzvorrichtungen überhaupt verhindern lasse.

Tatsächlich wurde die Pfäffiker Sozialamtsleiterin am Montag auf offener Strasse erschossen - weit weg von Alarmknöpfen und Panzerglas.