Pandemie

Auf dem Abstellgleis: Unser Kolumnist erzählt, wie die Coronakrise einen Keil zwischen Jung und Alt treibt

Der Schlieremer Martin von Aesch erzählt, die Coronakrise einen Keil zwischen Jung und Alt treibt. (Symbolbild)

Der Schlieremer Martin von Aesch erzählt, die Coronakrise einen Keil zwischen Jung und Alt treibt. (Symbolbild)

Wer 65 Jahre oder älter ist, gehört zur Corona-Risikogruppe. Oder? Der Schlieremer Martin von Aesch erzählt, weshalb die Diskussionen um die Lockerung der Corona-Massnahmen zum Generationenkonflikt geraten.

Eigentlich ist es ein äusserst langsamer Prozess, der sich über Jahrzehnte hinziehen kann. Er beginnt vielleicht damit, dass du während des Aufstiegs auf einen Gipfel merkst, dass die Jüngeren dich überholen. Etwas später nimmst du zur Kenntnis, dass deine Gelenkigkeit nicht mehr die von früher ist.

Der Schneidersitz zum Beispiel wird bereits nach einer Minute zur Qual. Dann beginnt es zu zwicken, da und dort. Langsam, deshalb unmerklich lässt deine Sehkraft nach. Dein Hörvermögen ebenso. Irgendwann bringt dir dein Hausarzt bei, von nun an wolle er dich jedes Jahr für einen Totalcheck sehen. Und falls du ein Mann bist, stellst du fest, dass das Wasserlösen sich mehr und mehr in die Länge zieht.

Klar versuchst du, dich dagegenzustemmen. Deshalb kaufst du dir vielleicht eine Dauerkarte für ein Fitnesscenter, um das, was nicht aufzuhalten ist, wenigstens hinauszuzögern. Doch all die Massnahmen, die du ergreifst, zeigen keine oder dann nur wenig Wirkung. Und irgendwann ist es dann halt so weit: Du musst dir eingestehen, dass du älter wirst, dass du vielleicht gar einfach alt bist.

Wie gesagt: Es ist ein Prozess, der zu dieser Einsicht führt. Oder es sollte zumindest ein Prozess sein. Ein Prozess mit dir als Hauptprotagonist. Denn du allein bestimmst, wann du welche Erkenntnis zulässt.

Doch dann geschieht das Unvorstellbare: Der Bundesrat bestimmt per Dekret, dass du ab sofort alt bist und deshalb einer gefährdeten Risikogruppe angehörst. Das ist hart. Ich weiss es, weil ich es am eigenen Leib erfahren habe. Eigentlich habe ich mich recht gut gehalten, finde ich jedenfalls. Bei allen Einschränkungen, die die Jahre mit sich brachten. Doch plötzlich, wie aus dem Nichts, gehöre ich zum alten Eisen, das man vor sich selber schützen muss.

Das tut schon ein bisschen weh. Vor allem deshalb, weil ich nicht mehr so alt bin, wie ich mich eigentlich fühle. Sondern als Mensch mit einem Makel.

Doch nun sind Lockerungen angesagt. Hoffentlich findet der Bundesrat einen Weg, dass sich alle ab 65 nicht mehr wie auf dem Abstellgleis fühlen.

Zur Person:

Der Schlieremer Martin von Aesch gehört als AHV-Positiver zur Corona-Risikogruppe. Hier überlegt er sich, wie er trotz der Krise den Humor nicht verliert.

Der Schlieremer Martin von Aesch gehört als AHV-Positiver zur Corona-Risikogruppe. Hier überlegt er sich, wie er trotz der Krise den Humor nicht verliert.

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