Aesch
Auf das richtige Pferd gesetzt – zu Besuch auf dem Haldenhof

Ihr Leben ist ein Ponyhof – und dieser gibt mächtig viel zu tun. Rahel Helfenberger koordiniert auf dem Haldenhof in Aesch Reitlager, gibt Reitstunden und macht mit ihren Spielgruppenkindern den Wald unsicher. Doch obwohl jede Woche fast hundert Kinder auf ihr Grundstück kommen, ist die vierfache Mutter die Ruhe selbst. Wie macht sie das nur?

Zoé Iten
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Rahel Helfenberger auf ihrem Haldenhof in Aesch.
14 Bilder
 Sie organisiert regelmässig Reitlager auf ihrem Hof oberhalb von Birmensdorf.
 Blick auf den Hof in Aesch, dahinter Birmensdorf und das Limmattal.
 Michelle Helfenberger, die Tochter von Hofbesitzerin Rahel Helfenberger, pflegt ein Pferd.
 Lange für das Kunststück trainiert: Michelle Helfenberger mag ihr «Zirkusross» besonders gern.
 Julia Zumstein, Cosima Scholze und Line Widmer (v.l.) setzen zum Trab an. Die drei Reiterinnen zeigen, was sie können.
 Rahel Helfenberger erteilt den jungen Reitlager-Teilnehmerinnen Line Widmer (in pink), Cosima Scholze (in Blau) und Julia Zumstein (in violet) eine Reitlektion.
Sommerserie: So lebt das Limmattal

Rahel Helfenberger auf ihrem Haldenhof in Aesch.

SEVERIN BIGLER

«Wir haben es hier so schön, ich möchte wirklich nicht tauschen», sagt Rahel Helfenberger, während sie ihren Blick über den Hof schweifen lässt. Man glaubt es ihr sofort: Der Haldenhof in Aesch, den sie seit 15 Jahren ihr Eigen nennt, ist idyllisch gelegen. Hier wohnt die 42-Jährige zusammen mit ihrem Mann Roland Helfenberger und den drei Töchtern und einem Sohn.

Dass sie hier gelandet ist, kann man als eine Rückkehr nach Hause bezeichnen, denn sie ist schon auf dem Hof gross geworden. Nachdem sie die Bäuerinnenschule und eine Lehre als Floristin abgeschlossen hat, hat sie ihrem Vater immer wieder unter die Arme gegriffen und auf dem Hof ausgeholfen. Im Jahr 2002 übergab er ihr dann den gesamten Betrieb. «Für mich ist damit ein Traum in Erfüllung gegangen», sagt Helfenberger und fügt hinzu: «Ich glaube, meine Geschwister waren froh, dass sie nicht mussten.»

Sommerserie: So lebt das Limmattal

Wohnformen sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Die Redaktion begibt sich auf die Suche nach unkonventionellen Lebens- und Wohnformen im Limmattal, die wir Ihnen in unserer Sommerserie vorstellen. Die nächste Folge erscheint am Mittwoch.

Lesen Sie hier die vorherige Folge.

Sofort loslegen konnte die Familie auf dem Hof allerdings nicht. «Die Anlagen und Geräte waren alle alt und landwirtschaftlich hätte der Hof viel zu wenig abgeworfen», sagt Helfenberger. «Zudem wollte mein Mann auch weiterhin als Förster tätig sein und es wäre nicht möglich gewesen, nebenbei noch den Hof zu betreuen.» In einem ersten Schritt entschieden sie deshalb, eine Umzonung vorzunehmen. Aus dem landwirtschaftlichen Hof sollte ein Reithof werden. Mit diesem Entschluss begann ein langer Weg, verbunden mit viel Geld und Bürokratie.

«Die Bewilligungen, die wir damals brauchten, kosteten ein halbes Vermögen», sagt Helfenberger. «Ohne die Unterstützung von meinem Vater wäre das gar nicht möglich gewesen.» Bald konnte sie die ersten Reitstunden anbieten. Diese finden heute noch an allen Wochentagen von 14 bis 19 Uhr statt. Nachdem ihre beiden ältesten Töchter begeistert aus Reitlager zurückkehrten, kam bei Helfenberger auch der Wunsch auf, solche anzubieten. Zudem müsse man sich seine finanziellen Quellen suchen, wenn man im Besitz eines Hofes sei, sagt sie. Die Rückmeldungen auf die ersten Reitlager waren grossartig. «Heute haben wir bereits Wartelisten.»

Geschichte: Zuerst zog es die Skandinavier in den Wald

Die bessere Motorik, die grössere Sozialkompetenz und eine geschultere Wahrnehmung, dazu gesund und stark: Kinder, die den Waldkindergarten besuchen und sich oft in der Natur aufhalten, können in vieler Hinsicht profitieren. Doch wie entstand eigentlich die Idee, den Kindergarten in den Wald zu verlegen?

Die Geschichte führt nach Skandinavien. Dort verbrachte in den 1950er-Jahren die Dänin Ella Flatau mit ihren vier Kindern und den Nachbarskindern die Tage gerne und oft im Wald. Sie inspirierte andere, bis schliesslich zu Beginn der 1970er-Jahre in ganz Skandinavien Waldkindergärten entstanden. Allein in Schweden gibt es heute unter der Bezeichnung «I Ur och Skur» (bei Wind und Wetter) Hunderte davon.

In der Schweiz wurde die Idee erst 20 Jahre später populär. Neben Waldkindergärten entstanden auch Waldkrippen und Waldspielgruppen. Mit der Ausbreitung der Zecken büssten die Kindergärten allerdings wieder an Popularität ein. Doch sie erholten sich wieder und sind heute beliebter denn je. (ITZ)

Die Natur anbieten

Zu der neuen Herausforderung als Reitlehrerin kam ihre alte Tätigkeit mit Waldspielgruppen hinzu. Schon früher war sie zweimal in der Woche mit Kindern im Wald unterwegs gewesen und verbrachte dort die Morgenstunden. Nach der Hofübernahme beschloss sie, diese Aufgabe wieder aufzunehmen. Nach einer Spielgruppenausbildung folgte die Weiterbildung zur Waldspielgruppenleiterin. Die Arbeit liegt ihr am Herzen: «Es gibt so viele Kinder, denen es nicht möglich ist, in der Natur herumzuspringen», sagt sie und deutet auf das angrenzende Waldgebiet. «Wir haben dort oben unser eigens Znüni-Plätzchen.» Manchmal werden auch die Ponys aus den Ställen geholt und begleiten die Kinderschar.

«Mit den Kindern in den Wald zu gehen, ist so eine schöne Sache. Sie können spielen und werken und entdecken, wie es ihnen gefällt. Es ist herrlich, zu beobachten, wie zufrieden sie dann sind.» Helfenbergers Traumberuf war ursprünglich Kindergärtnerin, aber sie sei «zu wenig schlau gewesen», sagt sie und lacht. Mit den fast hundert Kindern, welche die diversen Angebote auf dem Haldenhof nutzen, erfülle sich der Traum nun doch noch, einfach auf eine etwas andere Weise.

Rückzugsort ist genug vorhanden

Wie schützt sie ihre eigene Privatsphäre, wenn täglich so viele fremde Menschen in ihr Reich kommen? «Das Ganze muss nur gut organisiert sein, dann funktioniert das tipptopp», sagt Helfenberger. Auch ihre Kinder hätten noch nie darüber beklagt, dass sie sich nicht zurückziehen könnten. Ihre beiden grösseren Töchtern, die 16 und 18 Jahre alt sind, sind in der Lehre und sowieso den ganzen Tag unterwegs. Ihre 13-jährige Tochter Michelle blüht richtiggehend auf, wenn sie auf dem Hof ist. «Es ist cool, weil immer etwas läuft», sagt sie. «Es ist immer Action. Und wenn ich mal meine Ruhe will, kann ich in mein Zimmer gehen. Wir haben alle unser eigenes.» Michelle geniesse es, wenn viele Kinder auf dem Hof seien, sagt die Mutter. «Sie hilft bei Reitlagern gerne mit. Und Manuel, mit zwölf der Jüngste, ist, was das Landwirtschaftliche angeht, sehr fleissig.»

Auch für ihn sei es nichts Unangenehmes, wenn viele Kinder anwesend seien. Schon als die Kinder noch klein waren, sei immer jemand vom Landdienst auf dem Hof gewesen und jeweils praktisch ein Teil der Familie geworden. «Ich bin auch so aufgewachsen, dass zu jeder Zeit Leute auf dem Hof waren», sagt Helfenberger. Für ihren Mann, der sich mittlerweile daran gewöhnt habe, sei es eine Umstellung gewesen. Einen Ausgleich zu haben, sei darum wichtig. Helfenberger holt ihren bei den Pferden. Hier kann sie Kraft tanken. «Wenn es stressige Wochen sind und ich nicht zum Reiten komme, macht sich das bemerkbar.»

Stille Nacht

Wenn der Hof meistens voll ist, sei es an Weihnachten schön, nur einmal als Familie zusammen zu sein, sagt Helfenber – obwohl es dann natürlich auch mehr Arbeit gebe. «Dann vermisse ich unsere Angestellten schon», sagt sie und lacht. Neben einer angehenden Pferdefachfrau, einer Reitlehrerin und einer Waldspielgruppenhilfe sind auch ein Hilfsarbeiter und eine administrative Unterstützung auf dem Hof und bieten eine grosse Stütze. Wenn an den Wochenenden alle ihre Freitage einziehen, müsse eben die Familie mehr mitanpacken, sagt Helfenberger: «Mit so einem Hof hat man nie frei.» Aber das sei in Ordnung: «Ich geniesse es, hier zu sein und meiner Arbeit nachzugehen.» Schlaflose Nächte weil sie die Gedanken an ihren Hof wachhielten, hatte sie jedenfalls noch nie. «Dafür bin ich jeden Abend wirklich zu müde.»

Draussen zu Hause: Sarah Wauquiez    

Draussen zu Hause: Sarah Wauquiez    

Zur Verfügung gestellt

«Draussen zu spielen, ist von grosser Wichtigkeit»

Seit Waldspielgruppen und Waldkindergärten in den 1990er-Jahren in der Schweiz aufkamen, erleben sie einen massiven Zuwachs. Worauf ist das zurückzuführen? Psychologin und Naturpädagogin Sarah Wauquiez liefert Antworten.

Frau Wauquiez, reicht es aus, sein Kind in einen normalen Kindergarten zu schicken?

Sarah Wauquiez: Ja, natürlich reicht das aus. Es geht aber um mehr. Miteinander draussen zu sein, fördert die Sozialkompetenzen. Das lässt sich beobachten und es gibt auch zahlreiche Dokumentationen zu diesem Thema. Kinder, die viel draussen sind, sind wachsamer und ihre Entdeckungslust wird geweckt. Zudem hat das Klassenzimmer oft wenig mit dem realen Leben zu tun.

Wieso boomen Waldkindergärten aktuell so in der Schweiz?

Waldkindergärten boomen mittlerweile sogar weltweit. Das ist nicht überraschend: Sie sind die Antwort auf unsere aktuelle Lebensweise. Die meiste Zeit des Lebens verbringen wir in geschlossenen Räumen. Man klebt am Computer oder am Fernsehen, spielt am Computer statt draussen.

Damit zieht man sich in eine abstrakte Welt zurück, was es oft schwierig macht, einen Realitätsbezug herzustellen. So entfernt man sich mehr und mehr von der realen Welt. Oftmals sind auch die Eltern weniger mit ihren Kindern draussen unterwegs und somit fehlen die Erlebnisse in der Natur.

Welche Folgen können durch zu wenig Zeit in der Natur entstehen?

Durch die geringe in der Natur verbrachte Zeit fehlt die Beziehung zu ihr. So bleibt auch die Motivation aus, möglichst ressourcenschonend zu leben. Die langfristigen körperlichen Auswirkungen können von mangelnder Konzentration bis hin zum aggressiven Verhalten reichen.

Lernen Kinder im Wald auch etwas?

Auf jeden Fall. Seit einiger Zeit merkt man, wie sinnvoll und alltagsnah der Unterricht draussen ist. Lernpsychologisch gesehen verankern wir das Gelernte besser, wenn wir mit konkreten Situationen und Erklärungen über alle Sinne aktiv sein können. Allerdings erschweren Reglemente die Aktivitäten draussen. In gewissen Kantonen werden bei Ausflügen die Mindestanzahl von Begleitpersonen und die Sicherheitsmassnahmen vorgeschrieben. Das macht das Ganze schwieriger.

Ist der Unterricht im Freien mittlerweile auch ein Thema, das in den pädagogischen Ausbildungen vorkommt?

Das kommt immer mehr. Die Pädagogik ist dabei, sich zu verändern. Allerdings ist der Unterricht in der Natur natürlich nur ein kleiner Teil der Ausbildung. Da besteht auf jeden Fall noch Entwicklungspotenzial. Ich bin aber gegen eine Obligation, die Lehrpersonen dazu zwingt, den Unterricht in der Natur abzuhalten. Jede Lehrperson soll selber für sich entscheiden, wie sie unterrichten will.

Ihr Rat an die Lehrpersonen?

Draussen zu spielen ist von grosser Wichtigkeit. Aber es ist nicht notwendig, den kompletten Tag draussen zu verbringen. Ich rate, einmal pro Woche für ein paar Stunden oder einen halben Tag nach draussen zu gehen. Es muss auch nicht weit weg vom Kindergarten oder der Spielgruppe sein. Aber genug, dass die Kinder die Möglichkeit bekommen, die eigenen Umgebung zu erkunden und somit neues zu entdecken. Gerade bei kleinen Kindern ist es ratsam, regelmässig nach draussen zu gehen.

Gibt es besonders sinnvolle Aktivitäten im Wald?

Am besten ist es, wenn man die Schüler einfach spielen lässt und gar nicht zu viele Aktivitäten plant. Wenn sich die Kinder frei bewegen können, nützt ihnen das viel mehr, als wenn sie ein straffes Programm einhalten müssen.