Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie joggen auf einem Feldweg. Ihre Augen sind verbunden. Am Handgelenk spüren Sie die Schlaufe, mit der Sie mit dem Handgelenk eines Kollegen verbunden ist, der mit Ihnen joggt. Sie spüren, wie sich sein Arm in der Bewegung hebt und senkt, und Sie müssen die Bewegung unweigerlich mitmachen, um nicht aus dem Rhythmus zu geraten. Gleichzeitig warnt Ihr Kollege Sie vor Hindernissen, die sich auf Ihrem Laufweg befinden. So in etwa ergeht es Lenthe Basant, wenn er joggt. Basant ist praktisch blind. «Ich kann nur die Umrisse erkennen und hell von dunkel unterscheiden», sagt er.

Basant kann seine Umgebung nur auf drei Meter Entfernung erkennen. Allein kann er daher nicht joggen. Er benötigt einen sogenannten Guide. Der Guide joggt nicht nur mit Basant mit, er teilt ihm auch mit, wann die beiden aufpassen oder ausweichen müssen, etwa wenn der Untergrund rutschig wird oder ein Pfosten im Weg ist.

Die Guides und die Läufer finden über den Lauftreff Limmattal zusammen, der vor etwas mehr als einem Jahr gegründet wurde. Der Lauftreff Limmattal engagiert sich dafür, dass Sehbehinderte das Joggen erleichtert beziehungsweise überhaupt erst ermöglicht wird. Für Basant ein Segen: «Der Lauftreff Limmattal gibt einem die Freiheit, sich sportlich zu betätigen.» Er sei schon immer gerne gelaufen. «Es ist ein guter Ausgleich zur Arbeit im Büro», sagt der Informatiker. Früher, als er noch besser gesehen habe, sei er jeden Tag gelaufen.

Jetzt joggt Basant zweimal pro Woche. Mit einem der beiden Guides, die ihm fest zugeteilt sind. Sie kommen jeweils zu ihm nach Hause in die Zürcher Innenstadt. Von dort aus joggen sie gemeinsam in Richtung Hardbrücke. Damit das Joggen reibungslos funktioniert, müssen Guide und Läufer einander gut kennen. «Der Guide kündigt zum Beispiel an, dass eine Stufe oder eine Schwelle kommt», erklärt Basant. «Doch wie hoch ist eine Stufe oder Schwelle denn genau? Diese Definition bleibt dem Guide überlassen.»

Bei seinen beiden Guides weiss
Basant mittlerweile, wie diese die Hindernisse definieren. Beim Zürich Marathon, an dem der Lauftreff Limmattal dieses Jahr zum ersten Mal überhaupt teilnimmt, muss sich Basant aber umgewöhnen. Er bekommt einen neuen Begleiter. «Ich wurde vor Monaten angefragt, ob ich auch am Marathon teilnehmen würde», erzählt er. «Da ich damals aber dachte, dass ich an jenem Wochenende nicht in Zürich sein werde, habe ich abgesagt.» Als er dann feststellte, dass er an jenem Wochenende doch in Zürich sein wird, entschied er sich, am Marathon teilzunehmen. Doch seine Guides waren bereits besetzt, und ihm wurde ein neuer Guide zugeteilt.

Vertrauen ist wichtig

Am vergangenen Sonntag haben die beiden als Vorbereitung auf den Marathon zusammen gejoggt. Denn Basant muss sich vor dem Marathon unbedingt an seinen neuen Guide gewöhnen. «Man braucht schliesslich Vertrauen zu seinem Begleiter», sagt der Informatiker. «Und man muss sich bezüglich der Ansagen abstimmen.»

Erschwerend komme beim Zürich Marathon hinzu, dass beim Start eine ganze Menschenmasse losrenne. «Das ist vor allem eine Herausforderung für den Guide», sagt Basant. «Aber die passen sehr gut auf.» Die Guides seien ohnehin wahre Cracks. «Sie laufen sehr viel und absolvieren Distanzen über 100 Kilometer», sagt Basant. «Und: Sie können beim Laufen erst noch Anweisungen geben. »

Am Zürich Marathon wird Basant beim Teamrun mitlaufen, in einem Team mit vier weiteren Teilnehmenden vom Lauftreff Limmattal. Er wird eine Teilstrecke von 9,1 Kilometern absolvieren, jene Distanz, die er sich vom Joggen gewohnt ist. Hat er sich eine bestimmte Platzierung vorgenommen? «Nein, ich habe nicht den Drang, mich zu beweisen», sagt Basant und lacht. «Ich mache aus Spass mit.»