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Auch wenn die Fruchtblase platzt: Für «Switzerlanders» filmten zwei Limmattaler ihren Alltag im Selfiemodus

Die Urdorfer Hebamme Jeannine Vogt wurde bei ihrem Alltag im Triemli (im Bild) gefilmt. (Symbolbild)

Die Urdorfer Hebamme Jeannine Vogt wurde bei ihrem Alltag im Triemli (im Bild) gefilmt. (Symbolbild)

In «Switzerlanders» zeigen auch zwei Limmattaler ihre ganz unterschiedlichen Perspektiven auf den Schweizer Alltag. Der Schlieremer Gemeinderat Roger Seger hält alles aus der Rollstuhl-Perspektive fest, während Urdorfer Hebamme Jeannine Vogt im Triemli unterwegs ist.

Die Herausforderung begann bereits beim Filmen. «Nach zehn Minuten Filmen im Selfiemodus war ich bereits komplett erschöpft», sagt Roger Seger. Der Schlieremer Gemeinderat (parteilos) gibt im Film «Switzerlanders» von Michael Steiner und Produzent Stephan Anspichler einen Einblick in seinen Alltag. Das Gemeinschaftswerk «Switzerlanders» zeigt einen Querschnitt der Schweiz aus dem Blickwinkel unterschiedlichster Menschen.

Segers Perspektive ist die eines Rollstuhlfahrers. Der 54-Jährige leidet seit Jahren unter Colitis ulcerosa und einer seltenen Nervenerkrankung. Obwohl er kurze Strecken gehen kann, ist er für die Bewältigung seines Alltags auf den Rollstuhl angewiesen. Im Film fährt er über Trottoirs, auf denen in der Mitte ein Scooter stehengelassen wurde. Er muss sich Hindernisse aus dem Weg schubsen und probiert, die Aprikosen aus dem obersten Verkaufsregal herunterzuholen.

Seger hat auch witzige Sequenzen gefilmt, wie er sagt – etwa als er abends in den Ausgang nach Zürich ging oder mit seiner Hündin Caya spielte. «Ich war ein wenig enttäuscht, dass die Macher nur die nachdenklichen Szenen genommen haben», sagt Seger. Beim Medikamentenrichten, Reden über Aids in den 1980er-Jahren oder während der Fahrten mit dem Rollstuhl habe er eher kränklich gewirkt. Dabei bestehe sein Leben aus viel mehr Facetten. Doch er habe den Alltag eben genau so filmen wollen, wie er sei, mit allen Hochs und Tiefs und vor allem ohne Filter. «Ich dachte zuerst, die wollen sowieso nur die Jungen und Schönen zeigen. Doch irgendwie war es mir wichtig, dass die Leute auch diesen Teil der Schweiz sehen», sagt Seger. So habe er seine Filmsequenzen auch eingereicht.

Roger Seger aus Schlieren.

Roger Seger aus Schlieren.

Kein Schauspiel, sondern Alltag

Sich selbst dann in einem Langfilm zu sehen, war für den Gemeinderat trotz einiger Kameraerfahrungen doch seltsam. «Nebst dem, dass man die eigene Stimme immer schrecklich findet, empfand ich mich selbst auch nicht als optimal», sagt er. Eine schlechte Nacht, Schmerzen und die Küchenbeleuchtung hätten ihn in ein schlechtes Licht gerückt. Trotzdem: Seger verzichtete auf alles, was ihn hätte positiver erscheinen lassen. Während des Filmens merkte er auch, dass er es gar nicht anders gekonnt hätte. «Wollte ich eine Szene nochmals drehen, kam sie beim zweiten Mal noch schlechter raus. Ich kann einfach nicht schauspielern», sagt Seger.

Die Rückmeldungen der Zuschauer auf seine Filmausschnitte seien durchweg positiv gewesen. «Viele sagten, sie hätten meine Szenen sehr gemocht», sagt Seger. Eine Freundin wollte gar die ganzen Aufnahmen. Da die Premiere ausfiel, hat Seger den Film zum ersten Mal zu Hause gesehen. «Als ich meinen Namen im Abspann sah, war ich stolz», sagt er. Das erlebe man ja nicht alle Tage, dass man einen Auftritt im Kino habe. Nachdem der Film herauskam, entschied Seger, seine Sequenzen zu einem eigenen Film zusammenzuschneiden. Dieser Streifen soll Angehörigen und Freunden dann einen umfassenderen Einblick in seinen persönlichen Alltag mit chronischen Erkrankungen ermöglichen.

Die geplatzte Fruchtblase kommt im Film nicht vor

Die Urdorfer Hebamme Jeannine Vogt (35) sandte ebenfalls Filmmaterial für «Switzerlanders» ein. An zwei Tagen wurde sie dazu von einer professionellen Kamerafrau begleitet. «Anfangs war es schon ein wenig gewöhnungsbedürftig», sagt sie. Doch mit der Zeit habe sie kaum mehr gemerkt, dass sie aufgenommen werde. Um ihren Alltag zu zeigen, musste sie einen grösseren administrativen Aufwand auf sich nehmen. «Ich musste alle Protagonisten fragen, ob sie einverstanden sind. Der Datenschutz war uns ein grosses Anliegen», sagt sie. Manche lehnten ab, andere waren gerne dabei, obwohl zum Drehzeitpunkt noch nicht klar war, welche Szenen es wirklich in den Film schaffen würden. An den Drehtagen kam es überdies zu einigen aussergewöhnlichen Szenen: Etwa als die Fruchtblase einer Patientin während der Untersuchung platzte oder es einen falschen Alarm gab. Diese Szenen wurden aber nicht in den Film aufgenommen.

Jeannine Vogt aus Urdorf.

Jeannine Vogt aus Urdorf.

Vogt war es wichtig, mit ihren Filmausschnitten den Hebammen- und Pflegeberuf in den Fokus des Bewusstseins zu rücken. «Das Triemli unterstützte mich in diesem An­liegen», sagt sie. Umso irritierter sei sie gewesen, als sie sich auf dem computeranimierten Werbeplakat für «Switzerlanders» mit einem Stethoskop, einem Arztkittel und einer Uhr gesehen habe. «Das trage ich nie im Alltag. Dieses Plakat erinnert mich eher an eine Ärztin», so Vogt. Auch wenn die äussere Verpackung so nicht ganz gestimmt habe, so freute sie sich doch, dass ihre Szenen im Film so ruhig dar­gestellt wurden. «Das ist es, was wir wollen: den Frauen Ruhe und Sicherheit ver­mitteln», sagt sie.

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