Die Welt wird zur Stadt. Immer mehr Menschen zieht es in die urbanen Ballungszentren. Bereits heute leben 50 Prozent der Menschheit in Städten. 2050 werden es Prognosen zufolge 75 Prozent sein. Das bleibt nicht ohne Folgen, vor allem für die Umwelt ist Josef Estermann überzeugt.

Der ehemalige Stadtpräsident von Zürich startete am Mittwochabend seine dreiteilige Vortragsreihe an der Volkshochschule Dietikon zum Thema Verstädterung. In seinem ersten Referat konzentrierte er sich auf die weltweite Entwicklung, speziell auf Indien. An den beiden folgenden Mittwochabenden wird sich der Redner auf die Schweiz und das Limmattal beschränken.

«Die Stadt ist das Ballungszentrum für Bildung, für Arbeitsplätze und für Wohnungen», sagte Estermann. Er zeigte aber auf, dass die Entwicklung zu immer grösseren Städten je nach Erdteil ganz unterschiedlich verlief.

«Während die Stadtentwicklung in Europa Schritt für Schritt vorangetrieben wurde, explodierten die Städte im 20. Jahrhundert in Asien und Südamerika», erläuterte Estermann. Mumbai beispielsweise sei in den letzten 100 Jahren um 1979 Prozent gewachsen.

Im Jahr 1901 hätten 812'000 Einwohner in der indischen Stadt gelebt, heute seien es 12,5 Millionen. «Dies hatte zur Folge, dass die Gebiete ohne Stadtplanung wuchsen. Gebäude wurden ohne Baubewilligung erstellt, einfach weil die Menschen Platz brauchten», erklärte Estermann. Oft gebe es keine Agglomeration, die Städte würden ins uferlose wachsen.

Schlechtes Beispiel Atlanta

Hier beginnen aber die Probleme. «Da in den Städten die meisten Menschen leben, sind sie auch eine grosse Umweltbelastung», folgerte Estermann. Doch es gebe gute und schlechte Beispiele. Barcelona sei eine gute Variante.

«Die Stadt ist dicht gebaut, viele Wege können zu Fuss zurückgelegt werden, und die meisten Bewohner wohnen nah am Stadtzentrum», so Estermann. Ein schlechtes Beispiel sei hingegen die amerikanische Metropole Atlanta. «Dort wohnen viele Menschen in den angrenzenden Agglomerationen, legen pro Tag weite Strecken mit dem Auto zurück und haben grosse Häuser mit viel Stromverbrauch», erklärte er.

Estermann plädiert daher dafür, die Städte mehr auf erneuerbare Energien auszurichten, da der Energieverbrauch, wie er jetzt sei, nicht mehr lange ohne Folgen bleibe. «Auch wir, die in komfortablen Situationen leben, sind bedroht.»

Doch auch auf dem Land bleibt die Verstädterung nicht ohne Folgen für die Umwelt. Durch die Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert mit ihrer neuen Technologien und Transportwegen seien den ländlichen Gemeinden immer mehr die Lebensgrundlage entzogen worden, so Estermann.

«Heute finden sie kaum mehr jemanden, der in ein abgelegenes Dorf ziehen will», sagte Estermann. Je abgelegener man wohne, desto grösser sei nämlich auch der ökologische Fussabdruck des Einzelnen. Auf dem Land lebten die Menschen auf mehr Quadratmetern, hätten mehr Umschwung und benutzten das Auto öfters und für längere Strecken.