Bereits in der Tiefgarage wird klar: Das ist kein normaler Donnerstag. Eine Einfahrt ist bereits gesperrt, bei der anderen steht mit grün leuchtenden Ziffern, dass noch für 30 Autos Platz ist.

Die Blechkarawane kommt zum Halten. Jemand probiert einige Male vergeblich einzuparken. Es dauert, doch die meisten haben Zeit, Ferienzeit halt. Langsam löst sich die Karawane auf. Die Autos finden die letzten freien Lücken der insgesamt 4200 Parkplätze im Shoppi Tivoli in Spreitenbach.

Das Epizentrum des Geschehens

Per Lift geht es direkt ins Epizentrum des Geschehens: in die Mall. Dort wird man von einer Menschenmasse begrüsst, die wie von unsichtbarer Hand getrieben in verschiedene Richtung geht, nein, eilt. Keiner will sein Schnäppchen verpassen. Es ist, als wollten die Leute sich nun das allerletzte verbliebene Luxus-Bedürfnis, das an Weihnachten nicht gestillt wurde, gönnen.

Sie scheinen den roten Schildern zu glauben, die ihnen versprechen, dass sie, wenn sie heute einkaufen, nicht Geld verlieren, sondern quasi sparen. Trotz hastigen Schritten und vollen Einkaufslisten sind die meisten so freundlich, dass sie ein kurzes «Sorry» von sich geben, wenn sie jemanden anrempeln.

Amra Duraki ist mit ihren zwei Freundinnen unterwegs. Sie haben Schminke gekauft. «Wir waren jetzt zwei Tage zu Hause und mussten nun unbedingt wieder raus», sagt sie. Die beiden anderen jungen Frauen geben ihr recht. Zielstrebig gehen sie zum nächsten Laden.

Eine stark geschminkte Frau verlässt ein Kleidergeschäft und geht auf ihren wartenden Vater zu. Dieser schaut sie fragend an, sie schüttelt frustriert den Kopf. Anscheinend wurde sie nicht fündig. Jedenfalls nicht bei allen Wünschen. Aber die Tasche an ihrem Arm erzählt von vorangegangenen Einkaufserfolgen.

Die meisten sind in Gruppen da. Eltern ziehen ihre Kinder über das dunkelbraune Parkett, Teenager blicken sich mit suchenden Augen nach Gleichaltrigen um, Mütter haken sich bei ihren Töchtern ein und betreten gemeinsam mit ihnen die Kleidergeschäfte. In diesen prangen grosse rote Schilder, die den Kauflustigen verkünden, dass es Zeit ist, zuzuschlagen.

In den Kleidergeschäften geht es hoch zu und her. Vor den weissen Ausstellflächen stehen Verkäuferinnen, die die Knäuel aus roten, grauen und blauen Hosen sortieren. «Wir haben dreimal so viele Verkäuferinnen heute wie an einem normalen Werktag», sagt Kubra Jildiz, Managerin von Zara. «Die Leute sind beinahe noch nervöser als in der Vorweihnachtszeit», sagt sie.

Auch die Verkäuferinnen vom H&M erklären, heute habe es speziell viele Leute. Eine Mutter schiebt ihren Wagen vorbei: Das Kind im Einkaufswagen schaut sich ein Video aus dem Film «Cars» an, während die Mutter Pullover, Jacke und Blusen in den geräumigen Wagen wirft. Sie bespricht sich mit einer anderen Mutter, die ebenfalls einen Wagen mit Kind und Kleid vor sich herschiebt. «Es sind wohl mehr Leute als sonst da, doch es könnten noch mehr sein», so Jildiz. Richtig voll sei es erst, wenn man nicht mehr durchkomme.

Draussen auf dem Gang empfängt den Besucher wieder klimatisierte Luft, Stimmengewirr und Kindergeschrei. Dieses wird umso lauter, je näher man der Limmat Mall kommt. Dort befindet sich unter anderem das Spielwarengeschäft «Toys ‹R› Us».

Familie Richter hat ihr Spielzeug bereits umgetauscht. «Das Auto war zu klein, nun hat er ein Funkauto», sagt der Vater. Der blonde Junge an seiner Hand scheint nun zufrieden zu sein.

Ganz anders sieht es bei einem Jungen mit braunen Locken aus. Nachdem er sich vergeblich umgedreht hatte und eine Schnute gezogen hatte, wirft er sich vor
die Mutter hin. Nun zieht die «Ich-geh-schon-mal-Taktik» nicht mehr. Nach einigen Diskussionen verschwinden die beiden in der Menge.

Relax-Zone im zweiten Stock

Im zweiten Stock geht es währenddessen gemütlicher zu und her. Dort sitzen die erschöpften Schnäppchenjäger: Es sind Mamis, die sich einen grünen Drink gönnen und Kinder, die sich auf Pommes stürzen. Die Erschöpfung zeigt sich unterschiedlich: An einigen Tischen ist die Unterhaltung angeregt, andere wiederum starren einfach Löcher in die Luft oder streichen mässig interessiert über ihr Smartphone.

Einzig die Kinder scheinen eine unerschöpfliche Energie zu haben. Sie hüpfen nach einer kurzen Verschnaufpause vom Schoss der Eltern hoch, packen einen Bissen und beginnen zu erzählen.

Auch wenn es darum geht, die Restposten der Weihnachtskollektion loszuwerden, ist der Schlussverkauf auch gut für die Restaurants. «In erster Linie profitieren die Non-Food-Geschäfte. Allerdings profitieren wiederum auch Lebensmittelgeschäfte von der erhöhten Besucherfrequenz», sagt Kevin Zimmerli, Mediensprecher des Shoppingcenters.

Im letzten Jahr seien vom 27. bis 30. Dezember rund 100 000 Besucher gezählt worden. Damals hielt der Besucherstrom bis im Januar an. Heute gewähren viele Geschäfte bereits vor Weihnachten grosszügige Rabatte. Das führt dazu, dass die Last-Minute-Einkäufer zusätzlich belohnt werden.

Oasen der Ruhe

Was allen Stockwerken des Shoppi Tivoli gemein ist, sind die Bänke. Auf diesen ist kaum mehr Platz, egal auf welcher Etage. Ein Vater wartet mit seinen Söhnen, die es sich am Boden gemütlich machen. Ein anderer versucht, sich die Zeit mit seinen Töchtern vor dem Spielwarengeschäft totzuschlagen. Sie warten, bis die Mutter die defekte Spielzeug-Kaffeemaschine umgetauscht hat.

Neben ihnen schlendern die Stammgäste über das Parkett. «Wir kamen eigentlich nur, um ein Getränk zu kaufen. Jetzt hängen wir noch ein wenig», sagt Feres Bouallegui. Er kommt beinahe jede Woche hierher. Der Teenager hält ein Red Bull in seiner Rechten. Langsam dreht er sich zu seinem Freund um. Dieser trägt ebenfalls einen Trainingsanzug und hat eine Cola-Flasche zwischen Zeige- und Mittelfinger eingeklemmt. Es habe für seinen Geschmack schon ein wenig zu viel Leute, sagt Feres. Doch jetzt schon nach Hause zu gehen, sei keine Option. Die beiden steuern den nächsten Laden an.

Gegen Feierabend bildet sich eine Schlange am Lift, das Parkhaus ist immer noch voll, doch auch die Einkaufswagen haben sich gefüllt. Es ist Zeit, den Inhalt in die Autos zu füllen, sich in die Blechkarawane einzureihen und den Heimweg anzutreten.