Flüchtlinge
«Auch eine Chance fürs Quartier»: Zwei neue Asylunterkünfte für Dietikon

Die Stadt Dietikon stösst mit der Unterbringung von Asylsuchenden an ihre Grenzen. Nun muss die Asylunterkunft an der Zürcherstrasse noch dem geplanten Ausbau der Schönenwerdkreuzung weichen. Zwei neue Unterkünfte sollen die Situation längerfristig entspannen.

Sophie Rüesch
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David Egger

Die Stadt Dietikon hat eine langfristige Lösung für ihre Platzprobleme bei der Unterbringung von Asylsuchenden gefunden. Gestern gab sie bekannt, dass im nächsten Jahr zwei neue Unterkünfte gebaut werden, eine neben der Schule Luberzen, auf einem Spickel Land zwischen der viel befahrenen Bernstrasse und der Autobahn, und eine provisorische an der Urdorferstrasse, direkt hinter der katholischen Kirche St. Josef.

Anfang letztes Jahr, als der Kanton die Unterbringungsquote für die Gemeinden von 5 auf 7 Asylsuchende pro 1000 Einwohner erhöht hatte, bekundete die Stadt Mühe, auf die Schnelle genug Platz zu finden – rund 40 Asylbewerber musste sie deshalb für einige Monate in der Zivilschutzanlage beim Ruggacher unterbringen, bevor sie gegen Ende Jahr einen befristeten oberirdischen Ersatz fand.

Alte Unterkunft wird abgerissen

Verschärft wurde das Platzproblem durch die Platzansprüche des Kantons, die eine Schliessung der bestehenden Asylunterkunft an der Schönenwerdkreuzung bedingen, einem heruntergekommenen Mehrfamilienhaus an der Zürcherstrasse.

Dieses muss den flankierenden Massnahmen für die Limmattalbahn weichen: Da der Durchgangsverkehr künftig auf die Bern- und Überlandstrasse verlagert werden soll, muss die Schönenwerdkreuzung ausgebaut werden. Diesen Plänen steht die Unterkunft im Weg.

Die Stadt hatte sich betreffend einer Abgabe des benötigten Landes stets offen gezeigt, profitiert doch auch sie davon, wenn durch den Strassenausbau die Zürcherstrasse und das Zentrum entlastet werden. Unklar war jedoch bis gestern, zu welchen Konditionen sie dem Kanton das Land abtritt.

Nun ist klar: Der Kanton zahlt der Stadt knapp 690 000 Franken für Gebäude und Land, übernimmt die Abbruchkosten, und tritt ihr zudem seinerseits kostenlos eine Landparzelle im Gebiet Schönenwerd ab. Dort, direkt hinter dem Standort der heutigen Unterkunft, soll die provisorische Anlage von der Urdorferstrasse später hinverlegt werden. Wann dies der Fall sein wird, ist zurzeit noch unklar. Die Verhandlungen mit Kanton, SBB und der ebenfalls im Gebiet ansässigen Genossenschaft Eigengrund laufen laut Hochbauvorsteherin Esther Tonini (SP) aber bereits an.

Beide neuen Unterkünfte sind als dreistöckige Modulbauten «mit zweckmässigem Innenausbau» vorgesehen und sollen Platz für 40 bis höchstens 60 Personen bieten. Jene in der Luberzen plant und baut der Kanton. Die Stadt zahlt ihm dafür die effektiv entstandenen Baukosten, die auf voraussichtlich 2,56 Millionen Franken veranschlagt werden. Die Unterkunft soll im nächsten Frühling bezogen werden können; gleich darauf wird die alte abgerissen.

Treffpunkt fürs Quartier

Der Bau der provisorischen Unterkunft an der Urdorferstrasse, die im Spätsommer 2018 bezugsbereit sein soll, kostet die Stadt rund 1,65 Millionen Franken. Darin enthalten sind auch Kosten für einen Gemeinschaftsbau, in dem Küche und Waschküche untergebracht sind. Er soll aber auch als Treffpunkt für die Unterkunfts-Bewohner, ihre Nachbarn im Quartier und die Pächter der Schrebergärten direkt nebenan dienen. Zwei der vier städtischen Schrebergärten müssen dem provisorischen Bau weichen. Laut Tonini könne man den beiden Pächtern aber einen Ersatz bieten, voraussichtlich sogar ganz in der Nähe, in der Vogelau.

Geplante Asylunterkünfte in Dietikon Hier sollen die neuen Unterkünfte entstehen. Oben rechts im Bild die Schönenwerdkreuzung, wo die alte Unterkunft zuerst abgebrochen und später eine neue, definitive angesiedelt wird.

Geplante Asylunterkünfte in Dietikon Hier sollen die neuen Unterkünfte entstehen. Oben rechts im Bild die Schönenwerdkreuzung, wo die alte Unterkunft zuerst abgebrochen und später eine neue, definitive angesiedelt wird.

David Egger

Von den knapp 200 Asylsuchenden, die in Dietikon leben, haben rund 50 zurzeit keine definitiven Plätze. Sie wohnen in Gebäuden, die über das ganze Stadtgebiet verteilt sind und die nur zeitlich befristet zur Verfügung stehen. Sie werden ab Spätsommer 2018 in der Unterkunft an der Urdorferstrasse wohnen.

Die 30 bis 40 Personen, die an der Schönenwerdkreuzung lebten, zügeln in die Unterkunft zwischen Bernstrasse und Autobahn. Die weiteren rund 80 Asylsuchenden, die in kleineren Liegenschaften auf dem ganzen Stadtgebiet wohnen, sind von der Rochade nicht betroffen, da deren Wohnungen nicht befristet sind.

Keine Abstimmung nötig

Die Kosten hat der Stadtrat in eigener Kompetenz gesprochen. Eine Behandlung im Gemeinderat oder eine Volksabstimmung seien nicht nötig, da die Investitionen durch Vorgaben übergeordneten Rechts und auf Grund fehlender Entscheidungsspielräume der Stadt als gebunden zu betrachten seien, wie Sozialvorsteher Roger Bachmann (SVP) erklärt – diese Lesart unterstütze auch der Kommentar zum Gemeindegesetz.

So könnten die Pläne höchstens noch Einsprachen der Anwohner durchkreuzen. Ganz unwahrscheinlich ist dies allerdings nicht. An einer Informationsveranstaltung für die Anwohner im Schulhaus Luberzen am Donnerstag sei teils «schon ziemlich massiver Widerstand» zu spüren gewesen, sagt Bachmann.

Unbegründete Ängste

Er hofft, dass sich die geäusserten Ängste als unbegründet herausstellen werden. Das Klischee der herumhängenden Asylbewerber sei mittlerweile ohnehin überholt, da die Stadt im Zuge der Verfahrensbeschleunigung fast keine Menschen mehr zugeteilt bekommt, die noch auf einen Entscheid warten und in dieser Zeit keiner Beschäftigung nachgehen können. Die anderen, jene mit Bleibeperspektive, hätten neben den diversen Integrations- und Beschäftigungsprogrammen gar keine Zeit, um den ganzen Tag herumzusitzen.

Vor allem unter den Anrainern der an der Urdorferstrasse geplanten Unterkunft habe es ausserdem auch mehrere Stimmen gegeben, die ihre Nachbarn anhielten, die Pläne der Stadt auch als Chance zu sehen. «Sie fanden, eine Asylunterkunft könne auch eine Bereicherung für ein Quartier sein.» Das sei auch die Meinung der Stadt. Ihr schwebt vor, dass im Gemeinschaftsbau dereinst ein Café von Asylsuchenden betrieben werden könnte.