Dietikon/Birmensdorf

Auch dank Fettnäpfchen lernte Michael Büchi, andere Kulturen zu verstehen

Integration sei keine Einbahnstrasse und könne für beide Seiten horizonterweiternd sein, sagt Michael Büchi. Bild: Severin Bigler

Integration sei keine Einbahnstrasse und könne für beide Seiten horizonterweiternd sein, sagt Michael Büchi. Bild: Severin Bigler

Seit zehn Jahren ist der Birmensdorfer Michael Büchi als interkultureller Berater am Dietiker Kirchplatz tätig. Nun wurde er zum Honorarkonsul von Guinea-Bissau ernannt.

Für den Austausch mit fremden Kulturen hilft Theorie nur bedingt: «Auch weil ich häufig in Fettnäpfchen getreten bin, habe ich viel gelernt», erzählt Michael Büchi. Am Kirchplatz in Dietikon führt er seit knapp zehn Jahren sein Büro Büchi Intercultural Counsels. Wie der Name verrät, gibt er sein Wissen über den Austausch zwischen verschiedenen Kulturen als Berater weiter. Dieses hat er sich in den vergangenen 20 Jahren beruflich und privat angeeignet.


Bei seiner Arbeit geht es etwa darum, Verhandlungen mit anderen Kulturen oder längere Arbeitsaufenthalte im Ausland vorzubereiten, multikulturelle Teams zu führen oder interkulturelle Konflikte zu lösen. «Meine Kunden kommen aus ganz Europa», sagt der Birmensdorfer. Teilweise seien geschilderte Probleme nur Ersatzkonflikte und bei genauerem Hinsehen offenbare sich unter der Oberfläche viel mehr. «Je komplexer der Fall, desto spannender finde ich es.»

Er berät auch interkulturelle Ehepaare

Grösstenteils geht es um geschäftliche Beziehungen, aber Büchi hat auch schon interkulturelle Ehepaare beraten. Dabei kann er auch auf seine eigene Erfahrung zurückgreifen. Seit knapp zwei Jahrzehnten ist er verheiratet mit einer Malaysierin chinesischer Herkunft. Die beiden lernten sich kennen, nachdem sie zum Studieren in die Schweiz gekommen war. Sie hätten viel voneinander gelernt und seien gemeinsam gewachsen, sagt Büchi. «Menschen haben den Reflex, sich bei Konflikten in das Schneckenhaus der eigenen Kultur zurückzuziehen.» Aber trotz des langjährigen «interkulturellen Trainingslagers» komme es auch ab und zu zu Missverständnissen.


Zehn Jahre arbeitete Büchi im Staatssekretariat für Migration, unter anderem als stellvertretender Sektionschef Afrika. In der Zeit habe er beruflich rund 15 afrikanische Länder bereist. «Ich war praktisch alle fünf Wochen in Afrika unterwegs», sagt er. Zudem verbrachte er vier Jahre in der angolanischen Hauptstadt Luanda als Migrationsattaché. Seine internationale Karriere sei eher zufällig entstanden, sagt er. Als er für die Fremdenpolizei des Kantons Zürich arbeitete, wurde er vom Staatssekretariat dank seiner Französisch- und Englischkenntnisse angefragt.

«Kultur ist die Software des Menschen»


Im Austausch mit Vertretern afrikanischer Länder sei er über die Zeit generell viel ruhiger und geduldiger geworden. Interkulturelle Geschäftsbeziehungen würden häufig schiefgehen, da viele Menschen davon ausgingen, dass ihr Gegenüber so denkt und tickt wie sie selbst. «Kultur ist die Software des Menschen und wir priorisieren je nach Herkunft unterschiedliche Werte. Deshalb gibt es im Austausch häufig kein Richtig oder Falsch, sondern nur ein Anders», sagt er.

Das fange nur schon beim Verständnis von Pünktlichkeit an, sagt er und lacht. Und während Schweizer eher faktenorientiert seien, spiele die menschliche Beziehung auch im Geschäftlichen in vielen afrikanischen Ländern eine wichtige Rolle: «Wenn man etwas will, muss man zuerst eine Beziehung aufbauen», erklärt Büchi. Deshalb habe er gelernt, im Kopf den Kontext wechseln zu können, je nachdem mit welchen Kulturen er gerade im Austausch steht.


Zum Honorarkonsul von Guinea-Bissau ernannt


Vor zehn Jahren habe er dann einen Tapetenwechsel gebraucht, sagt der 50-Jährige. «Ich bin ein kreativ denkender Mensch.» Obwohl auch auf der Bundesverwaltung immer wieder neue Ideen gefragt seien, arbeite man in einem gewissen Korsett. Er absolvierte ein Weiterbildungsstudium in Mediation, Konfliktmanagement, Coaching und Supervision und machte sich als interkultureller Berater selbstständig.

In Dietikon fand er sein künftiges Büro. Inzwischen doziert er auch selbst an mehreren Fachhochschulen. Bald ist die Adresse am Kirchplatz auch für die in der Schweiz lebenden Staatsbürger von Guinea-Bissau von besonderem Interesse. Denn Büchi wurde vom westafrikanischen Land zum Honorarkonsul ernannt und in seinem Büro entsteht das Konsulat. Die grundlegenden Fragen konnten in den letzten Jahren geklärt werden und die Umsetzung stehe kurz vor Abschluss. Wegen Corona und der instabilen Situation in Guinea-Bissau sei noch nicht sicher, wann das Honorarkonsulat offiziell eröffnet werden könne.

Dietikon als passender Ort für das Beraterbüro


Während seiner Zeit bei der Bundesverwaltung war Büchi beruflich mehrmals in Guinea-Bissau. Aber als er plötzlich die Vorwahl auf seinem Telefon sah und der Staatssekretär ihn dann für das Amt anfragte, habe er zunächst schon leer geschluckt. «Jetzt poliere ich mein Portugiesisch auf, das ich in Luanda gelernt habe.» Als Honorarkonsul erfülle er nicht wie Botschafter eine politische Funktion. Es gehe um den konsularischen Schutz der Staatsbürger, die in der Schweiz leben, und um gemeinsame Wirtschaftsförderung. «Wenn das Land wieder zur Ruhe kommt, könnten wir auch ein Tourismusprojekt starten», sagt Büchi.


Für sein interkulturelles Beraterbüro hätte er sich kaum einen passenderen Ort aussuchen können als die Stadt Dietikon mit ihren rund 46 Prozent Ausländern. Die Multikulturalität sieht er nicht als Problem, sondern als Chance. Natürlich herrsche in Dietikon richtigerweise eine Schweizer Leitkultur und unser Gesetz sei nicht verhandelbar. «Aber Integration ist keine Einbahnstrasse» und könne für beide Seiten horizonterweiternd sein, weil unterschiedliche Kulturen verschiedene Lösungsansätze verfolgen. Das zeige sich auch in der Wirtschaft. Multikulturelle Teams seien in der Führung zwar aufwendiger, aber würden Fragestellungen oft kreativer und vielfältiger bearbeiten.

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