Dietikon
Artistin und Musiker feilen in Dietikon an ihren neuen Glas-Nummern

Eigentlich tanzt Jeanine Ebnöther mit Bällen, Caleb Trott ist ausgebildeter Saxofonist. Jetzt haben sie ihre Utensilien eingetauscht – gegen Glas. Mal aus der Altglassammlung, mal aus der Brockenstube.

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Glas-Artisten Dietikon
9 Bilder
Mit den Flaschen wird nicht nur getanzt, sondern auch Theater gespielt
Sogar ein Kopfstand lässt sich auf den Flaschenhälsen machen
Jeanine Ebnöther und Caleb Trott proben in Dietikon an den neuen Nummern
Jeanine Ebnöther tanzt auf den Champagner-Flaschen
Die Flaschen tragen Ebnöther problemlos
Jeanine Ebnöther im Bühnenoutfit
Gleich scherbelt es, denkt man
Auf Glas wird nicht nur getanzt, sondern auch damit Musik gemacht

Glas-Artisten Dietikon

Limmattaler Zeitung

Scheinbar achtlos hingeräumt stehen sie da; Dutzende Champagnerflaschen, vom Edeltropfen bis zum Billigfusel, alle leer. Eine nach der anderen stellt Jeanine Ebnöther sie in eine Reihe, sorgsam auf den richtigen Abstand bedacht. Mal tauscht sie zwei aus.

Dann wippt sie mit dem Oberkörper, springt, reckt sich, schüttelt die Beine, dehnt den Hals, links, rechts - und steigt auf die erste Flasche. Mit ausgestreckten Armen, Schritt für Schritt wandelt sie über die Flaschenhälse, stützt sich mit den Händen auf den Hälsen auf, streckt die Beine pfeifengerade in die Luft. Das Glas trägt mühelos, kein Knirschen, kein Splittern. Im Hintergrund klopft Caleb Trott mit einem Xylofonschläger auf umgedrehte Weingläser; es soll nicht nur auf Glas getanzt, sondern auch darauf Musik gemacht werden.

Artistik im Garten

Jeanine Ebnöther und Caleb Trott sind die Köpfe hinter dem Duo Aromatic Company aus Zürich. Vor vier Jahren haben sie sich an einem Zirkusfestival in Tasmanien kennen und lieben gelernt, seit 2010 ziehen sie mit ihrer Show «19 reasons» durch die Länder, treten an Strassenkunstfestivals, an Vernissagen und in Varietés auf. Australier Trott ist Saxofonist, hat in Melbourne Musikimprovisation studiert und auf verschiedenen Tourneen Konzerterfahrung gesammelt.

Jeanine Ebnöther stammt aus Dietikon und hat bereits als Kind ihre artistischen Fähigkeiten im heimischen Garten getestet. Als sie mit zehn Jahren ein Einrad geschenkt bekam, trat sie damit im Quartierzirkus und in der Freizeitanlage Chrüzacher auf. 2001 geht die Neunzehnjährige nach Brüssel, besucht da vier Jahre lang die Zirkusschule Ecole Supérieur des Arts du Cirque. 2005 macht sie das Diplom in Kontaktjonglage und Objektmanipulation. Sie tourt mit Nummern in Jonglage, Tanz und Akrobatik durch Europa, Indien und Australien.

Immer mit einem Alltagsgegenstand

Seit Anfang April arbeiten Ebnöther und Trott intensiv an ihren neuen Nummern mit dem Arbeitstitel «The Glas-Show». Erst drei Wochen in Wien, jetzt in der Kapelle des ehemaligen St. Josephsheims in Dietikon. Für die neuen Nummern sollen ihre gewohnten Arbeitsgeräte, Saxofon und Ball, im Koffer bleiben, diesmal soll Glas die Hauptrolle spielen. «Wir wollten mit einem Alltagsgegenstand arbeiten», sagt Ebnöther.

Die Idee dazu hat sie vor einem Jahr auf der Strasse gefunden: Da hat sie jemanden über Flaschen laufen sehen. Seither spukt die Idee einer Glas-Nummer in den Köpfen der beiden Künstler herum, Glas fasziniert die beiden, die Gegensätze des Materials. «Glas ist durchsichtig, zerbrechlich, flüssig - und gleichzeitig unglaublich hart und stabil.» Die Flaschen hat sie nach einer Schaumweindegustation einer Weinhandlung abgestaubt, die Gläser für das Xylofon stammen aus verschiedenen Brockenstuben rund um Zürich.

Ungewöhnliche Gläser

«Ich bin Stammgast in den Brockis», sagt Trott und lacht. Mal braucht er Gläser in ungewöhnlicher Form, um unterschiedliche Töne erzeugen zu können, mal braucht er Ersatz für zerscherbelte Gläser. Und prompt: Während der Proben rutscht ein Champagnerglas vom Metalltisch und zerspringt auf dem Teppich in kleinste Scherben. «Im Grunde genommen ist nicht das Glas, sondern der Staubsauger unser wichtigstes Arbeitsgerät», ächzt Ebnöther und klaubt die gröbsten Scherben von Hand zusammen.
Bis die beiden mit ihren neuen Nummern auf der Bühne stehen werden, wird es noch eine Weile dauern.

Die Arbeit ist hart, wo sich die Ideen und Vorstellungen hin entwickeln werden, ist noch nicht absehbar. «Ein Jahr dauert es mindestens, das ist normal», sagt Ebnöther und spielt ganz nebenbei mit ihrem normalen Arbeitsgerät, dem Kontaktball. Scheinbar ohne ihn richtig zu beachten, lässt sie den Gummiball von der Hand über Arm und Brust kullern, und als er fällt, fängt sie ihn mit hochgezogenen Zehen auf dem Rist auf. Das blinde Gespür, das sie für den Ball hat, muss sie auch für die Flaschen entwickeln.

«Ich muss erst lernen, mühelos auf den Flaschen zu laufen, bevor ich mit und auf ihnen spielen kann», sagt sie. Alleine die Angst abzubauen, auf die Flaschenhälse draufzustehen, habe gedauert. «Man fällt unglaublich schnell. Du merkst kaum, dass etwas nicht stimmt, und schon liegst du auf dem Rücken.» Ernsthaft verletzt habe sie sich aber noch nie, blaue Flecken und Druckstellen hingegen sind an der Tagesordnung. Ebnöther trägt bei den Proben Handschuhe, um den gröbsten Schmerz hinauszuzögern. «Obwohl, ein bisschen Schmerz gehört zum Artistenleben dazu», sagt sie und lacht. Das habe auch ein Dozent an der Zirkusschule immer wieder gesagt: «Le cirque, ça fait mal.»