Abt Urban, vor einem Jahr, kurz nach Ihrer Wahl, haben Sie gesagt, dass Sie einen Teil der Schwesterngemeinschaft im Kloster Fahr bereits kennen. Haben Sie mittlerweile alle Schwestern kennen gelernt?

Abt Urban Federer: Ja, das ist erfolgt. Ich feiere jede Woche einen Gottesdienst zusammen mit den Schwestern. Allerdings hat man an einem Gottesdienst nicht grossen Kontakt untereinander. Man sieht sich zwar, spricht aber wenig miteinander. Deshalb schaue ich, dass ich hin und wieder an einer Rekreation, einem Zusammensein am Abend, teilnehmen kann, um mich mit den Schwestern auszutauschen. Inzwischen habe ich auch einen Teil des Umfeldes kennen gelernt: Personen aus dem Verein Pro Kloster Fahr und Behördenmitglieder der umliegenden Gemeinden.

Welchen Eindruck haben Sie von der Gemeinschaft im Fahr?

Ich bin sehr erstaunt, wie stark die Schwestern in der Region verankert sind. Ich nehme sie als sehr offen wahr.

Wie äussert sich das?

Das zeigt sich an kleinen Dingen. Viele Leute kommen beispielsweise wegen der Kleintiere ins Kloster Fahr. Wenn die Schwestern die Tiere füttern oder den Stall reinigen, ergeben sich immer wieder schöne Gespräche mit den Besuchern.

Was bedeutet Ihnen das Kloster Fahr?

Als Stadtzürcher war das Kloster Fahr in meiner Kindheit ein Ausflugsziel. Spätestens nach meiner Priesterweihe entstand dann eine neue Art der Verbundenheit. Ich liess eine Albe, also ein Gewand, im Kloster Fahr anfertigen. Nun, als Abt, habe ich mein eigenes Zimmer im Fahr.

Das Fahr ist immer noch ein beliebtes Ausflugsziel. Was vermittelt ein Kloster seiner Umgebung?

Im Limmattal stellt das Kloster Fahr eine Oase dar. Die Besucher können dort runterfahren und wieder auftanken. In der Kirche kann man Ruhe tanken oder an einem Gottesdienst teilnehmen. Man kann aber auch Kultur tanken, beispielsweise an den verschiedenen Konzerten, die im Fahr stattfinden. Auch kulinarisch oder ganz einfach mit der Natur hat das Kloster viel zu bieten. Es mag abgedroschen klingen, aber im Fahr kann man sich ganzheitlich erholen. Das tut den Menschen gut.

Ein grosses Thema ist derzeit die Sanierung der Klosteranlage. Diesen September mussten die Schwestern in die ehemalige Bäuerinnenschule umziehen. Wie nehmen Sie diese Veränderungen wahr?

Wenn die Schwestern nicht so gut verankert wären, hätte ein solcher Umzug gar nicht durchgeführt werden können. Mich erstaunt neben all dem finanziellen Goodwill, wie viele Menschen sich für die Schwestern einsetzen. Für den Umzug musste das gesamte Kloster geleert werden. Nach all den Jahrhunderten waren die Keller und Estriche voll. Alleine hätten die Schwestern den Umzug nicht bewerkstelligen können. Viele Freiwillige haben mitgeholfen. Das war ein tolles Gemeinschaftswerk.

Wie sind Sie mit dem Fortschritt der Sanierungsarbeiten zufrieden?

Sie sind sehr gut angelaufen. Wir können uns aber nicht ausruhen. Die Anlage ist alt. Macht man ein Loch auf, kommen viele weitere dazu. Das müssen wir genau im Auge behalten. Bei den bereits durchgeführten Restaurationen, etwa in der Propstei, hat man einen guten Mix gefunden.

Was verstehen Sie unter einem guten Mix?

Die Arbeiten sind sehr schön geworden. Der alte Boden steht noch, an den Decken wurden wunderbare Malereien freigelegt. Und das ohne, dass das Gebäude dadurch vergoldet wurde.

Eine weitere Veränderung betrifft die Schwesterngemeinschaft: Sie wird immer älter. Das bereitet der Priorin bisweilen Sorgen. Was kann unternommen werden, dass es mit der Gemeinschaft weitergeht?

Jüngere Leute herbeizaubern geht nicht. Neben dem religiösen Aspekt zeigt sich hier ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Bis hinunter in die Vereine findet man immer weniger Leute, die sich binden wollen. Gerade eine Klostergemeinschaft, die auf einer lebenslangen Verbindlichkeit beruht, hat diesbezüglich ein Problem. Im Kloster Fahr gibt es viele Frauen, gerade aus dem Freundeskreis, die in irgendeiner Form mitleben. Das kann man versuchen, zu fördern. Wir hoffen natürlich, dass wieder junge Frauen den Weg in die Gemeinschaft finden. Der Umzug zeigt, wohin der Weg führen könnte.

Können Sie das erläutern?

Ich habe mit verschiedenen Leuten gesprochen und mich für ihre Hilfe bedankt. Oft hörte ich dann, dass sie sich bedanken müssten, weil ihnen das Kloster Fahr so viel zurückgebe. Es ist also ein Geben und Nehmen. Hier muss man die Schwestern unterstützen.

Nicht nur im Kloster Fahr, auch bei Ihnen hat sich in diesem Jahr einiges verändert. Was ist die markanteste Veränderung?

Ich bin nun für die Aussenwahrnehmung des Klosters verantwortlich. Ich war zwar schon zuvor als Stellvertreter des Abts in der Klosterleitung, arbeitete aber vorwiegend im Hintergrund. Plötzlich erkennen mich die Leute und bitten mich um meine Meinung. Ich habe die Letztverantwortung inne. Das macht die Aufgabe spannend. Es bedarf jedoch guter Mitarbeiter, wie etwa der Priorin im Kloster Fahr. Ich muss nicht von allem eine Ahnung haben. Es müssen aber die richtigen Leute an den richtigen Orten eingesetzt werden.

Als Sie Ihr Amt antraten, sagten Sie, dass es Ihnen wichtig sei, weiter am Gymnasium zu unterrichten. Gelingt Ihnen das?

Ich bin fleissig am Unterrichten. Ich muss mich aber sehr gut organisieren.

Der Kontakt zu den jungen Leuten ist Ihnen wichtig?

Das ist so. Ich habe mein Pensum am Gymnasium reduziert. Aber in einem Masse, dass ich weiterhin mit den jungen Menschen in Kontakt bleiben kann.

Auf was freuen Sie sich im kommenden Jahr besonders?

Ich gehe generell gerne in die Zukunft. Ich bin kein Mensch, der denkt, früher sei alles besser gewesen. Ich finde es spannend, mich den Herausforderungen zu stellen. Wie gehen wir, mit dem, was wir haben, was wir können in die Zukunft. Das sind Fragen, die ich mir stelle und die ich immer wieder im Gespräch mit meinen Mitbrüdern erörtere. Diese Herausforderungen gehe ich gerne gemeinsam mit anderen Menschen an.

Sie blicken optimistisch in die Zukunft?

Hoffnungsvoll. Optimismus hat für mich den Beigeschmack, dass alles gut kommen muss. Das kann mir niemand versprechen. Ich habe Hoffnung, dass das alles einen Sinn hat.