Lebensader Limmat
Artensterben: Diese Tiere im Limmattal brauchen unseren Schutz

Auch wenn es ein weltweites Phänomen ist: Der Kampf gegen das Artensterben fängt vor der eigenen Haustür an. Unsere Gegend kann mit aussergewöhnlichen Tieren aufwarten. In unserem Kartenstapel stellen wir Ihnen die besondersten Arten vor.

Gabriele Heigl
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Forstingenieur Tobias Liechti kennt wie nur wenige die Tierwelt in der Region.
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Forstingenieur Tobias Liechti kennt wie nur wenige die Tierwelt in der Region.
Bedrohte Tierarten Limmattal 1
Die Limmat ist nicht nur ein traumhaftes Erholungsgebiet für die Menschen, sondern auch der Lebensraum vieler aussergewöhnlicher Tierarten.

Forstingenieur Tobias Liechti kennt wie nur wenige die Tierwelt in der Region.

Zur Verfügung gestellt

Alle abgebildeten Arten haben sich leider rar gemacht im Limmattal. Aber man kann sie noch entdecken. Manche sind schweizweit einzigartig geworden. Ein erster Schritt zu ihrem Schutz ist, sich mit ihnen zu befassen. Wo kommen sie vor, was brauchen sie, was fehlt ihnen anderswo, was kann ich zu ihrem Schutz tun?

Zum Glück gibt es keine Motorboote auf der Limmat, denn sonst wäre sie schon lange aus der Region verschwunden: die Kleine Zangenlibelle. In der Stunde, in der ihre Larven schlüpfen, kann sie hohe Wellen nicht gebrauchen. Nicht nur diese Art, die anderswo gefährdet ist, findet man entlang und in der Limmat noch. Im Gespräch mit Tobias Liechti, Forstingenieur und lokaler Betreuer der überkommunalen Naturschutzgebiete im Kanton Zürich, dreht es sich immer wieder um den besonderen Lebensraum Limmat. So finden sich etwa zwei Wasserbewohner in ihr und ihren Nebengewässern, die schweizweit einzigartig sind.

Was ist beim Artenschutz zu tun?

- Arten statt Pokémon sammeln
Um Erkenntnisse zu bedrohten Arten zu gewinnen, sind die Wissenschaftler auf Beobachtungen von Laien angewiesen. Entdeckte seltene Tiere kann man – am besten mit Foto – etwa dem «Schweizer Zentrum für die Kartographie der Fauna» (CSCF) oder der Vogelwarte Sempach übermitteln.

- Biberwatcher werden
Biberwatcher suchen entlang von Gewässern nach Biberspuren. Die so gewonnenen Daten ergeben ein Bild über dessen Verbreitung im Kanton Zürich und lassen Rückschlüsse auf die Biodiversität an Flüssen und Seen zu. Das nächste Bibermonitoring findet im Winter 2016/17 statt. Dafür werden noch Biberwatcher gesucht. Ein dreitägiger Ausbildungskurs gibt das nötige Rüstzeug. Der Kurs wird organisiert von Pro Natura Zürich, WWF Zürich, der Biberfachstelle des Kantons Zürich und der Fischerei- und Jagdverwaltung des Kantons Zürich. Der Kurs findet statt an drei Samstagen im November und Dezember und kostet 300 Franken. Nach erfolgtem Monitoring werden 150 Franken zurückerstattet. Infos unter Tel. 044 463 07 74 oder Mail an matthias.wuest@pronatura.ch.

- Ein Biotop pflegen
Werden Sie Mitglied in einem der Natur- und Vogelschutzvereine des Limmattals und helfen Sie mit, Naturschutzgebiete zu pflegen. Der Natur- und Vogelschutzverein Limmattal rechtes Ufer etwa pflegt seit mehreren Jahren das Regenrückhaltebecken am Limmattaler Kreuz im Weininger Feld. Zweimal im Jahr wird gemäht, werden Haufen aus Zweigen und Gras angelegt, damit sich Schlangen und Eidechsen einnisten können, wird angesammelter Unrat entfernt. Die Adressen der Vereine finden Sie unter www.birdlife.ch/sektionen.

- Im Garten nichts tun
Also die Hecke nicht schneiden, den Rasen nicht komplett abmähen, Brennnesseln nicht ausreissen, Laub nicht entfernen, Totholz nicht wegräumen. Auch an Böschungen sollte man Kleinstrukturen erhalten und Steine, Gras, und Geröll im Haufen liegen lassen. Für den Artenschutz ist es also sehr gut, wenn man im Garten öfter mal einfach alle Viere grade sein lässt. Stattdessen: ...

- ... mit Kindern auf Entdeckungstour gehen
Naturschutz fängt in der Jugend an. Wenn es gelingt, sie für den Naturschutz zu sensibilisieren, ist viel gewonnen. Also so oft wie möglich mit Kindern raus gehen, aber nicht auf sterile Spielplätze, sondern in die Natur und gemeinsam mit ihnen Entdeckungen machen. (GAH)

Der Steinkrebs im Weininger Dorfbach ist eine der letzten Populationen und so besonders, dass die Weininger Krebse als Genpool für Ansiedlungen verwendet werden. Auch eine spezielle Nasen-Rasse, ein Fisch, gibt es praktisch nur in der Limmat. Man findet sie in der Limmat bei Schlieren, beim Kloster Fahr sowie an der Reppisch-Mündung. «Früher war sie so häufig, dass die Fische als Dünger auf die Felder geworfen wurden», so Liechti. Durch die Kraftwerke war die Vernetzung der Populationen nicht mehr gegeben. Jetzt ist die Art ein Sorgenkind der Naturschützer.

«Leider gibt es im Limmattal viele Sorgenkinder», sagt Christa Glauser, Präsidentin des Natur- und Vogelschutzvereins Dietikon und stellvertretende Geschäftsführerin Birdlife Schweiz. Darunter seien auch Arten, an die man zuerst gar nicht denke, wie etwa der Haussperling, den man in den neuen Quartieren schon nicht mehr finde. Noch schlimmer steht es um die Feldlerche. «Sie war vor 30 Jahren stark verbreitet. Jeder hat sich im Frühling an ihrem aufsteigenden Jubilieren erfreut. Nun ist sie im Limmattal verstummt», bedauert Glauser. Die letzten drei Jahre sei nur eine einzige Feldlerche im Limmattal gemeldet worden.

Insektenschutz, Vogelschutz

Die Gründe, warum das so ist, sind vielfältig: Intensivierung der Landwirtschaft, zu starke Düngung, Verwendung von Pestiziden. Eine der Folgen: Der Insektenbestand hat stark abgenommen. Schlecht für die Lerche, aber auch für die Mehlschwalbe, eine weitere stark gefährdete Art. Glauser: «Ihr fehlen auch die Nistplätze, und wo sie nistet, werden die Nester häufig abgeschlagen. Dabei würde die Montage eines einfachen Kotbretts die befürchtete Verschmutzung verhindern.» Und noch etwas fehlt, damit Mehlschwalben überleben können: Pfützen. Den Schlamm brauchen sie für den Nestbau. «Aber wo findet man heutzutage noch Pfützen?», so Glauser.

Sie begrüsst die vielen Hobby-Naturschützer, die mit selbst gebauten Insektenhotels helfen wollen. «Häufig sind diese allerdings zu wenig tief. Wildbienen, bei denen es viele gefährdete Arten gibt, brauchen etwa zehn Zentimeter tiefe Gänge und dahinter noch drei Zentimeter anstehendes Holz.» Und man sollte nicht ins Stirnholz bohren. Das gibt zu viele Risse, in die Feuchtigkeit eindringen kann. Besser: Ein berindetes Stück Holz seitlich anbohren. An die Grundeigentümer appelliert sie, mehr einheimische Bäume zu pflanzen, Blumenwiesen stehen zu lassen. «Das schönste Insektenhotel nützt nichts, wenn die schlüpfenden Bienen keinen Nektar finden.» Für Vielfalt in den Hausgärten plädiert auch Tobias Liechti: «Statt der Kirschlorbeerhecke lieber verschiedene Sträucher, die Blüten und Beeren tragen, pflanzen.» Stadtbewohner wie die Abendsegler, Turmdohlen, Mehlschwalben und Turmfalken kann man mit Nisthilfen unterstützen.

Einige kommen zurück

Es gibt allerdings auch Lichtblicke. Im Naturschutzgebiet Dietikon wurde eine Mittelspechtfamilie beobachtet, wie Christa Glauser berichtet. Und Tobias Liechti freut sich nicht nur über die gute Entwicklung beim Biber. Er glaubt sogar, dass bald wieder Lachse in der Limmat schwimmen. «Die internationale Zusammenarbeit, was Fischtreppen anbelangt, wird eines Tages von Erfolg gekrönt sein», ist er überzeugt.

Sind Sie ein guter Tierschützer? Testen Sie ihr Wissen über bedrohte Tierarten im Limmattal: