Armee
Armee-Seelsorger Zingg: «Wir sind eine Hingehkirche»

Christoph Zingg lehnte die Armee früher ab – heute dient er auf dem Waffenplatz Reppischtal freiwillig als Armeeseelsorger. Mit dem Sonntag spricht er über seine Zeit in der Armee und welche Ziele er jetzt verfolgt.

Florian Niedermann
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Armee-Seelsorger Christoph Zingg

Armee-Seelsorger Christoph Zingg

Herr Zingg, welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Rekrutenschule?

Christoph Zingg: Meine Geschichte mit der Armee ist relativ durchzogen. Ich habe meine Rekrutenschule bei der Gebirgsinfanterie absolviert und danach die Unteroffiziersschule angehängt. Ich war immer sehr gerne in den Bergen, aber bekam zunehmend Mühe mit den Schwarz-weiss-Mustern, die die Armee während des Kalten Krieges prägten.

Wieso verweigerten Sie nicht?

Aus familiären Gründen lag es nicht drin, dass ich verweigerte. Ich habe mich aber dafür eingesetzt, waffenlos Dienst leisten zu können. Das tat ich schliesslich auch bis zu dem Moment, an dem ich mich dispensieren lassen konnte. Als Pfarrer sind wir da in einer speziellen Position, weil wir uns, sobald wir eine Stelle in einer Gemeinde annehmen, vom Armeedienst freistellen lassen können.

Und wie kam es dann, dass Sie zum Armeeseelsorger wurden?

Nach meinem Theologiestudium war ich jahrelang Gemeindepfarrer in Bever GR. Ich blieb, auch als ich dispensiert wurde, immer in Tuchfühlung mit der Armee. In Bever hatten wir Armeeunterkünfte. So kam es ab und zu vor, dass Leute bei mir vor der Türe standen, weil sie das Bedürfnis hatten, ihre Sorgen abzuladen, oder einen Rat einzuholen. Als ich dann bereits für die Zürcher Stadtmission arbeitete, kontaktierte mich einerseits die Armee, und liess mich wissen, dass sie dringend Seelsorger suchten. Andererseits haben mir ehemalige Konfirmanden aus Bever, als sie in die RS kamen, gesagt, dass ihnen jemand fehle, mit dem sie so «schnurren» könnten wie mit mir.

Das reichte aus, um Ihre zumindest teilweise Ablehnung gegenüber der Armee zu überwinden?

Nein. Aber in der Zeit, als die Konfirmanden aus Bever und die Armeeseelsorge an mich herantraten, musste ich mir eingestehen, dass meine Friedensromantik aus den Achtzigerjahren nun neben einem Realismus stand, der anerkennen musste, dass es auf dieser Welt einige Pulverfässer gibt, die brennen. Ich bin zwar noch der Meinung, dass die Armee nicht zwingend die richtige Antwort darauf ist, aber ich kann diese Pulverfässer nicht ignorieren. Und deshalb darf ich die Leute, die versuchen auf ihre Art Verantwortung zu übernehmen, nicht einfach stehen lassen.

Was sind das für Leute, die während ihrer Rekrutenschule zu Ihnen kommen, was suchen diese bei Ihnen?

Unser Dienst funktioniert im Prinzip so: Wir sind Teil des Kommandostabs, in meinem Fall der Durchdienerschule 14 Aarau. Die erste Phase findet in Aarau statt, die zweite auf dem Waffenplatz Reppischtal. Im Verlauf der ersten sieben RS-Wochen haben wir als Seelsorger mehrere Gelegenheiten, uns vorzustellen. So wissen die Rekruten schon sehr früh, dass es uns gibt und wie man uns erreicht. Danach können in relativ kleinen Gruppen Zugsaussprachen geführt werden. Dabei tauschen sich Halbzüge mit uns über ihre ersten Erfahrungen in der Armee aus.

Was heisst das? Worüber wird da gesprochen?

Zunächst möchte ich erreichen, dass sie im Rahmen dieser Gespräche reflektieren, wie sie in den ersten Wochen den Dienstbetrieb, die Hierarchiestufen, die Auswirkungen ihres Dienstes auf die eigene Psyche, das persönliche Umfeld, das Privatleben und so weiter erlebt haben. Gerade bei den Durchdienern, mit denen ich es auf dem Waffenplatz Reppischtal zu tun kriege, spielt der Fakt, dass der relativ langweilige, von Repetition geprägte Dienstalltag angesichts der noch bevorstehenden Dienstzeit zu einer echten Belastung werden kann. Bei diesen Gesprächen geht es oft darum, dass man diese Belastung äussern und einfach ein wenig jammern kann. Viele holen sich auf diese Art wieder Schwung und entwickeln Perspektiven.

Kommen auch Rekruten von sich aus zu Ihnen?

Uns kann man direkt kontaktieren, ohne über den Dienstweg gehen zu müssen. Das wird von vielen Rekruten geschätzt. Dabei sind die Fragestellungen sehr vielschichtig. Oft kontaktieren mich junge Männer, die mit gewissen Situationen im Dienstbetrieb nicht klarkommen. Etwa mit der Situation im Schlafsaal, mit den Kollegen, die sich auf eine primitive Art über gewisse Dinge äussern, und so weiter.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Ich hatte etwa in der letzten Durchdienerschule einen Soldaten, der es widerlich und belästigend fand, dass seine Kollegen nachts Pornos schauten. Als er ihnen dies mitteilte, wurde er ausgelacht. Aus dieser Situation heraus suchte er Hilfe bei mir. In diesem Fall haben wir ein zweites Gespräch mit der ganzen Zimmergemeinschaft geführt. Es gibt aber auch immer wieder Fälle, wo das Materielle ein Problem darstellt. Es gibt Rekruten, die sind mit 20 Jahren schon hoch verschuldet. Da muss ich mir als Seelsorger überlegen, wie vernetze ich einen solchen jungen Mann? Als Armeeseelsorger übernehmen wir in solchen Situationen eine Triage-Funktion. Wir sind die ersten Ansprechpersonen und versuchen danach, fallbezogen andere Instanzen hinzuzuziehen.

Und wie verlinken Sie die Alltagsprobleme eines Rekruten mit Gott?

Wichtig ist es mir, diesen Männern die Idee zu vermitteln, dass das, was sie im Dienst durchleben, nicht das Letzte ist. Wie auch immer man es benennt, ob Gott, Allah, höhere Macht, Kraft, oder was auch immer: Da ist noch etwas, das stärker ist. Und nur schon der Umstand, dass diese Rekruten auf mich und meine Kollegen zukommen, zeigt, dass sie damit rechnen, dass man mit diesem Unverfügbaren in Beziehung treten kann. An uns liegt es dann, mit ihnen herauszufinden, wie sie damit in Beziehung treten können: Sei es über ein Gebet, über einen Text, oder auch nur über den Kontakt, den wir während unseres Gesprächs haben. Besonders liegen meinen Kollegen und mir die Arrestanten sehr am Herzen, die einige Tage alleine in einer Zelle sitzen. Da kommen oft Fragen auf, die sehr stark religiöser Natur sind. Sie zu besuchen ist Pflicht.

Endet mit Ihrer Dienstpflicht auch Ihr Engagement als Armeeseelsorger?

Ich werde dieses Jahr 50 und könnte aus der Armee ausscheiden. Ich habe den Verantwortlichen nun aber mitgeteilt, dass ich mindestens noch meine nächste Schule im Herbst 2012 begleiten möchte. Im Frühling 2013 beurteilen wir die Situation neu. Ich denke aber nicht, dass ich als Armeeseelsorger tätig sein werde, bis ich 65 bin. Ich werde ja doch nicht jünger und möchte gehen, bevor ich den Zugang zu den Jungen verliere. Unsere Söhne sind mir da, ohne dass sie es wissen, eine grosse Hilfe. Sie sind 17 und 15 Jahre alt. Ich denke, solange sie noch zu Hause sind und ich so den Zugang zu ihnen habe, so lange habe ich auch den Zugang zu dieser Generation und zu den Themen, die sie bewegen. Wenn sie ihren Weg dann einmal selber weitergehen und an ihrer Welt selber weiterbauen – dann spätestens ist es Zeit, aufzuhören.

Lesen Sie das komplette Interview im heutigen Sonntag.