Nachtarbeit im Limmattal
Arbeitsmediziner Dieter Kissling: «Nachtschicht zu arbeiten ist per se ungesund»

Der Arbeitsmediziner Dieter Kissling erklärt weshalb Nachtschicht krank machen kann und was Betroffene tun können um sich zu schützen.

Lydia Lippuner
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Statt bei Sonnen-, bei Mondlicht arbeiten: Das ist das Los der Nachtarbeiter.

Statt bei Sonnen-, bei Mondlicht arbeiten: Das ist das Los der Nachtarbeiter.

Keystone

Herr Kissling, was bedeutet es eigentlich für den Körper, in der Nacht zu arbeiten?

Dieter Kissling: Am Anfang sind die Nachtarbeiter gesünder, denn die Kranken scheiden schon zu Beginn aus. Das heisst, die Arbeiter steigen gesund in den Job ein und kommen krank heraus.

Können Sie das konkretisieren?

Nachtarbeitende haben mehr Schlafstörungen, rauchen mehr, leben ungesünder, lassen sich eher scheiden und sind weniger gebildet. Sie können an den Weiterbildungen ja nicht teilnehmen. Einzig die Sterblichkeit ist statistisch gesehen nicht erhöht.

Arbeitsmediziner Dieter Kissling.

Arbeitsmediziner Dieter Kissling.

ZVG

Das ist ein düsteres Bild. Was ist der Grund dafür?

Nachtschicht zu arbeiten ist per se ungesund. Oft fehlen soziale Interaktionen am Tag und es mangelt an Bewegung. Zudem ist die soziale Unterschicht oft in der Nachtarbeit vertreten, diese Vertreter leben eher ungesünder als hochgebildete Menschen.

Wie können sich die Arbeitnehmer schützen?

Es ist wichtig, sich in der Nacht nicht nur von Fastfood zu ernähren. Man sollte das Sozialleben fördern und sich ausreichend bewegen.

Ist es gefährlicher, in der Nacht zu arbeiten als am Tag?

Das Sicherheitsrisiko nimmt mit der Anzahl der Nächte zu. Nach der vierten Nacht gibt es mehr Unfälle. Zudem kommt es aber darauf an, wie anstrengend die Arbeit ist. Wenn es eine körperlich strenge Arbeit ist, sollte die Schicht kurz sein. Ist sie nicht so anstrengend, kann man auch für zwei Tage eine Zwölf-Stunden-Schicht durchhalten.

4,4

Prozent der Schweizer Arbeitnehmenden sind von Nachtarbeit betroffen.

Welche Tipps haben Sie für Leute, die Schicht arbeiten müssen?

Am wenigsten gesundheitsschädigend ist es, wenn man erst früh, dann spät und schliesslich nachts arbeitet. Die Nachtschichten sollten jeweils zwei bis drei Tage dauern, so wird das Schlafdefizit nicht zu gross zum Ende der Woche, denn erst in der zweiten Nacht schläft man wieder normal.

Was sagen Sie zu Menschen, die immer nur während Nachtschicht arbeiten?

Die Dauernachtschicht hat einen schlechten Ruf, ist jedoch nicht so schlecht für die Arbeitenden. Denn ein gewisser Rhythmus ist schon gegeben. Dazu muss man bedenken, dass jeder Bäcker ein Dauernachtarbeiter ist. Es gibt einige Berufsgruppen, die nur in der Nacht arbeiten.

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Stunden ist das Minimum an Ruhezeit, das im Durchschnitt zwischen zwei Arbeitsdiensten liegen soll.

Welche wären das genau?

Arbeiter in der Lebensmittelindustrie, im Service und im Gesundheitswesen sind besonders betroffen. Grundsätzlich überall dort, wo man die Prozesse der Gesellschaft aufrechterhalten muss.

Gibt es auch Unterschiede zwischen den Geschlechtern?

Ja, mehr Frauen als Männer sind betroffen und mehr Ausländerinnen als Schweizerinnen.

Wie kann man am Tag nach einer durchgearbeiteten Nacht gut schlafen?

Es gibt verschiedene Tricks: Eine dunkle Sonnenbrille auf dem Heimweg, Ohropax beim Schlafen, Tee trinken, den Schlaf in zwei Phasen teilen und auf Kaffee und Alkohol vor dem Schlafen verzichten. Wichtig ist es, in der Nacht nur leichte Kost zu essen. Ein Rhythmus ist überdies hilfreich, trotz verschiedenen Schichten sollte man fixe Essens- und Schlafenszeiten haben.

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Prozent Zeitzuschlag steht Arbeitnehmenden zu, die mehr als 25 Nächte pro Kalenderjahr arbeiten.

Das ist nun die Seite der Arbeitnehmer, doch was sollten die Arbeitgeber beachten?

Als Erstes ist es wichtig, dass sie die gesetzlichen Arbeitsbedingungen einhalten. Zudem wäre es wünschenswert, wenn die Arbeitgeber dafür sorgen würden, dass die Angestellten ab 55 nicht mehr Schicht arbeiten müssten. Denn ab diesem Alter bleibt einem oft nur noch die Wahl mit Schlafstörung durchzukrüppeln oder die Stelle zu verlieren. Das ist hart.

Vom Betriebsarzt zum Spezialisten für Arbeitsmedizin

Dieter Kissling ist Facharzt FMH Allgemeine Innere Medizin und Arbeitsmedizin. Vor 23 Jahren gründete Kissling das Institut für Arbeitsmedizin in Baden. Ursprünglich war dieses eine Auslagerung des betriebsärztlichen Dienstes des ABB-Konzerns. Heute umfasst sein Unternehmen rund 120 Angestellte und sechs Geschäftsbereiche. Der 62-jährige Mediziner ist immer noch in der Leitung des Instituts. Daneben ist Kissling Referent an diversen Konferenzen und Foren.