Mickry 3, «Fruchtexpress Zürich–Schlieren», Nähe Engstringerkreuzung

Die drei jungen Frauen von Mickry 3 hat es vor über 10 Jahren nach Schlieren verschlagen. Ihrer Reise von der Stadt Zürich in die Vorstadt haben sie die Skulptur «Fruchtexpress Zürich–Schlieren» gewidmet, ihren zweiten Beitrag zur Ausstellungsreihe, den sie auch «Eine kleine GentrifizierungsGeschichte» nennen. Diese haben sie selbst schon aus zwei Perspektiven miterlebt. Zuerst als Opfer: Denn es war nicht etwa eine schlummernde Leidenschaft für die Agglomeration, die sie damals nach Schlieren verschlug, sondern der Umstand, dass sie des ständigen Zügelns von einem «sauteuren und winzigen» Stadtzürcher Atelier ins nächste bald überdrüssig wurden. Dann kam das Angebot eines Ateliers im Gaswerkareal, das viel Platz zu erschwinglichen Preisen versprach.

So wurden sie selbst Teil jener, die gemeinhin als Treiber für die Gentrifizierung gelten: die Künstler, die vor allem aus Geldnot neue Gebiete erschliessen, die dadurch plötzlich hip werden. Die neue Skulptur soll nun noch einmal ihr Gefühl von damals zum Ausdruck bringen, als das Trio fröhlich wie die Figurengruppe, die in ihrem Betonschiffchen bei der Engstringerkreuzung sitzt, auf eine ungewisse Reise aufbrach. «Damals fanden wir dies einen recht gewagten Schritt», erinnert sich Dominique Vigne; sie und ihre Kolleginnen Christina Pfander und Nina von Meiss hätten sich in Schlieren erst exotisch «wie Ananas» gefühlt. Dieses Gefühl sei aber schnell verflogen, «denn wir wurden herzlich von weiteren flüchtigen Früchten empfangen». Eigentlich wollten die drei Mittdreissigerinnen den Fruchtexpress ja auf der Mittelinsel der Badenerstrasse im Verkehrsfluss treiben lassen, doch die Bauarbeiten für die Limmattalbahn haben dem einen Strich durch die Rechnung gemacht.

So ist das Betonschiffchen nun «wie einst die Arche auf dem Hügel Ararat in der Ebene von Geistlich» gestrandet, wo es nun zwei Jahre lang täglich Tausende von vorbeibrausenden Autos begrüssen wird. Die Skulptur ist für das Künstlerinnen-Trio ungewohnt eintönig. Sie befänden sich zurzeit generell «in einer grauen Phase», sagt Vigne. Darüber hinaus beziehe sich das Material Beton aber auch einerseits auf die direkte Umgebung der Skulptur und andererseits allgemein auf den Bauboom in Schlieren. Passend zum fröhlichen Sujet, für das sie allerdings extra einen Platz gesucht hatten, der «nicht auch noch allzu süss daherkommt», ist der Beton mit Glitzerpartikeln versehen – und in der Nacht beginnen die Augen der Figuren dank eingebauter Solarlämpchen zu leuchten.

Nun gibt es nur noch das Problem zu beheben, dass sich die Skulptur, von Osten her gesehen, kaum vom dahinterstehenden Industriegebäude abhebt. «Am liebsten wäre uns natürlich, wenn man dieses Gebäude für uns noch pink anstreichen könnte», scherzt Vigne. Wahrscheinlicher ist, dass der Fruchtexpress bald selbst noch etwas bunter wird.

John Grüniger, «Turntable», Stadtpark

Von weitem schon leuchten die roten Linien zwischen den grünen Blättern der Bäume im Schlieremer Stadtpark hervor. Erst wenn man sich dem Werk von John Grüniger nähert, wird auf der grossen Wiese im Westen der reformierten Kirche auch der Rest der Skulptur «Turntable» sichtbar, eine Art abstrakter, linearer Pavillon. Grüniger stellt beim Ortstermin ein bisschen irritiert fest, dass die Hunde, die im Park frei herumlaufen, das Werk schon vor der Vernissage für sich beschlagnahmt haben – die Stangen, die aus dem Rasen ragen, sind für sie offensichtlich ein idealer Ort, um ihre Duftfahne zu setzen. Dabei ist es durchaus gewollt, dass das Publikum mit der Skulptur interagiert, auch wenn Grüniger dabei eher an Menschen gedacht haben dürfte.

Denn erst durch die Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln wird der «Plattenspieler» zum Leben erweckt: Aus jeder Perspektive bietet sich einem ein neues Bild. «Wenn der Betrachter sich bewegt, bewegt sich auch die Skulptur», so Grüniger. Er wolle damit auch aufzeigen, dass das menschliche Hirn eigentlich nicht dafür geschaffen ist, lineare Strukturen korrekt zu verarbeiten. So entsteht durch die Anordnung der Elemente der Eindruck, dass die Skulptur keine rechten Winkel hat, obwohl alle der Stangen sich exakt rechtwinklig kreuzen. Grüniger, ein Gründungsmitglied der AZB, hat wie viele seiner Kollegen als Steinhauer begonnen. Dann fing er an, Stein mit Metall zu verbinden, bis er des Steins endgültig überdrüssig wurde. Seither schafft er Skulpturen mit grösserer Leichtigkeit und Dynamik.

Auch der «Turntable» – ein bereits 10-jähriges Werk, das Grüniger für die Ausstellung in Schlieren aber überarbeitet hat – scheint fast in der Umgebung zu schweben. Besonders das rote Metallstück, das sich wie der Tonarm eines Plattenspielers über das farblich dezentere, grob aufgeschliffene Chromstahlfundament legt, trotzt scheinbar den Regeln der Schwerkraft. Obwohl der 70-Jährige schon lange in Schlieren werkt, ist «Turntable» Grünigers erste Skulptur in der städtischen Ausstellungsreihe. Ausgewählt hat er sie erst, als er auf Erkundungstour mit dem Velo den Stadtpark als Standort entdeckte und sah, wie das Grün des Parks mit dem markanten Rot der Skulptur zusammenspielen würde.

Barbara Roth, «Garde-fou (Geländer)», Stadtpark

Etwas unscheinbar steht es zwischen Festzelt und Ententeich im Schlieremer Stadtpark, das «Garde-fou» von Barbara Roth. Sie nennt die Chromstahlkonstruktion «ein Geländer ohne Nutzen», «eine Irritation in der Landschaft». So nah am Fussweg platziert, dürfte sich tatsächlich so manch einer fragen, was dieses schräg abfallende, geknickte Geländer an diesem Ort soll – und damit wäre Roths Ziel auch bereits erreicht. Sie will mit dem zugleich robust und doch fragil wirkenden Objekt nämlich nicht etwa irgendwelche verborgenen Nachrichten übermitteln; die eine richtige Interpretation ihres Werkes gibt es nicht.

Diese kann sich jeder und jede, die dem Objekt begegnet, selbst machen. Zentral bei Roths Werken ist der Bezug zur Umgebung. So kommen für sie zuerst immer die Überlegungen zum Ort, an dem ein Objekt stehen wird, und erst dann das Objekt selbst. «In meinen Arbeiten stelle ich immer den Raum in den Vordergrund», so Roth. Im aktuellen Fall hatte sie sich eigentlich zuerst die Wiese hinter der Kirche ausgesucht, auf der nun John Grünigers Skulptur steht. Doch nun passt ihr das Fleckchen zwischen alten Bäumen, Teich und Kiesweg fast noch besser. Einerseits, weil die feinen Linien des tiefgelegenen Geländers hier am vielfrequentierten Weglein augenfälliger sind als auf der offenen Fläche in der Wiese, andererseits, weil das Licht hier je nach Einfall ganz unterschiedliche Bilder auf das feinmatte Material zeichnet.

Roth, die seit den Anfängen Mitglied der AZB ist, macht zum ersten Mal mit bei der Skulpturenausstellung in Schlieren. Mit Irritation und Kunst im öffentlichen Raum kennt
sie sich aber zur Genüge aus: Die heute 67-Jährige zeichnete als Teil des Künstlerkollektivs, das zwischen 2009 und 2015 unter dem Titel «Zürich Transit Maritim» verschiedene Kunst-Interventionen in der Stadt Zürich inszenierte, auch für den Hafenkran am Limmatquai mitverantwortlich – einem der schlagzeilenträchtigsten und umstrittensten Kunstereignisse in der jüngeren Geschichte der Stadt Zürich. Man wird sehen, ob das schräge Geländer im Schlieremer Stadtpark für dieselben Empörungs- und Begeisterungswellen sorgt.

Roland Hotz, «Fluss», Goldschlägiplatz

Zumindest für die Platzierung seiner neuen Skulptur in Schlieren ist Roland Hotz die Herzoperation, der er sich kürzlich unterziehen musste, gelegen gekommen, könnte man etwas zynisch sagen. Denn als Aufbautraining zieht der Steinhauer seither täglich schnellen Schrittes durch die Stadt, in der er seit 30 Jahren werkt – und ist dabei auf den idealen Standort für seine Skulptur «Fluss» gestossen: den Goldschlägiplatz. Der gefällt dem 72-Jährigen aufgrund seiner «grosszügigen Geste». Diese soll seine Skulptur, ein rund drei Meter hohes Steinprisma, auch nicht beeinträchtigen, deshalb steht sie nun am Übergang vom offenen, urbanen Platz zum dahinterliegenden Rietpark, um den sich Wohngebäude reihen.

Passend fand er den Ort auch, weil sein Beitrag damit in der Nähe der Limmat steht und so ein weiterer Bezug zum Thema Fluss hergestellt werden kann. In der Skulptur ist dieses bereits doppelt vorhanden: Einerseits, weil Hotz den leicht geknickten Stein mit einer wellenartigen Struktur versehen hat. Andererseits, weil das Material, ein rotes Lavagestein, das er vor Jahren in einem Steinbruch im mittelitalienischen Viterbo erworben hatte, eine im Vergleich zu anderen Gesteinen noch junge Vergangenheit des Fliessens in sich trägt. Inmitten des Neubauquartiers hat die Skulptur zudem etwas angenehm Anachronistisches. Denn Hotz setzt sich anhand seines Arbeitsmaterials Stein auch ausdrücklich mit der Spannung zwischen Tradition und Moderne auseinander. Auch aus der Not heraus: Mitten in seiner Karriere als Steinhauer musste Hotz feststellen, dass seine Arbeiten plötzlich weniger gefragt waren, dass die jungen Video-, Digital- und Performancekünstler Handwerks-Traditionalisten wie ihn links und rechts überholten.

Dadurch hat sich auch seine Kunst verändert: Hatte er früher seinen Steinen noch Strukturen und Formen verpasst, um ein bestimmtes Thema zu illustrieren, steht bei ihm etwa seit der Jahrtausendwende der Stein an sich im Zentrum – er ist für Hotz nicht mehr nur Mittel, sondern eigener Zweck. Die Urmaterie bietet ja auch genug Stoff für einen Kunstschaffenden, obschon Hotz freundlich lächelnd darauf hinweist, nicht zu viel in seine Werke hineinzuinterpretieren. Dabei beschäftigen ihn selbst die grossen existenziellen Fragen – die individuellen wie die kollektiven –, wenn er in seinem Atelier einem neuen Steinblock gegenübersteht. Schliesslich schlummert in jedem auch das ewige Mysterium irdischen Daseins: Zuerst war der Stein, dann kam das Leben.