Dietikon
Anti-SLS-Kampagne: «Das Sex-Gewerbe ist nicht involviert»

Finanziert das Sex-Gewerbe die teure Abstimmungskampagne der Gegner des Richt- und Gestaltungsplanung für das Industriegebiet Silbern-Lerzen-Stierenmatt (SLS)? Die Verantwortlichen dementieren.

Jürg Krebs
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Plakativ – nicht das Sex-Gewerbe an sich sei das Problem, sondern dessen Konzentration an einem Ort. (jk)

Plakativ – nicht das Sex-Gewerbe an sich sei das Problem, sondern dessen Konzentration an einem Ort. (jk)

AZ

Die Inserate- und Plakat-Kampagne fällt auf. Mit leicht bekleideten Frauen und mit Autobahn-Verkehrstafeln warnt ein Komitee davor, dass in Dietikon mehr Prostitution und in der Folge mehr Kriminalität droht.

Dies für den Fall, dass am 11. März 2012 die Abstimmungsvorlage der Stadt Dietikon angenommen wird. Diese sieht eine neue Richt- und Gestaltungsplanung für das Industriegebiet Silbern-Lerzen-Stierenmatt (SLS) vor.
Konzentration als Problem
Mitinitiant der Kampagne ist Gärtnermeister Werner Ungricht. Er sagt: «Das Problem der Vorlage ist die Konzentration des Sex-Gewerbes entlang des geplanten Boulevards. Das Komitee ist der Überzeugung, dass eine Anhäufung von Sexgewerbe ausgerechnet im ‹Schmuckstück› des Quartiers, der öffentlichen Flaniermeile Boulevard, sowohl für Familien als auch Arbeitnehmer eine Zumutung ist.» Und weiter sagt er: «Sind die Etablissements über das ganze Industriegebiet verteilt, fallen sie weniger auf, was bedeutend weniger Folgen für die Umgebung hat.»

Eine Konzentration hingegen locke auch das Sex-Gewerbe aus der Stadt Zürich an, das dessen Stadtrat an den Rand verdrängen will, etwa nach Altstetten.
Kritiker wittern Scheinheiligkeit
Die Gegner der Anti-SLS-Kampagne wittern hingegen Scheinheiligkeit und Eigeninteressen - indem sie Ungricht vorwerfen, er kämpfe gegen das Sex-Gewerbe, habe aber eine eigene Liegenschaft einem Bordell-Betreiber vermietet. Bei der Stadt Dietikon zeigt man sich angesichts der Kampagne ebenfalls befremdet: «Die Realität wird um 180 Grad verdreht», sagte Stadtplaner Jürg Bösch diese Woche gegenüber der az Limmattaler Zeitung.
Fakt ist: Die SLS-Vorlage beschränkt das Sexgewerbe auf einen kleinen Teil des Industriegebiets, bei einer Ablehnung ist es überall zugelassen. Böschs Kollege Thomas Jung, Abteilungsleiter Hochbau doppelte in der Ausgabe von gestern nach: «Ein Nein macht den Weg frei für das, was die Gegner anprangern.»
Nun äussert sich Werner Ungricht erstmals zu den Vorwürfen. Er stellt zweierlei klar. Erstens: «Ich bin nicht gegen das Sex-Gewerbe, ich bin nur gegen dessen Konzentration an einem Ort - wegen der zu erwartenden Folgeerscheinungen wie Kriminalität und Drogenhandel.» Wahr ist aber auch: Bei einer Annahme der SLS-Vorlage kommt Ungrichts Liegenschaft ausserhalb der Zone für erlaubtes Sexgewerbe zu liegen.
Zweitens: «Ja, ich vermiete die Liegenschaft an der Silbernstrasse 6a an einen Etablissement-Besitzer. Dieser wollte von der Altbergstrasse24, die mitten im Wohngebiet liegt, ins Industriegebiet wechseln.» Weil die Stadt die Bewilligung abgelehnt hat, sei jetzt ein Rekurs hängig.
Kein Sex-Gewerbe hinter Kampagne
Ein weiterer Vorwurf der Kampagnen-Kritiker zielt auf die Geldgeber, die mit ihren diversen Massnahmen - unter anderem den grossen Plakaten - teuer wirkt. Da zwei Komiteemitglieder im Industriequartier Liegenschaften besitzen, in denen sich Bordelle eingemietet haben, drängt sich die Frage nach der Finanzierung auf - möglicherweise eben durch das Sex-Gewerbe, wo viel Geld im Spiel ist. Georg Gasser von der Kommunikations-Agentur Viva, die das Komitee unterstützt, erklärt: «Das Sex-Gewerbe ist in keiner Art und Weise in die Abstimmungskampagne involviert, weder persönlich noch finanziell.»
Aufmerksamkeit erwünscht
Für Werner Ungricht hat die Kampagne mehr Aufsehen erregt als erwartet, was aber natürlich nicht schlecht sei. Das Thema Prostitution sei im Sinne einer Gefahr bewusst als Aufhänger gewählt worden, weil Dietikon respektive das Industriequartier nicht zum Sexzentrum der ganzen Region verkommen dürfe.
Auf das Thema Sex will sich das Komitee nicht reduzieren lassen. Der Gestaltungsplan SLS habe noch ganz andere Schwächen. Das Komitee habe diese Punkte seriös analysiert und in einem Flyer und in Themenblättern schriftlich zusammengefasst.
Ungricht bringt Beispiele: Die in der Vorlage ausgewiesenen Kosten seien zu wenig transparent, weil sie die Folgekosten nicht berücksichtigen würden. Für die Entschädigung von Grundeigentümern und die Gestaltung im Gebiet SLS könnten Millionen von Franken hinzukommen: «Da droht ein finanzielles Fass ohne Boden.»
Die Gegner der Vorlage befürchten zudem, dass das Verkehrschaos noch grösser wird, weil sich die Anzahl Arbeitsplätze auf 12000 verdoppelt. Nicht zuletzt ist nach Meinung des Komitees den Aspekten Erholung und Umwelt zu wenig Beachtung geschenkt worden. Ungricht fordert deshalb ein «ausgereifteres, verantwortungsvolles und zukunftsorientiertes» Projekt.