Schlieren
Angestellter kündigt bei der Stadt, aber arbeitet weiter für sie

Fragwürdiger Karriereschritt des Leiters des Bereichs Zusatzleistungen: Als Externer dürfte er mehr Geld erhalten – Stadt hält Zahl geheim.

Alex Rudolf
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Die Sozialabteilung im Schlieremer Stadthaus gibt zu reden.

Die Sozialabteilung im Schlieremer Stadthaus gibt zu reden.

Roland Schmid

In der Schlieremer Sozial­abteilung kehrt keine Ruhe ein. Nachdem der Stadtrat im Herbst beim Gemeindeparlament beantragt hat, die Durchführungsstelle für Zusatz­leistungen zur AHV und IV zu schliessen und die Bearbeitung der rund 600 Fälle an die SVA Zürich auszulagern, kommt nun Fragwürdiges zutage. Wie aus einem internen Mitarbeiter-­Rundmail hervorgeht, kündigte der Leiter des Bereichs Sozialversicherungen auf Ende 2020.

Er wird Anfang 2021 jedoch wieder für die Stadt ­tätig sein – neu als Freischaffender. Angestellte, die nicht namentlich genannt werden wollen, vermuten, dass ihr Chef im neuen Jahr durch den Wechsel viel mehr verdienen wird als bis anhin. Damit dürften sie recht haben.

«Ein Springer kostet 30 bis 50 Prozent mehr als ein städtischer Angestellter», sagt Astrid Furrer (FDP). Die Wädenswiler Sozialvorsteherin ist Co-Präsidentin der Sozialkonferenz des Kantons Zürich. Auch in der ­Wädenswiler Sozialabteilung habe sie in der Vergangenheit bei Personalmangel schon auf Springer zurückgreifen müssen. Sie erklärt, dass gut qualifiziertes Personal oftmals schwer zu finden sei. Dabei gebe es einen Unterschied zwischen Freischaffenden, auch Freelancer genannt, und Springern. Letztere würden von einer Agentur vermittelt und daher leicht mehr kosten, da eine Vermittlungsgebühr hinzukomme. «Der Lohn von Freelancern liegt nicht im selben Grössenbereich, aber er ist bestimmt noch immer höher als jener von Angestellten.»

Aus dem Bereich Sozialversicherungen ist derweil zu vernehmen, dass es im Team für viel Unmut sorge, dass der Ab­teilungsleiter nun seinen Lohn massgeblich erhöhe. Denn die sechs anderen Angestellten verlieren voraussichtlich per Mitte 2021 ihre Arbeitsstelle, da die Auslagerung ihrer Arbeit an die SVA per 1. Juli vorgesehen ist.

«Keine Angaben zum Lohn einzelner Mitarbeitender»

Der Schlieremer Sozialvorsteher Christian Meier (SVP) bestätigt auf Anfrage, dass der besagte Teamleiter gekündigt habe und per Anfang 2021 als Freischaffender weiterbeschäftigt wird. Bezüglich ­Bezahlung will er jedoch keine Details preisgeben: «Angaben zu Anstellungsbedingungen wie dem Lohn einzelner Mitarbeitenden machen wir ­keine. Wir bitten dafür um Verständnis», sagt Meier.

Die Vermutung liegt nahe, dass der Teamleiter de facto Chef bleibt. Denn wie Meier bestätigt, suche man keine Nachfolge. Dies würde man nur tun, wenn das Gemeindeparlament die Auslagerung nicht gutheissen würde. Wann das Parlament entscheiden wird, ist noch offen.

Anfang Oktober gab der Stadtrat bekannt, dass er mit der geplanten Auslagerung ­beabsichtige, jährlich rund 300000 Franken einzusparen. Neben den Kosteneinsparungen erhoffe man sich eine Verbesserung der Qualität der Arbeit. Denn die Schlieremer Personalressourcen seien von der kantonalen Prüfstelle als zu knapp ­bemessen eingestuft worden, heisst es im Stadtratsbeschluss. Angestellte befürchten hingegen, dass die Qualität der Arbeit eher sinken wird.

In der Tat wird die Arbeit der SVA nicht nur positiv gesehen. Für Astrid Furrer steht fest, dass sich die Qualität der Fall­bearbeitung keineswegs verbessere, wenn die SVA übernimmt. Man habe festgestellt, dass Fälle in einer hauseigenen Stelle für Zusatzleistungen vertiefter angeschaut werden als bei der SVA. «Es sind teils wahnsinnig komplexe Abklärungen zu treffen. Gemeinden tun dies in der Regel gründlicher, da sie ein grösseres Interesse an einer tiefgreifenden Abklärung haben als eine kantonale Stelle», so Furrer. Ein Vorteil sei auch die Kundennähe zu den Antragsstellern. Diese seien häufig fragil und könnten nicht einfach nach Zürich reisen, um ein persönliches Gespräch zu führen – «dies ist aber gerade bei komplexen Abklärungen hilfreich». Einige Städte hätten ihre Mandate, die sie der SVA übergeben hatten, sogar wieder zurückgenommen. Einzig kleinere Gemeinden, die eigens eine spezialisierte Person für die Zusatzleistungen anstellen müssten, würden mit einem SVA-Mandat besser fahren, sagt Furrer.

Nur noch 60 Stellenprozent statt 420 Stellenprozent

Die Stadt Schlieren plant – statt den heutigen 420 Stellenprozent – nur noch ein Stellenpensum von 60 Prozent ein, das vor Ort in Schlieren als Anlaufstelle für die AHV- und IV-Bezüger, die Anrecht auf Zusatzleistungen haben, eingesetzt werden soll. Darüber hinaus sollen alle Fälle am Hauptsitz der SVA in Zürich abgewickelt ­werden.