Gefängnisausbruch Limmattal
Angela M. soll sieben Monate ins Gefängnis – ihr Anwalt kritisiert die Anklage

Für die Flucht mit dem Häftling Hassan K. drohen der Ex-Aufseherin sieben Monate unbedingt. Auch er wird angeklagt.

Bettina Hamilton-Irvine
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In der Nacht auf den 9. Februar türmten Hassan K. und Angela M. aus dem Gefängnis Limmattal in Dietikon und flüchteten nach Italien. Sie wurden Ende März in einer Wohnung in Romano di Lombardia von der italienischen Polizei verhaftet.

In der Nacht auf den 9. Februar türmten Hassan K. und Angela M. aus dem Gefängnis Limmattal in Dietikon und flüchteten nach Italien. Sie wurden Ende März in einer Wohnung in Romano di Lombardia von der italienischen Polizei verhaftet.

Keystone

Jetzt ist klar: Die ehemalige Gefängnisaufseherin Angela M., die in der Nacht auf den 9. Februar einen Häftling aus dem Gefängnis Limmattal in Dietikon befreit hat, soll mit einer Freiheitsstrafe von 27 Monaten bestraft werden, davon sieben Monate unbedingt. Dies beantragt die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis, wie sie am Mittwoch mitteilte.

Die Strafuntersuchung gegen die 32-jährige Frau, die mit dem syrischen Häftling Hassan K. nach Norditalien flüchtete und dort Ende März verhaftet wurde, ist nun abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft hat beim Bezirksgericht Dietikon Anklage wegen Begünstigung und Entweichenlassen eines Gefangenen erhoben. Die Höchststrafe für beide Delikte zusammen würde viereinhalb Jahre betragen. Nicht erhärtet habe sich der Verdacht, die Aufseherin habe noch weiteren Insassen zur Flucht verhelfen wollen, heisst es in der Mitteilung.

Hingegen habe sich Angela M. geständig gezeigt, Hassan K. zur Flucht verholfen zu haben. Sie habe ihm zudem davor im Gefängnis ihr persönliches Mobiltelefon übergeben, damit er die Flucht vorbereiten konnte. «Das Vergehen ist schon sehr erheblich», sagt die Leitende Staatsanwältin Claudia Wiederkehr auf Anfrage. «Wir sind deshalb der Meinung, dass zumindest ein Teil der Strafe abgesessen werden muss.»

Angela M. und Hassan K. - was bisher passierte In der Nacht auf Dienstag, 9. Februar, verhalf die Gefängniswärterin Angela M. (32) dem Häftling Hassan K. (27) zur Flucht aus dem Gefängnis Limmattal in Dietikon.
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Sie schloss die Türen auf, während ihr Kollege auf Nachtschicht schlief. Und: Bald ist klar, dass Angela M. und Hassan K. ein Liebespaar sind.
Hassan K. kam 2010 in die Schweiz. Er wurde vom Bezirksgericht Dietikon wegen Vergewaltigung einer knapp 16-Jährigen zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig, weil er es an das Zürcher Obergericht weiterzieht.
Angela M. ist in Wohlen AG aufgewachsen, trainierte dort Kickboxen. Vor der Flucht lebte sie seit drei Monaten von ihrem Mann getrennt, den sie 2014 geheiratet hatte.
Nach ihrer Flucht wurde bekannt, dass sie mit einem Auto über die Grenze zu Italien geflüchtet waren. Es handelte sich um einen schwarzen BMW X1 mit dem Kennzeichen ZH 528 411.
Am 21. März tauchte eine Video-Botschaft vom M. und K. auf: Die ehemalige Gefängniswärterin entschuldigte sich darin bei ihrer Familie und beteuerte, Kiko sei «der Mann ihres Lebens».
Gott habe sie für seine Flucht gesandt: So äusserte sich Hassan K. im Video über Angela M. Er beteuerte, er sei zu unrecht verurteilt worden und beklagte sich über die Haftumstände.
«Das war nicht so gescheit»: Das sagte der IT-Experte Lionel Bloch über die Veröffentlichung des Videos. Tatsächlich fand die Polizei - nicht nur dank des Videos allerdings - heraus, wo sich das Pärchen versteckte.
In der Nacht auf Karfreitag, 25. März, klickten die Handschellen: Sie und er waren im Bett, als nachts um 3 Uhr Polizisten die Wohnung stürmten. Die Wohnung befand sich in einem Hochhaus in Romano di Lombardia (I), rund 100 Kilometer von der Schweizer Grenze und 60 Kilometer östlich von Mailand entfernt. Angela M. wehrte sich so sehr, dass vier Beamte nötig waren, um sie zu überwältigen.
Danach sitzen sie in einem italienischen Gefängnis. Gemäss ihres Anwalts haben sie ihrer Auslieferung in die Schweiz zugestimmt.
Nach 66 Tagen war Angela M. am Donnerstag, 14. April 2016, zurück in der Schweiz. Bis zur Urteilsverkündung sass sie in Untersuchungshaft. In Chiasso übernahmen Schweizer Polizisten Angela M.
Talk Täglich, 23. Mai 2016: Angela M. mit ihrem Verteidiger Urs Huber und Moderator Markus Gilli.

Angela M. und Hassan K. - was bisher passierte In der Nacht auf Dienstag, 9. Februar, verhalf die Gefängniswärterin Angela M. (32) dem Häftling Hassan K. (27) zur Flucht aus dem Gefängnis Limmattal in Dietikon.

Kapo ZH

Anwalt: «Nicht nachvollziehbar»

Ganz anders sieht dies Angela M.s Anwalt Urs Huber, wie er am Mittwoch auf Anfrage sagte: «Ich halte die Anklage für juristisch falsch. Angemessen wären sechs bis sieben Monate bedingt.» Es gebe keinen Grund für eine teilbedingte Strafe: «Ich kann das nicht nachvollziehen.» Er gehe davon aus, so Huber, dass das grosse mediale Interesse am Fall und der daraus resultierende Druck aus der Bevölkerung einen Einfluss auf den Entscheid der Staatsanwaltschaft gehabt hätten.

Weil er Angela M.s Vergehen als «Paradebeispiel» für eine bedingte Strafe ansehe, schätze er ihre Chancen dafür entsprechend gut ein. Angela M. wurde Mitte April von Italien in die Schweiz ausgeliefert und zwei Wochen später, entgegen des Antrags der Staatsanwaltschaft, aus der Untersuchungshaft entlassen. Aus Sicht des Obergerichts bestand keine Fluchtgefahr.

Für Hassan K., der Mitte Mai in die Schweiz ausgeliefert wurde, beantragt die Staatsanwaltschaft eine unbedingte Freiheitsstrafe von sechs Monaten. Er soll die Aufseherin dazu angestiftet haben, ihn zu befreien. Es wäre eine weitere Strafe für den 27-Jährigen, der zurzeit in einem Zürcher Gefängnis auf seinen Berufungsprozess wartet. Er hat das Urteil des Bezirksgerichts Dietikon angefochten, welches ihn im Dezember 2015 für die Vergewaltigung eines 15-jährigen Mädchens in Schlieren zu vier Jahren Gefängnis verurteilte. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Das Bezirksgericht Münchwilen im Kanton Thurgau verurteilte Hassan K. zudem im Mai 2014 wegen versuchter Vergewaltigung und sexueller Nötigung einer 19-jährigen Frau zu einer Haftstrafe von dreieinhalb Jahren. Auch dieses Urteil zog er bis ans Bundesgericht weiter, weshalb er zum Zeitpunkt der zweiten Vergewaltigung in Schlieren im November 2014 noch nicht im Gefängnis war. Mittlerweile ist der Entscheid aber rechtskräftig. Wird auch das zweite Urteil bestätigt und kommen noch die zusätzlichen Monate dazu, summiert sich das Ganze auf acht Jahre Freiheitsstrafe für Hassan K. Weil er im Gefängnis Limmattal bereits rund ein Jahr abgesessen hat, müsste er also noch sieben weitere Jahre im Gefängnis verbringen.

Zwei weitere Personen, die den beiden Flüchtenden in der Tatnacht vor dem Gefängnis Limmattal ein Natel und Geld für die Flucht übergaben, hat die Staatsanwaltschaft per Strafbefehl zu bedingten Geldstrafen und Bussen verurteilt.

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